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Zwei Schlosser, zwei Köche, zwei Hüttenwirte: Toni Zwinger (links) und sein Vater Hansjörg Barth vor dem Münchner Haus, das die Familie seit 1922 führt.

Münchner Haus auf der Zugspitze

Generationenwechsel auf 2962 Metern

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Sein halbes Leben ist der Partenkirchner Hansjörg Barth Hüttenwirt am Münchner Haus auf der Zugspitze. Nach 35 Jahren übernimmt nun sein Sohn Toni Zwinger, als fünfter Wirt der Familie. Ein Generationenwechsel auf 2962 Metern.

Garmisch-Partenkirchen – Hansjörg Barth liegt rücklings auf dem Fußboden und flucht. Mit einer kleinen Taschenlampe leuchtet er ins dunkle Herz der Bierzapfanlage. Die Kühlung streikt. Sieben Grad sollte sie anzeigen. 14 Grad zeigt sie an. „Ja sog amoi, gibt’s des aa“, murmelt er, rappelt sich auf und klopft kopfschüttelnd den dunkelblauen Schurz ab. „So kriag i’s Weißbier ned aussa.“ Tatsächlich, ohne Kühlung kein Weißbier, es spritzt nur dicker, weißer Schaum aus dem Zapfhahn. Der Hüttenwirt ist erst einmal machtlos. Dabei ist Barth, 69, Schlossermeister und ein gestandenes Mannsbild mit geschickten Händen. Die braucht es auch auf dem Münchner Haus, Deutschlands höchstgelegener Hütte auf 2962 Metern. Wo Handwerker schwer herzubekommen sind und ständig etwas repariert werden muss. Hier oben, auf dem Gipfel der Zugspitze, hilft man sich selbst.

Der Partenkirchner Barth ist ein Bilderbuch-Bayer im besten Sinne. Forsch, aber freundlich, gesellig, mit einem brummenden Bariton, dem man ewig zuhören kann, wenn er erzählt. Vom Besuch des Dalai Lama, dessen Gewand er mit ausdrücklicher Erlaubnis seiner Heiligkeit berühren durfte, obwohl das eigentlich ausdrücklich verboten ist. Oder vom Kochen. Wie er das Sauerkraut hinbekommt, von dem sie unten an der Talstation in Garmisch-Partenkirchen schwärmen. Oder von Edmund Stoiber. Als der damalige Ministerpräsident auf die Hütte kommen wollte, sollte Barth eine Gaspistole abgeben, die in der Küche an der Eckbank hing. „Die haben gsagt: ,Wenn ich die nicht wegnehm, kommt der Ministerpräsident nicht rein.‘ Soll er halt draußen bleim, hab ich ihnen gsagt.“

Der Dalai Lama hat einen Eintrag im Hüttenbuch hinterlassen.

Wirklich grantig wird Barth nur, wenn etwas ungerecht ist. Wie schlechte, anonyme Bewertungen im Internet für die Hütte, weil der Glühwein zu heiß oder der Senf zu kalt ist – oder weil er Touristen freundlich maßregelt, die sich auf seine Terrasse setzen, aber das um 20 Cent billigere Bier von der Bergstation mitbringen und seinen Gästen die Plätze wegnehmen. „Die besseren Nerven, die hat der Toni“, gibt Barth zu. Toni, der Sohn, sei gelassener, werde nie laut. Der groß gewachsene 31-Jährige ist im Vergleich zum Vater still. Trotzdem ist er ihm in manchen Dingen nicht unähnlich. Beide sind Schlossermeister. Beide kochen mit Leidenschaft, beide sind gern Hüttenwirt. Und beide kamen durch Zufall zu diesem Job.

Hansjörg ist der vierte Hüttenwirt der Barth-Familie. Toni wird der fünfte sein. Seit 92 Jahren ist die Geschichte des Münchner Hauses auch die Geschichte der Familie Barth. Und die ist bisweilen tragisch. 1925 übernimmt Großvater Anselm, der Zugspitzvater, das Alpenvereinshaus, das zur Sektion München gehört. Anselm ist ein bekannter Bergsteiger. Er stirbt wenige Jahre nach der Übernahme, im Dezember 1931, gewaltsam am Gipfel der Zugspitze, direkt vor seiner Hütte: Im Streit stößt ihn einer über den Abgrund. Sein Sohn Anselm junior, damals 18 Jahre alt, findet den Vater. Kurz danach übernimmt er das Münchner Haus.

Anselm junior wird zum „Schutzengel über dem Höllental“, 356 Bergrettungen gehen auf das Konto des Hüttenwirts und Bergführers. Als er 1974 stirbt, übernimmt erst der nächste Anselm, Hansjörgs Bruder, die Hütte, bis 1982. Dann zwingt ihn die Gesundheit, die Pacht aufzugeben. Hansjörg, der eine kleine Schlosserei in Partenkirchen hat, kommt auf den Berg. Und bleibt. Bis heute.

