Eine geplatzte Verlobung und ihre Folgen

Familienzwist gipfelt in Messerattacke

Dieser Konflikt schwelt schon lange. Nun mussten sich zwei Männer vor Gericht verantworten, weil sie aufeinander losgegangen sind. 

Garmisch-Partenkirchen – „In dem Kulturkreis, dem sie entstammen, werden Probleme oft anders gelöst, als bei uns“, sagte Richter Andreas Pfisterer, als er das Urteil des Schöffengerichts verkündete: Zwei Türken im Alter von 46 und 52 Jahren nämlich wurden zu Bewährungsstrafen von 18 beziehungsweise 8 Monaten sowie Geldauflagen verdonnert, weil sie als Oberhäupter zweier seit Jahren in Garmisch-Partenkirchen lebender und strikt verfeindeter Familien wie wild gegeneinander gekämpft hatten. Und das aus geringfügigem Anlass.

Mit einem Eisenrohr sowie einem Taschenmesser schlugen und stachen die Männer aufeinander ein. Hintergrund war, dass sie sich im Begegnungsverkehr an einer Straßen-Engstelle nicht einigen mochten, wer den anderen vorbei lassen sollte. Obwohl miteinander verwandt, sind die türkischen Familien Pfisterer zufolge nur deshalb verfeindet, weil zwischen ihnen seit langem ein Konflikt schwelt, der auf einer schon vor Jahren geplatzten Verlobung basiert. Andere Kulturen eben. Doch die führten immerhin gegen die beiden Familienväter sowie den Sohn (27) des 52-Jährigen zur handgreiflichen Auseinandersetzung über die banale Frage, wer dem anderen die Vorfahrt lassen sollte. Was laut Staatsanwalt Michael Hauber schließlich zur Anklage der gefährlichen Körperverletzung führte.

Dabei war der Tathergang sehr einfach: Am späten Nachmittag des 2. April 2015 seien die Autos der zwei Familien mit insgesamt sechs Insassen in entgegengesetzter Richtung an einer Engstelle gestanden. Eines der Fahrzeuge musste logischerweise weichen. Was normalerweise keiner langen Diskussion bedarf, in diesem Fall aber den schwelenden Streit mal wieder aufflammen ließ: Keiner der Fahrer wollte nachgeben. Der Ältere und sein Sohn bereiteten sich darum prompt auf Handgreiflichkeiten vor und zogen schon mal die Jacken aus. Wechselseitige vulgäre Beschimpfungen folgten, und beide näherten sich kampfeslustig dem anderen Fahrer.

Der hatte mittlerweile ein 90 Zentimeter langes Eisenrohr gefunden und schlug damit auf den Älteren ein, was dessen Sohn abwehrte und dabei am Arm verletzt wurde. Gedankenschnell entriss daraufhin der Vater seinem Kontrahenten die Stange und schlug diese dem Provokateur auf den Kopf, was dort eine zehn Zentimeter lange Platzwunde hinterließ. Derweil hatte aber der 46-Jährige schon ein Taschenmesser mit fünf Zentimeter langer Klinge zur Hand und versuchte, auf die Beine des 52-Jährigen einzustechen. Friedensstiftend kam nun dessen Ehefrau (39) daher, wollte den Stich verhindern, bekam aber stattdessen selbst einen kleinen Schnitt ab.

Angesichts der durch die provozierenden gegenseitigen Beschimpfungen etwas unklaren Schuldfrage fand dann bei der Verhandlung auf Initiative des Richters ein Rechtsgespräch mit dem Staatsanwalt und den Verteidigern Christian Langhorst, Karl Kraus sowie Florian Oppenrieder statt. Dieses endete mit einem Deal, der schließlich in den Urteilen mündete: 18 Monate Bewährungsstrafe plus 1500 Euro Geldauflage für den 46-jährigen Provokateur, 8 Monate auf Bewährung plus 450 Euro für den 52-Jährigen sowie Verfahrenseinstellung bei einer Geldauflage von 500 Euro für den 27-jährigen Sohn. Mittlerweile ist übrigens eine der beiden Familien in einen anderen Ortsbereich umgezogen, auf dass man sich nicht mehr so oft begegnen müsse. Und das alles wegen einer vor Jahren geplatzten Verlobung.

Wolfgang Kaiser

Rubriklistenbild: © dpa symbolbild

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