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Zerrüttetes Verhältnis: Die Geierwally (Sofia Brennauer) lässt sich nicht den Willen ihres Vaters (Wolf-Stefan Bögl) aufzwingen. 

Premiere im Kleinen Theater gelungen

Die Geierwally: Ensemble glänzt mit tiefer Emotionalität

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Es ist ein Klassiker. Einer, der viel von Schauspielern abverlangt. Dem Team des Kleinen Theaters ist es gelungen, das Publikum mitzureißen.

Garmisch-Partenkirchen – Es gehört Mut dazu, sich an ein vieladaptiertes Heimatstück wie Wilhelmine von Hillerns „Geierwally“ heranzuwagen. Schon allein deshalb, weil man sich messen lassen muss mit anderen Inszenierungen und vielleicht nicht deren Niveau erreicht. Tatjana Pokorny ging das Risiko ein, weil sie sich damit einen „Herzenstraum“ erfüllen wollte. Die Regisseurin und Junior-Direktorin des Kleinen Theaters hatte den Schneid, ein klassisches Freilicht-Werk, das von Alpenkulisse, Natur und Geräuschen profitiert, nach drinnen zu verlegen, um den Charakter der Darsteller in den Fokus zu rücken. Pokornys Plan – ein Geniestreich. Er wurde mit stehenden Ovationen belohnt.

Um das Panorama zu simulieren, bediente man sich einer Leinwand, auf der schneebedeckte Berge, die Bauernhaus-Stube oder Schattenspiele projiziert wurden. Über Lautsprecher krächzte Wallys Geier. Ansonsten fielen die Requisiten minimalistisch aus. Eine gute Entscheidung. Nichts lenkte vom Spiel des Ensembles ab. Das zog aber so oder so ob seiner Präsenz und Ausdrucksstärke alle Augen auf sich.

Der Klassiker nach Hans Gnant ist vollgepfropft mit Gefühlen wie Hass, Wut, Eifersucht sowie Liebe und plätschert nicht seicht vor sich hin. Das Stück verlangt jedem einzelnen tiefe Emotionalität ab. Das dem Zuschauer glaubhaft zu vermitteln – große Kunst. Bei der ausverkauften Premiere am Samstag durfte das Publikum in den Genuss kommen.

Sofia Brennauer besticht optisch wie charakterlich

Allen voran Sofia Brennauer als Hauptfigur brilliert mit einer Wucht an Sensibilität. Als Geierwally beugt sie sich nicht einem – aus ihrer Sicht – veraltetem Wertesystem. Ihr Vater, der Strominger (Wolf-Stefan Bögl), drängt sie zur Heirat mit dem Hof-Verwalter Vinzenz Geller. Dabei hegt längst tiefe Gefühle für den Bärenjosef (Joachim Mark), einem Jäger, der – Pokornys Inszenierung spielt im Loisachtal – auch Bär Bruno erlegte. Doch die Bauerstochter lässt sich den Willen ihres starrsinnigen Vaters nicht aufzwingen und begehrt gegen alle Zwänge – vor allem gegen die patriarchaische Dominanz – auf. Frei wie ein Vogel, wie ein Geier, möchte sie sein. Brennauer vereint in ihrem Gesicht Entschlossenheit und Zweifel, Triumpf und Niederlage. Ihre Körpersprache vermittelt Stolz, ihre Stimme Härte, ihr Blick aber offenbart den den Kummer und die Verzweiflung, die in ihrem Inneren herrschen. Gerade in den Momenten, in denen eine Liaison mit dem Herzensmann aussichtslos erscheint. Trotz ihres Reichtums begreift sie: „Was ich möcht, kann i ma net kaufen.“

Zu Bestleistung angestachelt

Regisseurin Pokorny hat mit der 20-Jährigen optisch wie charakterlich aufs richtige Pferd gesetzt. Das trifft aber nicht nur auf die Protagonistin zu. Auch Bögl als engstirniger Vater erweckt nie den Eindruck, als hätte man ihm eine Rolle aufgezwungen. Er brüllt, schnaubt vor Wut und mimt den Bösen derart leidenschaftlich, dass ihm die Schweißperlen über die Schläfen rinnen.

Neben Kleine-Theater-Routiniers wie Elisabeth Hofmeister, die als Magd Maresa die Geierwally aufs Blut verteidigt, oder Joachim Mark als tollkühner und doch sensibler Bärenjosef – beide wie gewohnt überaus authentisch in ihrem Schauspiel – , machen auch die Neuen eine gute Figur. Harald Ehrenberg (Benedikt) und Melina Wörnle (Kellnerin Afra) überzeugen. Teilweise komödiantisch agiert Benedikt Ehrenberg als Verwalter. Seine schizophrene Art – er wechselt zwischen Buhler und Brutalo („Sie muss mir gehören, wenn nicht im Guten, dann mit Gewalt“) – im Kampf um das Herz der Geierwally amüsiert den Zuschauer ebenso, wie das es ihn erschreckt.

Der Welt-Hit schien, die Darsteller zu Bestleistungen anzustacheln. Brennauer packte es auch nach dem Schlussapplaus bei den Emotionen. Gerührt und mit Tränen in den Augen sagte sie: „Ich bin Tatjana richtig dankbar.“ Für eine Rolle, in der sie glänzte. 

Weitere Aufführungen

finden am 13. und 21. April sowie am 1. Mai statt. Karten gibt’s bei Gap-Ticket, beim Kreisboten und an der Abendkasse.

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