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22 Gemeinden zählt der Landkreis Garmisch-Partenkirchen, in dem rund 87 877 Menschen leben. Seinen heutigen Zuschnitt erhielt er im Zuge der Gebietsreform in den 1970er Jahren. Damals kamen die Staffelsee-Region mit Murnau als Zentrum und Bayersoien hinzu.

Neue Serie über die Gebietsreform

Als der Landkreis ein neues Gesicht bekam

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Die Gebietsreform ordnete in den 1970er Jahren den Freistaat neu – und damit auch den Landkreis Garmisch-Partenkirchen, der seinen heutigen Zuschnitt erhielt. Entscheidend war dabei: Es kam der Großraum Murnau hinzu. Wir erinnern mit einer Serie an die Neugliederung, die vor 40 Jahren abgeschlossen wurde.

Landkreis – „Big is beautiful“ (auf Deutsch: „Groß ist schön“): So lautet eine Faustformel der Wirtschaftswelt. Gemeint sind damit Zusammenschlüsse und Übernahmen, die Unternehmen stärker und effizienter machen sollen. Ähnliche Ziele verfolgte ein bürokratischer Kraftakt, der von 1971 bis 1978 die Verwaltungsstruktur im Freistaat komplett umkrempelte und als Gebietsreform in die Geschichtsbücher einging. Damals begann ein neues kommunalpolitisches Zeitalter. Denn die Staatsregierung löste eine regelrechte Fusionswelle aus, die die Gemeinden und Landkreise erfasste. Diese sollten dadurch leistungsfähiger werden – und mit ihnen die Einrichtungen zur Grundversorgung, ob nun Krankenhäuser, Schulen oder die Müllabfuhr.

Im Gegensatz zu seinen Nachbarn – es entstanden die neuen, zusammengelegten Landkreise Weilheim-Schongau und Bad-Tölz-Wolfratshausen – war der Landkreis Garmisch-Partenkirchen von dem Vergrößerungs-Eifer weit weniger betroffen: Er behielt seine Eigenständigkeit. Um aber die vom Innenministerium gesetzte Vorgabe von rund 80 000 Einwohnern zu erreichen, musste er wachsen – und wurde im Wesentlichen um das Staffelsee-Gebiet mit dem Hauptort Murnau „angereichert“, wie es der damalige Landrat Wilhelm Nau (CSU) ausdrückte.

Mit deutlicher Mehrheit von 33 zu 2 Stimmen sprach sich der Kreistag in seiner Sitzung am 17. August 1971 für einen entsprechenden Regierungsplan aus, der am 1. Juli 1972 in Kraft trat. Letztlich erhielt der Landkreis mit seinen bis dahin 16 Gemeinden 12 hinzu. Diese waren aus dem Altlandkreis Schongau Bayersoien (seit 1996 ein Heilbad), das die Aufnahme beantragt hatte, sowie aus dem Altlandkreis Weilheim Aidling, Großweil, Hechendorf, Kleinweil, Riegsee, Schöffau, Seehausen, Spatzenhausen, Uffing, Weindorf und Murnau. Die Einwohnerzahl stieg von rund 62 500 auf 77 900, die Fläche vergrößerte sich von rund 875 auf 1012 Quadratkilometer.

Im zweiten Teil des Mammutprojekts standen Eingemeindungen an: So wurde Aidling Teil von Riegsee, Kleinweil kam zu Großweil, Schöffau zu Uffing, Hechendorf und Weindorf kamen nach Murnau. Der Landkreis, wie wir ihn heute kennen, war geboren: Mittlerweile leben in den 22 Orten fast 88 000 Menschen.

Die territoriale Neueinteilung löste nicht überall im Freistaat Freudenstürme aus. Teilweise mussten die veränderten Grenzen und Zuständigkeiten gegen protestierende Politiker und Bürger, die um ihre Selbstbestimmung fürchteten, angeordnet werden. Dagegen lief die Landkreisreform laut Chroniken und Zeitzeugen-Berichten hierzulande ohne größere Widerstände ab. In Murnau gab es dennoch Debatten über die Vor- und Nachteile. „Murnau mit zwei Seelen in der Brust. An Weilheim gewöhnt und Garmisch lockt“, titelte die Heimatzeitung.