„Er hat damals eine Sekretärin aus dem Holiday Inn-Hotel als seine Frau ausgegeben, damit er bessere Chancen hat, Pächter zu werden“, erzählt Andrea Zwinger. Die 58-Jährige ist die Ehefrau des Hüttenwirts und eine ebenso zarte wie zupackende Frau mit einer jugendlichen Erscheinung. Sie kam zwei Monate nach ihrem späteren Mann im Juli 1983 auf die Hütte. Eigentlich nur zum Arbeiten. Doch dann verliebten sich die beiden, und so blieb auch Andrea, von der Hansjörg sagt, dass sie das Wichtigste auf der Hütte ist.

Herz und Seele der Hütte ist Wirtsfrau Andrea Zwinger.

Seitdem sind sie dort oben, von Anfang Mai bis Ende Oktober, sieben Tage die Woche, von 6 bis 22.30 Uhr. Sie arbeiten im Zweischichtbetrieb, einer bleibt immer über Nacht, schläft im Lager über der Stube. Im Sommer bleiben auch viele Bergsteiger über Nacht. Andrea Zwinger fährt dann jeden Tag morgens mit der Bahn von Ehrwald auf der österreichischen Seite hoch, das geht momentan schneller als mit der Zugspitzbahn. Sie bringt den Proviant mit, 100 bis 150 Kilo, verteilt auf mehrere Rucksäcke und Schultern. Die Familie macht vieles selbst, trotzdem braucht es Helfer, meist sind sie oben zu siebt. Auch Tochter Theresa, die 25 ist und studiert, hilft mit, wenn sie daheim ist. Am Abend, nach der Hüttenruhe, packen sie alles, das entsorgt werden muss, in Plastiksäcke und verstauen die in ihren Rucksäcken. Dann geht’s zurück, letzte Talfahrt, Feierabend.

Wenn die Saison vorbei ist, arbeitete Hansjörg Barth früher in der Skischule. Die Arbeit auf der Hütte, sagt er, war ihm immer ein bisserl lieber. Andrea Zwinger blieb daheim bei den Kindern. „Wir wollten zumindest einen Teil vom Jahr ein normales Familienleben“, sagt sie. Sie wollten Zeit füreinander. Denn die ist rar während der Sommermonate. Und doch: Die Familie liebt das Hüttenleben, obwohl es eher anstrengend als romantisch ist.

Auch in der Küche, dem Reich von Hansjörg und Toni. Hier gibt es keine Sperenzchen, sondern bayerische Hausmannskost. Und vegane Bratensoße, da gehen sie mit der Zeit. Einiges lassen sie liefern, viel machen sie auf beengtem Raum selbst, ein Konvektomat hilft. Trotzdem: Auf dieser Höhe zu kochen, bleibt eine Herausforderung. Trotz stetiger Modernisierung ist das Münchner Haus mit seinen urigen Holzschindeln in der Substanz ein altes Haus. Ein Haus, das der ganzen Familie am Herzen liegt. Andrea Zwinger sagt: „Wir leben mit den Jahreszeiten, das ist das Schönste hier heroben.“

Das Münchner Haus auf der Zugspitze, frisch eingeschneit.

Heroben ist Hansjörg Barth nur noch dann, wenn der Sohn freihat, normalerweise einmal pro Woche. Er hat gesundheitliche Probleme, zwei künstliche Kniegelenke, er möchte auch nicht mehr ständig da sein. Toni hat längst einen Großteil der Aufgaben übernommen. Offiziell übergeben, also einen neuen Vertrag gemacht, haben sie nicht. Sie wissen nicht, ob sie oder der Alpenverein das wollen. Der Abschied fiele Hansjörg Barth so oder so schwer. Dabei hätte er auch ohne Hütte genug zu tun. Über die Jahre hat er sich eine Oldtimersammlung zugelegt, 15 Fahrzeuge sind es. Doch fahren konnte er sie praktisch nie. Während der Sommersaison, wenn das Wetter für eine Ausfahrt gepasst hätte, war er immer am Berg. Und Barth ist politisch aktiv, für die Bayernpartei, er muss deswegen oft nach München.

Toni, der neue Wirt, ist zwar ein Barth, heißt aber Zwinger. Als die Eltern heirateten, behielt Andrea Zwinger ihren Namen, und auch der Sohn trägt ihn. Schon als Säugling haben sie ihn mit auf den Berg genommen, später war er dann ein paar Jahre fort von daheim. Geholfen hat er immer gern. Wie lange er am Münchner Haus bleiben wird, hat er noch nicht entschieden. „Du weißt ja nie, was passiert“, sagt er. Und trotzdem: Fürs Erste führt er eine lange Tradition weiter. Und das Münchner Haus hat weiterhin einen gestandenen Hüttenwirt mit geschickten Händen. Falls die Kühlung wieder streikt.

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