+

Die Bewahrer der Heimat

Gauland in Garmisch-Partenkirchen: Kritik und Jubel für AfD-Spitzenmann

  • schließen

Der Protest gegen den Auftritt des AfD-Spitzenkandidaten verlief friedlich. Aber nicht nur vor dem Rassen blieb es am Samstag ruhig, auch im Saal. Dr. Alexander Gauland gab sich gemäßigt und vermied verbale Entgleisungen wie zuletzt gegen Aydan Özoguz.

Garmisch-Partenkirchen – „Unser Hoamat is weiß-blau und bunt“ steht auf einem der Plakate. Überwiegend junge Leute halten diese hoch. Sie zeigen am späten Samstagnachmittag im Ortsteil Partenkirchen Flagge gegen die AfD-Veranstaltung im Gasthof Rassen. Diese „Hoamat“ wollen Polizei-Schätzungen zufolge insgesamt etwa 250 Demonstranten vor „braunen Einflüssen“ bewahren. Eine andere Gefahr, nämlich die der Überfremdung, sehen allerdings die Besucher im Saal. „Mutbürger, die sich ihr Land zurückholen wollen“, nennt sie Thorsten Probst vom AfD-Bezirksverband Oberbayern.

Und er, der den Abend moderierte, ließ es sich genau wie die Redner nicht nehmen, gegen die Demonstration zu wettern. Vor allen der grün-schwarze Zusammenschluss – die parteiübergreifende Gegenveranstaltung hatten Elisabeth Koch, Fraktionsvorsitzende der CSU im Garmisch-Partenkirchner Gemeinderat, und Grünen-Sprecherin Dorothee Sührig organisiert – war eine absolute Steilvorlage für die 200 Anhänger der Alternative für Deutschland.

Auf dem Weg ins Werdenfelser Land waren Dr. Alexander Gauland einige Wahlplakate in München ins Auge gestochen. Mit einem überdimensionalen Konterfei von Franz Josef Strauß wirbt seine Partei darauf, dass der frühere bayerische Ministerpräsident sie wählen würde. „Eine kluge Idee“, meinte Gauland. „Ich kenne Franz Josef Strauß noch, der würde nicht akzeptieren, dass die CSU gemeinsame Sache mit der grünen Bagage macht.“ Der Garmisch-Partenkirchner Schulterschluss ist für den gebürtigen Chemnitzer (76) ein Beleg dafür, „dass es um unser Land nicht gut steht“.

AfD-Aussagen werden im Container entsorgt

Da prallen Welten aufeinander. Und Meinungen, die unterschiedlicher nicht sein können. Das wurde schon bei der friedlichen Demonstration im Vorfeld von Gaulands Auftritt deutlich. Die Teilnehmer waren eingeladen, „besonders entlarvende Zitate beliebiger AfD-Politiker“ mitzubringen und diese in einem am Kirchplatz aufgestellten Container zu entsorgen. Hintergrund war natürlich Gaulands Aussage, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, in Anatolien entsorgen zu wollen. Worte, zu denen der Bundestags-Spitzenkandidat der rechtspopulistischen Partei kurz darauf im Rassen-Saal Stellung nahm – und ein wenig zurückruderte: Er habe „der Dame einfach nur empfohlen – ganz höflich – dass sie doch eventuell einen längeren Aufenthalt in einem Land nehmen könnte, in dem sie vielleicht die kulturellen Regeln besser versteht“.

Für ein weltoffenes und buntes Garmisch-Partenkirchen demonstrieren insgesamt 250 Menschen auf dem Kirchplatz.

Nicht nur Gaulands Äußerung landete in besagtem Container. Josef Eder, der momentan für die Choreografie des „Glöckners von Notre Dame“ im Rahmen der Jugendkulturtage in Garmisch-Partenkirchen zuständig ist, hatte eine Aussage mitgebracht, die ihn persönlich betraf. Im vergangenen Oktober hatte er in Dessau das Tanztheater „Das Fremde – so nah“ mit deutschen und syrischen Jugendlichen einstudiert. Ein AfD-Politiker erklärte dazu: Das Projekt ziele darauf ab, „Jugendlichen den Sinn für die Differenz zwischen dem Eigenen und dem Fremden abzuerziehen“. Worte, „die man sich schon auf der Zunge zergehen lassen muss“, meinte Eder.