Offenbar löste die Aussicht auf ein intaktes touristisches Netzwerk im Werdenfelser Land eine starke Anziehungskraft aus. Dieser Pluspunkt machte es der Marktgemeinde, die ebenfalls vom Geschäft mit Urlaubern lebt, sehr schmackhaft, sich Richtung Süden zu orientieren – und die Neuregelung als Chance zu begreifen. „Ich habe das sehr begrüßt“, erinnert sich Rudolf Neudert. Der pensionierte Postbeamte saß damals für die SPD im Murnauer Gemeinderat. „Garmisch-Partenkirchen ist ein weltbekannter Kurort. Wir dachten uns: Davon können wir profitieren.“ Bei seiner einstigen Amtskollegin Gertraud Engelbrecht (SPD) klingt das ähnlich: „Touristisch hat man sich sehr viel versprochen.“ Dazu kam die Befürchtung auf, dass der neue Landkreis Weilheim-Schongau seine Hauptinteressen nicht im Tourismus sehen könnte.

Bemerkenswert: Es war auch noch eine ganz andere Variante im Gespräch, nämlich die Vereinigung der Kreise Weilheim und Garmisch-Partenkirchen – mit Sitz des Landratsamtes in Murnau. Doch diese Idee eines Großlandkreises wurde nicht weiterverfolgt.

Stellt sich die Frage: Was hat die Gebietsreform gebracht? Landrat Anton Speer (Freie Wähler) zieht ein positives Resümee: „Aus heutiger Perspektive kann man mit dem Gewinn der Staffelseeregion von einem Glücksfall für den Landkreis sprechen.“ Es sei ein Gebiet „von besonderer landschaftlicher Schönheit“ hinzugekommen, das sich zudem zu einem „bedeutenden wirtschaftlichen Faktor“ entwickelt habe, sagt er.

Auch Speers Amtsvorgänger, der CSU-Landtagsabgeordnete Harald Kühn, ist zufrieden: Die Kommunen des Staffelsee-Gebiets und Bad Bayersoien hätten sich gut in den Landkreis integriert, „der sonst in seinem Fortbestand gefährdet gewesen wäre“.

Und Murnaus Bürgermeister Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) meint: „Wir fühlen uns sehr wohl im Landkreis.“ Er sehe den Markt als „Bindeglied“, der unterschiedliche Beziehungen zu den Regionen Weilheim und Garmisch-Partenkirchen pflege. Allerdings sei die Strukturschwäche des Landkreises Garmisch-Partenkirchen – ob nun die geringere Wirtschaftskraft oder das niedrigere Durchschnittseinkommen – schon ein gewisser Nachteil.

Die Reform liegt zwar lange zurück. Aber sie hinterließ in einem nicht unerheblichen Bereich des Wirtschaftslebens ein Problem, das bis heute nachwirkt: Die Nordgemeinden blieben im Geschäftsbereich der Vereinigten Sparkassen Weilheim (heute: Sparkasse Oberland), während die im Süden zur Kreissparkasse Garmisch-Partenkirchen gehören. Für Kritiker ist diese Zweiteilung ein schwerer Geburtsfehler.

Speer spricht von einer Situation, die „unbefriedigend“ sei – und von einer „undurchsichtigen Gemengelage“. Es sei bedauerlich, „dass die Kreissparkasse Garmisch-Partenkirchen als Finanzinstitut für den Landkreis nicht das gesamte Kreisgebiet mit ihren Finanzdienstleistungen bedienen kann“. Nach Ansicht des Chefs der Kreisbehörde hätte damals der Gesetzgeber klare Verhältnisse schaffen müssen.

2015 bestand sogar die Gelegenheit zu einer Lösung – in Form einer Fusion der beiden besagten Sparkassen. Doch bekanntlich entschied sich der Verwaltungsrat des Geldhauses in Garmisch-Partenkirchen dagegen. Beuting kommentiert diese Weichenstellung trocken, aber unmissverständlich: Die Entscheidung sei „nicht von besonderem Weitblick geprägt“ gewesen.

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