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Nach Druck von Touristen gibt ein Pfarrer im bayerischen Garmisch-Partenkirchen eine Tradition auf. (Symbolbild)

Pfarrer gibt Druck nach

Weil sich Touristen beschwerten: Garmischer Pfarrer knickt ein und gibt Tradition auf

Streit um Kirchenglocken hat den Pfarrer der St. Martin Kirche in Garmisch zu einem schweren Entschluss gebracht. Touristen hatten das Glockengeläut moniert.

  • Im bayerischen Garmisch-Partenkirchen reagiert die Gemeinde auf Touristen-Beschwerden
  • Demnach fühlten sich die Gäste vom Glockengeläut der Kirche gestört
  • Die Entscheidung der Pfarrkirche führt zu einer hitzigen Diskussion

Update, 31. Januar: Unsere Geschichte über die Empörung um die schweigenden Garmischer Glocken wird inzwischen von TV, Radio und Zeitungen in ganz Deutschland aufgegriffen.

Auch wir waren nochmal beim Pfarrer, haben nachgefragt und in Garmisch den schweigenden Kirchenglocken und den Reaktionen darauf gelauscht.

Ursprünglicher Artikel von 29. Januar: Garmisch-Partenkirchen/Landkreis – Den Häftlingen der Justizvollzugsanstalt Garmisch-Partenkirchen, die gelegentlich vom Pfarrverband St . Martin betreut werden, ist es als erste aufgefallen: Die Glocken der Pfarrkirche am Marienplatz in Garmisch und der Alten Kirche am Pfarrhausweg läuten seit Mitte Januar nachts nicht mehr. Der Schlag, der viertelstündlich und zur vollen Stunde die Uhrzeit anzeigt, wurde zwischen 22 und 6 Uhr ausgesetzt. Wie Josef Konitzer, der Seelsorger des Pfarrverbands Zugspitze, mitteilt, habe es Beschwerden von Urlaubern gegeben, die die lauten Glockenschläge in der Nacht monierten. In den sozialen Netzwerken wird das Thema derzeit intensiv diskutiert.

Garmisch-Partenkirchen (Bayern): Touristen beschweren sich über Glockengeläut

Der Pfarrer besprach die Angelegenheit intern mit seinen Angestellten. Die Beschwerden kamen von Touristen, die seit Jahren bei Vermietern in direkter Nachbarschaft der St.-Martinskirche wohnen. „Solchen Leuten wollten wir entgegenkommen“, begründet Konitzer die Entscheidung, das Zeitläuten nachts abzustellen. Die Proteste gegen das Geläut richteten die Vermieter an GaPa Tourismus, von dort aus kam der Vorschlag, den Stundenschlag auszusetzen.

Video: Immer wieder stören sich Menschen an Kirchenglocken

Die Haltung der Kirche sei im Beschwerdeschreiben als geschäftsschädigend für die Vermieter bezeichnet, zudem die katholische Kirche als rücksichtslos betitelt worden, erklärt der Pfarrer. Die Gastgeber hätten argumentiert, dass durch das Geläut die Urlauber abgeschreckt und vergrault werden und nicht mehr nach Garmisch-Partenkirchen kommen. Es habe immer wieder Beschwerden über Kirchenglocken im Pfarrbüro gegeben, berichtet Konitzer, es wurde gefordert, sie abzuschalten.

In Bayern: Pfarrverband stellt Glockengeläut ab - „Tradition geht verloren“

Schweren Herzens entschloss sich der Pfarrverband dazu, dem Druck nachzugeben. Wie lange der Stundenschlag ausgesetzt wird, steht noch nicht fest. „Für mich ist es eine Kompromisslösung. Aber ein Teil der Tradition geht verloren“, bedauert Konitzer, der sich mit den schweigenden Glocken nicht so einfach abfinden will. „Der Ort muss auf was verzichten, was ihn seit Jahrzehnten begleitet.“ Die Aussagen der Beschwerdeführer empfindet er als Anmaßung. Der Priester hält das Pro und Contra beim nächtlichen Stundenschlag für eine Entscheidung, „die die Leute bei einem Bürgerbegehren treffen sollen“. Konitzer, der direkt neben der Kirche wohnt, fühlt sich durch das Geläut überhaupt nicht gestört.