Er war übrigens nicht allein erschienen. Nach der Glöckner-Probe hatten sich etliche Kollegen – „ganz spontan“ – mit ihm zum Kirchplatz aufgemacht. Der künstlerische Leiter Harald Helfrich, der für die SPD im Gemeinderat sitzt, hatte kein Zitat dabei. Er plädierte aber in einer Rede dafür, dass Menschen aufeinander zugehen sollten, statt übereinander zu reden. „Denn das machen die Herrschaften da drinnen“, sagte er mit Blick auf den Gasthof Rassen. „Mit Mauern sind Probleme noch nie gelöst worden.“

Viel Beifall für die Kritik an Merkels Asylpolitik

Aussagen, die an den Gästen im Saal wahrscheinlich abprallen würden. „Die sollen ruhig demonstrieren, dann haben sie ein paar Stunden weniger Zeit, unsere Plakate runterzureißen“, sagte Helmut Filser, stellvertretender Vorsitzender im Kreisverband Oberbayern Süd-West. Fürs Poltern – etwa gegen den FDP-Kandidaten Martin Schröter, der sich entgegen seiner Ankündigung „dann doch nicht zu uns getraut hat“ – waren er, Probst und Bezirkschef Florian Jäger zuständig.

Gut besucht: Zahlreiche Interessierte und Anhänger der AfD lauschen den Reden der Kandidaten im Rassen-Saal.

Gauland gab sich relativ gemäßigt. Ganz ruhig, wenig emotional verdeutlichte er seine Positionen – und erntete dafür viel Beifall und stehende Ovationen. Insbesondere in die Asylpolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verbiss er sich. Da sprach er von „gesellschaftlichen Kräften, die unser Land ruinieren“. Und davon, dass alle, die über die Mittelmeer-Route nach Europa strömen, „wieder nach Afrika zurückgeschickt werden müssen“. Auch die Abstimmung der Deutsch-Türken, die in der Bundesrepublik unter dem Schutz des Grundgesetztes leben, über das Verfassungsreferendum von Recep Tayyip Erdogan beschäftigte Gauland. „63 Prozent davon stimmen für eine Verfassung, die ins finsterste Anatolien gehört.“

Die „unkontrollierte Einwanderung“, die den AfD-Vertretern zufolge dazu führt, „dass wir unsere Wurzeln und Traditionen verlieren“, treibt Edeltraud Schwarz ebenfalls um. „Nicht wir, sondern die Kulturen, die zu uns kommen, haben sich zu integrieren“, betonte die Wahlkreis-Kandidatin. „Dann sind sie uns willkommen.“ Merkel und ihrer Regierung hielt sie „Vetternwirtschaft und Schieberei“ vor. Dass auch Strauß, mit dem ihre Partei jetzt im Vorfeld der Bundestagswahl kräftig die Werbetrommel rührt, kein unbescholtenes Blatt ist, war dabei kein Thema.

Magdalena Kratzer

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Leichenberge so groß wie Baracken: KZ-Überlebender spricht über sein Martyrium
Flossenbürg, Auschwitz, Mathausen-Gusen: Onufrij Mikhajlowitsch Dudok überlebte alle drei NS-Konzentrationslager. Mit über 90 erzählte er nun Schülern von seinen …
Leichenberge so groß wie Baracken: KZ-Überlebender spricht über sein Martyrium
Murnau ist ein sicheres Pflaster
Murnau und die umliegenden Gemeinden haben nicht nur viel Lebensqualität zu bieten, sondern auch ein hohes Maß an Sicherheit. Dies geht aus der Kriminalitätsstatistik …
Murnau ist ein sicheres Pflaster
Landesausstellung: Dort können Besucher sich verpflegen
Was passiert, wenn der kleine Hunger kommt? Bei der Landesausstellung in Ettal wird es kein eigenes Essenszelt geben. Die Verantwortlichen glauben dennoch, dass die …
Landesausstellung: Dort können Besucher sich verpflegen
Nicht jede Entwicklung ist positiv: So sieht die Sicherheitslage im Landkreis aus
Aufgeklärte Einbruchserien, tausende Festnahmen an der Grenze, weniger Diebstähle: Die Bürger im Landkreis können ruhig schlafen. Zumindest fallen die Zahlen des …
Nicht jede Entwicklung ist positiv: So sieht die Sicherheitslage im Landkreis aus

Kommentare