Zwei Bergsteiger machen am Garmisch-Partenkirchner Maurersteig Rast.
+
An dieser Gedenkstätte machen Stefan Führmann und Jessica sowie deren Mama kurz Halt. Wenige Minuten später ereignet sich das Unglück.

„Ein zweites Mal überlebst du so etwas nicht“

Horror-Wanderung zum Königsstand: Bergsteiger entrinnen knapp dem Tod - „Felshagel ist auf uns zugerauscht“

  • Katharina Bromberger
    vonKatharina Bromberger
    schließen

Einen gewaltigen Steinschlag hat es am Maurersteig in Garmisch-Partenkirchen gegeben. Stefan Führmann, seine Freundin und deren Tochter haben ihn erlebt – und nur mit jede Menge Glück überlebt. Darauf reagieren wird die Gemeinde nicht.

Garmisch-Partenkirchen – Stefan Führmann duckt sich. Und wartet. Auf den Einschlag. Auf den Tod. In diesem Moment schließt er mit dem Leben ab. Dabei hat er doch schon einiges erlebt und überlebt. Vor ein paar Jahren zum Beispiel am Waxenstein. Beim Abseilen traf ihn ein Stein, er wurde bewusstlos. Jetzt aber muss er auf dieser harmlosen Wanderung zum Königsstand sterben. Und mit ihm seine Freundin und deren zwölfjährige Tochter. Erschlagen von einem dieser sitzball-großen Felsbrocken. Von einem Steinschlag spricht Führmann gar nicht erst. „Das war ein Felssturz.“

Garmisch-Partenkirchen: 600-Höhenmeter-Tour zum Königsstand - Riesiger Felsblock löst sich über Wanderern

Am Pfingstsonntag gegen 11 Uhr, der Dauerregen hat endlich aufgehört, machen sich die drei Garmisch-Partenkirchner auf den Weg. Vom Pflegersee geht’s über den Kellerleiten- zum Maurersteig und schließlich zum Königsstand. Eine 600-Höhenmeter-Tour mit ein wenig Kraxelei, die Führmann schon viele Male gemacht hat. Nach etwa 20 Minuten halten sie am Maurersteig an einem Unterschlupf an, einer Art Gedenkstätte mit Kreuzen. Welche Geschichten sie wohl erzählen?, überlegen Führmann, Freundin Christina Sifer und Tochter Jessica. Vielleicht Geschichten von tragischen Unfällen, von Verunglückten am Berg. Sie gehen weiter.

Nach etwa 30 Metern erreichen sie einen Trichter mit Geröll und Felsbrocken, im Zickzack führt der Pfad bergauf. Erst hört Führmann einen „immens lauten Knall“, ein Donnern wie bei einer Lawinensprengung. Dann sieht er den Felsblock, der sich keine 40 Meter über ihnen löst. So groß wie ein alter Zweier-VW-Golf. Sagt’s und betont: Er wolle auf keinen Fall übertreiben. „Wenn ich es nicht selbst erlebt hätte, ich würde es nicht glauben.“

Steinschlag am Maurersteig: Bergsteiger kommen mit Prellungen und einem Schock davon

Der Felsen zerbricht in ungezählte Stücke, die größten Brocken immer noch so groß wie Kühlboxen. Schutzlos stehen die drei da, „und dieser Stein- und Felshagel ist auf uns zugerauscht“. Seiner Freundin, der Ziehtochter und zwei Wanderern unter ihnen ruft Führmann nach eigener Aussage noch zu: „Vorsicht, Steinschlag.

Klein machen und Köpfe runter.“ Jessica lässt sich fallen, ihre Mutter wirft sich schützend über sie. Führmann, etwa fünf Meter entfernt, kauert sich hin. Im Augenwinkel, so schildert er die Situation ein paar Tage später, sieht er Geschosse vorbeirauschen, zum Teil nur ein paar Zentimeter entfernt. Nach ein paar Sekunden – die längsten Sekunden, die die drei bis dahin erlebt haben – ist alles vorbei.

Ein zweites Mal überlebst du so etwas nicht.

Stefan Führmann

Christina Sifer und Tochter Jessica liegen zusammengekauert im Geröllfeld, einige Schuhkarton große Brocken auf ihnen. Doch bis auf eine Prellung am Ellbogen – und einen gewaltigen Schock – ist nichts passiert. Führmann findet nicht einmal einen Kratzer an sich. Auch das Paar in der Nähe – die Frau ist hochschwanger – bleibt unverletzt. Schnell bringen sie sich in Sicherheit, nur raus aus der Rinne. An einem Wiesenhang atmen sie erst einmal durch, beruhigen vor allem das Mädchen. Führmann ist ruhig. Er fühlt sich einfach nur froh und erleichtert. „Ein zweites Mal überlebst du so etwas nicht.“

Nach Horror-Wanderung in Garmisch-Partenkirchen: Bergsteiger hält Warnschild für sinnvoll - Absage von Gemeinde

Ein Schild vor der Rinne, das vor Steinschlag warnt, hält er für sinnvoll. „Einfach, damit die Leute da schnell durchgehen.“ Das aber wird nicht kommen, zumindest nicht von offizieller Seite.

Die Alpenvereinssektion Garmisch-Partenkirchen hat dem 38-Jährigen auf seine Anfrage hin bereits eine Absage erteilt. Der Maurersteig sei kein ausgeschilderter Weg. Eine ähnliche Aussage trifft die Gemeinde. Der Pfad werde, anders als alle Berg- und Wanderwege bis auf Höhe des Kellerleitensteiges, vom Markt weder besichtigt noch unterhalten.

Schade, findet Führmann. Auch wenn er nicht glaubt, dass so ein Unglück in naher Zukunft noch einmal passiert. Jederzeit würde er den Weg wieder gehen. „Das war so ein Pech und Glück zugleich.“

Eine Wanderin hat einen Wilderer in einem Wald bei Griesen in flagranti erwischt. Jetzt wurde der Mann, ein 28-Jähriger aus Garmisch-Partenkirchen, zu einer saftigen Geldstrafe verurteilt. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen GAP-Newsletter.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare