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Läuten oder nicht? Pfarrer Josef Konitzer vor der Alten Kirche von Garmisch. Seit einer guten Woche hat er den Glockenschlag zwischen 22 und 6 Uhr ausgesetzt.

Ausnahmezustand in Traditionsort

Weil sich Touristen über „Lärm“ beschwerten: Pfarrer lässt Kirchenglocken schweigen - Empörung im Ort

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Ein Vermieter von Ferienwohnungen hat sich in Garmisch über den nächtlichen Lärm beschwert. Seitdem schweigen die Glocken – aber Ruhe ist im Ort noch lange nicht.

  • In Garmisch-Partenkirchen reagiert die Gemeinde auf Touristen-Beschwerden wegen Lärms
  • Es geht um das Glockengeläut der Kirche, das nun abgestellt wurde
  • Damit ist die Diskussion im Ort um die Kirchenglocken aber noch nicht vorbei

Garmisch-Partenkirchen – Pfarrer Josef Konitzer, 58, sitzt im Pfarrbüro direkt neben der Alten Kirche von Garmisch, Baujahr 1280. Vor ihm liegt ein Blatt Papier. Es ist eine ausgedruckte E-Mail. Er wird sie gleich mit ruhiger Stimme vorlesen, Zeile für Zeile, obwohl es in ihm brodelte, als er den Text zum ersten Mal las. Mit dieser E-Mail hat der Ärger begonnen

Sie hat eine Welle ausgelöst, deren Wucht noch nicht absehbar ist. Denn in dieser Geschichte geht es um die ganz großen Dinge: Heimat, Tradition, Nachtschlaf.

Konitzers Kirche ist berühmt für ihre Wandgemälde und die sieben Meter hohe Darstellung des heiligen Christophorus. Dieses Gotteshaus ist ein Schmuckstück und ein einzigartiges Symbol des Christentums in der Region. Trotzdem gibt es gerade riesigen Ärger um sie. Besser gesagt: um die Glocken der ältesten Kirche im Werdenfels.

„Jetzt wach ich auf, weil nichts mehr schlägt.“ Christoph Ostler vor der Garmischer Pfarrkirche St. Martin.

Pfarrer Konitzer liest die erste Zeile vor: „Wir als Gastgeber sind ständig bemüht, neue und mehr Feriengäste nach Garmisch zu bekommen“, heißt es. Ein Vermieter, der in der Nähe der Kirche Ferienwohnungen anbietet, hat den Text verfasst. Der Pfarrer liest weiter: „Gerade das Wort von der gegenseitigen Rücksichtnahme müsste für die Kirchengemeinden doch einen besonders hohen Stellenwert genießen.“ Und noch einen Satz weiter: „Leider ist dem nicht so.“

Glocken schlagen viertelstündlich und zur vollen Stunde

Manche Aussagen sind fett gedruckt und unterstrichen. Es ist ein Dokument der Einschüchterung, egal, wie man zur Sache an sich steht. Der Vermieter stört sich an den Kirchenglocken, die in Garmisch seit Generationen viertelstündlich und zur vollen Stunde schlagen. Vor allem das Geläut in der Nacht sei „unangemessen und äußerst störend“. Es vergraule die Gäste. Das Verhalten der Kirche „darf man getrost als vollkommen unsozial bezeichnen“.

Wumms. Da hat jemand seine gesammelte Wut beim Pfarrer abgeladen. Jetzt könnte man sagen: Na und? Sollen die Wütenden doch wüten. Aber so einfach ist das heutzutage nicht.

„Ich bin jeden Tag rund um die Uhr vom Geläut betroffen“

Die E-Mail ging auch an GaPa Tourismus, die Tourismus-Firma der Marktgemeinde. Der Pfarrer wurde gebeten zu antworten. Das machte er. Er antwortete: „Persönlich bin ich jeden Tag rund um die Uhr vom Geläut betroffen und habe es inzwischen sieben Jahre ertragen und ausgehalten, ohne einen Schaden davongetragen zu haben.“ Und weiter antwortete er: Das Problem löse sich eh bald, denn die „alte Garmischer Kirche wird abgerissen und hier entstehen neue Ferienwohnungen“. Das Jahrhunderte alte Bauwerk stehe unter Denkmalschutz, „aber das wird in der heutigen Zeit keine großen Probleme geben“.

Das mit den Ferienwohnungen stimmt natürlich nicht, der Pfarrer flüchtete sich in beißende Ironie. Das muss man manchmal tun, wenn man nicht weiß, wohin mit der Entrüstung.

Trotzdem hat ihm die Sache mehr zu denken gegeben, als es auf den ersten Blick scheint. Seit einer guten Woche hat er den Glockenschlag zwischen 22 und 6 Uhr ausgesetzt.* Der Pfarrer sieht es so: Das Ganze soll ein Test für seine Gemeinde sein – kein Einknicken. Er sagt: „Ich wollte schauen, ob es den Menschen überhaupt auffällt.“

Die Anlieferung der neuen Glocken für die Alte Kirche in Garmisch. Ein Bild aus dem Jahr 2012.

