Ein Mann steht an einem Geländer, im Hintergrund sieht man eine Bergkulisse, weiter unten ein Skigebiet.
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Obwohl nichts los ist, wird ihm nie langweilig: Luiz Schwatz hat die Zuspitze so noch nie erlebt. Seit drei Jahren arbeitet der Maschinist dort als Hausmeister.

Gespenstische Ruhe über Monate: Luiz Schwatz erlebt Ausnahmesituation

Hausmeister auf der Zugspitze: Er hat die Ruhe satt

  • Katharina Bromberger
    vonKatharina Bromberger
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Luiz Schwatz ist Hausmeister auf der Zugspitze. Er hält die Stellung, auch wenn außer Dohlen kaum einer vorbeikommt. Zum 22. Mai könnte sich das ändern. Gut so, findet Schwatz. Ihm reicht‘s mit der Stille.

Garmisch-Partenkirchen – Irgendwo surrt’s und saugt’s. Nur ganz leise. Es kommt von drüben, aus der Anlage der Telekom. Eine kleine Maschine, die ihren Dienst verrichtet. Wie immer. Nur normalerweise beachtet die Klimaanlage niemand. Jetzt – ist da nur sie. Niemand auf der Terrasse redet, niemand fotografiert, niemand holt sich Kaffee, Bier und Brotzeit.

Niemand lacht. Nichts, was das Surren und Saugen übertönen würde. Die Zugspitze ist verstummt und wie ausgestorben.

Tausende Gäste trampeln normalerweise auf Deutschlands höchstem Gipfel herum. Tausende sonnen sich auf Deutschlands höchster Terrasse. Nun wirkt sie wie ein riesiger Ballsaal, in dem niemand tanzt. Außer die Krähen. Und Luiz Schwatz. Der Hausmeister der Zugspitze. Es gab eine Zeit, da hat er die Ruhe genossen. Mittlerweile hat er sie satt. Stille, sagt er, ist ja schön. Aber doch nicht permanent.

Zweitwohnsitz Zugspitze: Zwei bis drei Mal in der Woche übernachtet Schwatz am Berg

Luiz Schwatz, 57, braucht keine Dauer-Unterhaltung, kann sich gut mit sich beschäftigen. Muss er auch können – „sonst fällt Dir hier die Decke auf den Kopf“. Hier, an seinem Quasi-Zweitwohnsitz. Der erste ist im Tal in Garmisch-Partenkirchen, wo der gebürtige Portugiese – 1970 kam er nach Bayern – seit 1992 lebt, heute mit Frau und seinen beiden Kindern. Zwei bis drei Mal in der Woche aber übernachtet er in der Hausmeister-Firmen-Wohnung. Küche und Wohnraum, Schlafzimmer, Bad. Zwei Extra-Zimmer gibt’s nebenan für die sogenannten Übernachter, sie teilen sich die übrigen Dienste. Denn ganz alleine darf man die Zugspitze – beziehungsweise ihre Gebäude samt Technik – nie lassen. Vor drei Jahren hat Schwatz, eigentlich Maschinist, die Aufgabe übernommen. Damals in einem Wechsel aus Trubel und Einsamkeit.

Das schafft nur Corona: die Terrasse der Zugspitze - komplett leer. Gespenstisch.

Tagsüber Trubel – bis zu 5000 Gäste an einem sonnigen Tag – , abends die Einsamkeit. So ist das normalerweise im Winter. Dann sind da nach Betriebsschluss nur Schwatz und der Wetterwart. Ab und an trifft man sich auf einen Ratsch. In einem coronafreien Sommer wuselt es auch, wenn die letzte Bahn ins Tal gefahren ist – bis zur Nachtruhe im Münchner Haus. „Da genießt man die Zeit, in der Ruhe einkehrt.“ Jetzt, da seit Monaten außer der Kollegen zur Unterstützung gar keiner mehr kommt … Schwatz weiß nicht, wie er das Gefühl beschreiben soll. „Manchmal ist es gespenstisch ruhig.“ Zum 21. Mai dürfte ein wenig Normalität - und damit Trubel - zurückkommen. Denn auch die bayerischen Bergbahnen und damit die Seilbahn Zugspitze dürfen öffnen - nicht nur die Tiroler, was schon für Unverständnis gesorgt hatte.

Arbeit auf der Zugspitze fast gleich geblieben - nur schaut jetzt keiner zu

Um 7 Uhr macht er die erste Revisionsfahrt mit der Seilbahn. Auch wenn sie offiziell nicht in Betrieb gehen darf: Geprüft werden muss sie. Bewegt werden auch. Lockerungsübungen nennen das die Zugspitzbahn-Marketingmitarbeiter gerne auf ihrem Instagram-Account. Zudem kontrolliert Schwatz die Rollen, die Seile, Steuerungen und vieles mehr. Hinzu kommt ein etwa einstündiger Kontrollgang. „Ich kenne hier oben jedes Loch.“ Nicht erst seit der Hausmeister-Stelle.

Von Anfang an begleitete der 57-Jährige den Bau der neuen Seilbahn Zugspitze, betrieb mit seinen Kameraden unter anderem die Materialseilbahn. Der Maschinist und gelernte Kommunikationselektroniker, seit 2013 bei der BZB, weiß sich zu helfen, repariert, was man reparieren kann. Und kaputt gehe immer irgendwas. Zu tun gibt es jede Menge, betont Schwatz. Langweilig wird es nie.

Schwatz’ Arbeitsalltag unterscheidet sich damit gar nicht so sehr von jenem der Prä-Corona-Zeit. Nur schaut ihm jetzt bei seiner Arbeit niemand zu. Außer die Bergdohlen. Die schauen zuverlässig vorbei. Aber auch ihr Verhalten hat sich verändert.

Bergdohlen fliegen jetzt - normalerweise hocken sie am Boden und suchen Pommes

Dieser Tage kreisten um die 100 Stück um die Gipfelterrasse. Das hat Schwatz noch nie gesehen. Sonst fliegen sie nur vereinzelt – meistens „hocken oder hüpfen sie am Boden“. Dort, wo die Pommes liegen.

Freie Platzwahl: Restaurant und Küche auf der Zugspitze sind zu. Luiz Schwatz ist der einzige Gast.

Mittagspause. Schwatz setzt sich allein an einen der Tische. Freie Wahl im ganzen Haus. 450 Sitzplätze nur für ihn, draußen wären es noch einmal 850 – stünden Möbel dort. Jeder im Team bringt sich seit dem ersten Lockdown vor über einem Jahr von zu Hause Essen mit, die Küche ist geputzt und geschlossen. Nur die Kaffeemaschine haben sich die Arbeiter angeschaltet. Schon trist, oder? Schwatz zuckt die Schultern. Auch wenn’s ihm reicht: Irgendwann gewöhnt man sich daran.

Im ersten Lockdown vor über einem Jahr musste er sich erst einmal zurechtfinden. So von 100 auf 0 – „das war schon komisch“. Dann kam die Bergsteigersaison mit bestem Wetter. Die Bahn stand weiter still, die Menschen kamen trotzdem. Zum Teil übernachteten 30 bis 40 Bergsteiger in ihren Schlafsäcken auf der Terrasse. Immerhin etwas Leben im Ballsaal. So richtig voll wurde der nicht mehr. Am 30. Mai fuhr die Seilbahn zwar wieder. Doch statt 120 beförderte die Bahn nur 80 Personen, die Zahl am Gipfel war limitiert. Die Gastronomie blieb zu. Ein neues Phänomen: Zum ersten Mal hat Schwatz erlebt, dass auf der Zugspitze praktisch nur Deutsch gesprochen wurde. Bald wurde es wieder leise – der nächste komplette Lockdown.

Mal kommt ein Segelflieger, mal eine Cessna vorbei

Schwatz jammert nicht. Viel schlimmer, sagt er, trifft’s die Leute, die nichts zu tun haben. Neulich kamen zwei Kollegen, halfen ihm beim Schneeschaufeln. „Sie waren heilfroh, dass sie arbeiten durften.“ Ganz egal, was. Voller Energie greifen sie an. „Das fehlt ihnen, das merkt man.“

Und Schwatz fehlen die Kollegen. „Es wäre schon schön, wenn öfter jemand da wäre.“ Ab und an, gerade am Wochenende, überqueren Sportflieger die Zugspitze. Mal im Segelflieger, mal in der Cessna. „Aber mit denen kann ich mich ja nicht unterhalten.“

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