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Stundenlang kämpften sich die Bergretter durch die dicken Eisschichten zu den Verunglückten vor.

Er war mit seinen Söhnen beim Eisklettern

Schneemassen begraben Hüttenwirt:  So hart kämpften die Retter um sein Leben - vergeblich

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Bis zu 20 Meter hoch türmt sich der Altschnee in dem Lawinenkegel am Partnach-Ursprung. Seine eisigen Wände reizen Kletterer – wie den Wirt der Reintalangerhütte und seine Söhne. Das wurde ihnen zum Verhängnis.

Garmisch-Partenkirchen – Die Betroffenheit ist gewaltig. Und die Fassungslosigkeit über dieses tragische Unglück. Einer, den viele im Raum Garmisch-Partenkirchen von gemeinsamen Touren kannten, einer, der sich vor drei Jahren im Wetterstein einen Traum erfüllt hat, einer, den etliche Wanderer und Bergsteiger als Wirt der Reintalangerhütte erlebt haben – er ist tot. Beim Eisklettern am Partnach-Ursprung unter betonharten Schneemassen begraben. Für den 51-jährigen Michael Stimmer kam am späten Sonntagvormittag jede Hilfe zu spät. Seine Söhne (17 und 24) erlebten den Abbruch der Scholle mit. Der Jüngere „wurde ebenfalls durch die herabstürzenden Eismassen verschüttet“, sagt Polizeibergführer Lorenz Kellner. Zum Glück aber nur teilweise. 

„Unfall beim Eisklettern, zwei Bergsteiger begraben“ lautete die Meldung, die um 11.45 Uhr bei der Bergwacht-Bereitschaft Garmisch-Partenkirchen einging. Der 24-Jährige hatte den Notruf abgesetzt, nachdem er erfolglos versucht hatte, seinen Vater und Bruder mit bloßen Händen zu befreien. Nachdem an der Unglücksstelle auf gut 1400 Metern Höhe kein Mobilfunk-Empfang ist, war er zur Hütte zurückgeeilt. Mit dem Rettungshubschrauber Christoph Murnau gelangten die Einsatzkräfte ins Reintal. Mehrmals flog der Pilot, um letztlich 18 Retter – darunter zwei Notärzte und ein Mitglied des Kriseninterventionsdienst – und etliche Gerätschaften auf den Berg zu bringen. 12 weitere unterstützten das Ganze vom Tal aus. Am Lawinenkegel wollten schon mehrere Gäste der Reintalangerhütte mit Hilfe von Schaufeln und Pickeln zu den Verunglückten gelangen. Viel ausrichten konnten sie allerdings nicht. „Eigentlich nur dem verletzten Sohn gut zureden“, betont einer der Beteiligten. Völlig unterkühlt und teilweise komplett durchnässt – „einige standen unter dem Wasserfall“, sagt der Einsatzleiter der Bergwacht – arbeiteten sie bis zum Eintreffen der Rettungskräfte. Die versuchten parallel, zu beiden Verunglückten vorzudringen. Etwa zehn von ihnen standen oben auf dem Eisfeld, vier weitere bauten eine Seilbahn zum Transport des umfangreichen Materials auf.

Hüttenwirt verunglückt beim Eisklettern im Reintal - Fotos

„Anspruchsvoll und sehr komplex“ beschreibt ein Bergwacht-Mann den Einsatz. Kellner von der Polizei geht einen Schritt weiter. „Unter großem Aufwand und erheblicher Eigengefährdung“, sagt er, gelangten die Retter zu den Verunglückten. Den 17-Jährigen, der etwa drei Meter tief unter dem Schneefeld eingeklemmt war, hatten sie relativ schnell geortet. Er saß in einem Hohlraum fest. Nachdem sein Vater noch mit dem Sicherungsseil verbunden war, konnten die Retter auch den Garmisch-Partenkirchner ausmachen – etwa sechs Meter Luftlinie von seinem Sohn entfernt. 

„Das Eis war hart wie Stein“

Ihn zu befreien, erwies sich als schwierig. „Das Eis war hart wie Stein“, betont der Einsatzleiter. Gut zwei Stunden dauerte es, bis Stimmer ausgegraben war. Ein Notarzt konnte nur noch seinen Tod feststellen. Sein Sohn war nach circa vier Stunden befreit. Mit einer Motorsäge schnitten die Einsatzkräfte einzelne Blöcke heraus. „Er wurde mit einer Beinverletzung ins Klinikum Garmisch-Partenkirchen geflogen“, erklärt Kellner. Der Polizist und zwei Kollegen waren mit der Bergung der Leiche, die mit dem Polizeihubschrauber ins Tal gebracht wurde, und der Unfallaufnahme beschäftigt. Ein Transport-Helikopter der Bundespolizei flog die Retter und das Material hinunter. 

Dass Kletterer den Lawinenkegel, der sich in jedem Frühjahr in der Schlucht am Partnach-Ursprung auftürmt, bezwingen wollen, ist nach Auskunft von Experten nicht ungewöhnlich. In der Regel sei dieses Unternehmen maximal zwei Wochen möglich, dann bricht der Schnee. Die Massen, die am Fuß des Wasserfalls liegen bleiben, sind gewaltig: in der Mitte bis zu 20 Meter hoch, am Rand noch etwa zehn Meter. „Absolut ungewöhnlich“ findet Polizeibergführer Kellner jedoch, dass sich der Vater und seine beiden Söhne bei den momentan herrschenden sommerlichen Temperaturen zum Eisklettern aufgemacht haben. Auch wegen des Aggregatzustands des Altschnees, meint er. Unter diesen Bedingungen „fiel gegen 10.30 Uhr ein Teil des noch vorhandenen Eisgebildes in sich zusammen und begrub den Verunglückten vollständig“. Michael Stimmer ist tot. Eine Tragödie für Familie, Freunde und Einsatzkräfte.

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