Antwort: Ja, es ist mit Verzögerung sehr wohl aufgefallen. Die stummen Glocken sind Ortsgespräch. „Ich bin der Meinung“, sagt Konitzer, „die Garmischer sollen jetzt entscheiden. Glocken gehen alle an.“ Ihm schwebt so was wie ein Bürgerbegehren vor – er will die Sache jetzt wortwörtlich an die große Glocke hängen. Sigrid Meierhofer, die SPD-Bürgermeisterin der Marktgemeinde, sagt auf Anfrage: „Wir gehen davon aus, dass Herr Pfarrer Konitzer mit seiner Aussage nicht ein Bürgerbegehren nach Artikel 18a der Gemeindeordnung gemeint hat, sondern sich eher ein Meinungsbild mittels einer Meinungsumfrage von der hiesigen Bevölkerung wünscht.“ Sie selbst finde es sehr schade, wenn „Traditionen offenkundig mit dem heutigen Zeitgeist in zunehmendem Maße kollidieren“. Der Glocken-Entscheid liege aber bei den Verantwortlichen der Kirche – „und ist wahrlich nicht einfach“.

In anderen Gemeinden schlagen Glocken nachts nicht mehr

Zur Wahrheit gehört: In vielen anderen Gemeinden schlagen die Glocken nachts schon lange nicht mehr. Einige wenige Beschwerden über die Garmischer Glocken hat es schon davor gegeben. Eine österreichische Touristin hat sich aufgeregt, dass sie nicht schlafen könne. Und ein Niedersachse auf Besuch ließ den Pfarrer wissen, dass ihn die „24-Stunden-Rundum-Betreuung durch die Kirchenglocken extrem gestört“ habe. „Ein Muslim“, sagt Konitzer lachend, „ist hingegen noch nie gekommen, um sich zu beschweren.“

Ein paar hundert Meter neben der Alten Kirche lebt Christoph Ostler am Mohrenplatz mitten in Garmisch. Er wurde hier vor 68 Jahren geboren. „Per Hausgeburt“, sagt er. Neben seinem Haus steht eine weitere Kirche, die Pfarrer Konitzer betreut. Sie heißt St. Martin – auch hier wurde der nächtliche Glockenschlag ausgesetzt. Seitdem versteht Ostler die Welt ein bisschen weniger. Seine Familie vermietet hier seit 1928 Fremdenzimmer. Aktueller Preis: 25 Euro pro Person und Tag. „Es hat sich noch nie jemand über die Glocken beschwert“, sagt Ostler. Im Gegenteil. „Die Menschen sind ja weit und breit neidisch auf das schöne Geläut, das wir hier haben.“

„Ah, ein Schlag, jetzt ist zwölfi“

Ostler war früher Ministrant, einmal die Woche geht er heute noch zur Rentner-Messe in die Kirche. Ein Leben ohne die nächtlichen Glockenschläge kann er sich nicht vorstellen. Früher haben er und seine Spezln sich daran orientiert, wann sie aus dem Wirtshaus heim müssen. „Ah, ein Schlag, jetzt ist zwölfi“, erzählt er. Obwohl sie dann meistens noch ein paar Schläge abgewartet haben, bis sie tatsächlich heim sind. Seit ein paar Tagen hat er so was wie Phantomschmerzen. „Jetzt wach ich auf, weil nichts mehr schlägt.“

Ostler hat einen Artikel über das Thema auf Facebook veröffentlicht, seitdem wird er immer wieder angesprochen. „Es wäre sehr schön“, hat er geschrieben, „wenn wir hier an der Pfarrkirche St. Martin mit dem vielen Straßenlärm und Nachtlokalen mit lautester Musik die grölenden, betrunkenen Menschen auch so schnell zum Schweigen bringen könnten wie die wehrlosen Glocken.“

Er hat viel Zustimmung bekommen. Er sitzt in der Stube, auch er hat ein Blatt Papier vor sich – es ist der Text, den er auf Facebook veröffentlicht hat. „Die Leute sagen, ich habe einen Shitstorm ausgelöst, obwohl ich gar nicht weiß, was ein Shitstorm ist.“ Er muss lachen. Aber nur kurz. „Wir Bayern“, sagt er, „sind ja nur noch Folklore-Beiwerk.“ Fast schon Ruhestörer in der eigenen Heimat – so empfindet er das gerade .

„Ein Wahnsinn“, sagt er.

Glocken und ihre Feinde in Bayern:

Der Fall ist übrigens so einzigartig nicht. In Weyarn beschwerte sich eine Neubürgerin ebenfalls über die Glocken - der Pfarrer reagierte cool.*

Ärger in der Chiemsee-Gemeinde Grabenstätt: Ausgerechnet im tiefsten Oberbayern beschwert sich ein Anwohner massiv über Glockengeläut am 24. Dezember.*

Im bayerischen Schongau liegt ein offensichtlich verletztes Reh im Straßengraben. Der hinzugerufene Jäger schießt zweimal daneben.* Ein Paar ärgert sich über den Vorfall.

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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