St. Martin ist in der Region kein Einzelfall: Auch in Burgrain und Grainau ist der Stundenschlag nachts ausgesetzt – in den beiden Orten aber schon seit vielen Jahren. In anderen Pfarrgemeinden kann davon aber nicht die Rede sein.

In bayerischen Gemeinden: Glocken bleiben erhalten - „fester Bestandteil“

Seit Mitte Januar gibt es in der Garmischer Pfarrkirche St. Martin kein Stundengeläut mehr.

Nachfragen in Mittenwald und Oberammergau ergaben, dass dort nachts der Stundenschlag wie gewohnt ertönt. Gleiches gilt für Oberau. „Das ist ein fester Bestandteil des Tagesablaufs“, betont Eva Wackerle. Die Mesnerin und Pfarrsekretärin weiß, dass die Bevölkerung großen Wert darauf legt und sich daran orientiert.

„Es gibt nur vereinzelt Beschwerden“, berichtet Andreas Lackermeier von der Pfarrei Maria Himmelfahrt in Partenkirchen. In der dortigen Kirchengemeinde gibt es aber keine Bestrebungen, das nächtliche Geläut auszusetzen. Im Gegenteil: „Die Einheimischen wollen den Stundenschlag“, sagt der Pfarrer, dieser habe ja auch nichts mit Religionsausübung oder einem Gottesdienst zu tun, sondern zeige lediglich die Uhrzeit an.

Murnau (Bayern): Kein Grund für Schweigen der Kirchenglocken

Auch in Murnau gibt es keinen Grund, dass die Kirchenglocken nachts schweigen. „Ich bin seit neun Jahren hier, es hat nur eine einzige Beschwerde gegeben“, meint Pfarrer Siegbert G. Schindele von der Kirchengemeinde St. Nikolaus. Eine Urlauberin, die im Angerbräu wohnte, gab an, dass sie wegen des Geläuts nachts bei offenem Fenster nicht schlafen könne. „Ich habe ihr freundlich zurück geschrieben, dass uns Murnauer das seit 300 Jahren nicht stört“.

Lärmschutz Garmisch-Partenkirchen (Bayern): Rechtliche Seite 

Die rechtliche Seite beim Lärmschutz erklärt Stephan Scharf. „Zu unterscheiden ist das liturgische Läuten und das Zeitläuten“, erklärt der Pressesprecher des Landratsamts. Gehört das Läuten zum Gottesdienst oder zum Gebetläuten, gibt es keine zeitliche Beschränkung. Das Zeitläuten unterliegt dem Emissionsschutz, der sich am bauplanungsrechtlichen Status der Umgebung orientiert. Es geht also um die Lautstärke und darum, ob die Kirche in einem Dorf-, Misch- oder Wohngebiet steht.

Pfarrer Konitzer hat von einer weiteren Beschwerde gehört: In einer anderen Kirchengemeinde wurde gefordert, das Licht abzuschalten, das den Kirchturm beleuchtet. „Es wäre schade, wenn so ein Symbol verschwindet“, sagt Konitzer, denn der illuminierte Turm gebe den Menschen Orientierung in der Dunkelheit.

Alexander Kraus

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Im bayerischen Lindau kam es auf einer Baustelle zu einem spektakulären Fund. Es wurden menschliche Überreste eines mutmaßlichen Wehrmachtssoldaten entdeckt.

Einen ungewöhnlichen Fund im Landkreis Garmisch-Partenkirchen machte auch ein englischer Tourist. Im Internet bat er deshalb nun um Hilfe.

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