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Spätestens hier endet jede Fahrt: die Absperrung am Ortsausgang von Griesen in Richtung Grainau und Garmisch. Sie wird jeden Tag um 8 Uhr aufgestellt.

Gefangen in Griesen

Ort ist jetzt von der Außenwelt abgeschnitten - so erleben Anwohner die Situation

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Der Weiler bei Garmisch ist für fünf Wochen nicht zu erreichen. Was das Krisengebiet mit einer verwirrten Milchprinzessin und enttäuschten Bewohnern zu tun hat. 

Griesen – Um kurz vor 9 Uhr strandet die Milchprinzessin in Griesen, einem winzigen Weiler, der zu Garmisch-Partenkirchen gehört. Einwohner: 70. Entfernung zur österreichischen Grenze: ein paar hundert Meter. Laune vor Ort: unterirdisch. Laune bei Bayerns Milchprinzessin Miriam Weiß, 23: so lala.

Die junge Frau, die im Allgäu lebt, steigt aus ihrem Auto und sagt: „Ojemine. Das stand nirgends im Navi.“ Sie hat in einer halben Stunde einen Termin in Garmisch-Partenkirchen. Sie darf sich beim Trachtenhaus Grasegger ein Dirndl aussuchen, zusammen mit der Milchkönigin. Aber jetzt steckt sie fest – die Straße ist gesperrt.

Griesen ist gerade Krisengebiet - und von der Außenwelt abgeschnitten

Der Ort ist gerade Krisengebiet, vor allem emotional. Von Montag bis Freitag, 8 bis 17 Uhr, ist Griesen von deutscher Seite aus von der Außenwelt abgeschnitten. Man kann nach Österreich fahren, aber nicht ins zwölf Kilometer entfernte Garmisch-Partenkirchen. Auf der B 23, dem einzigen Nadelöhr, muss ein gigantischer Fels gesichert werden. Immer wieder sind Brocken auf die Fahrbahn geflogen. Dauer der Arbeiten: fünf Wochen. Entfernung nach Garmisch plötzlich: 80 Kilometer, vorbei am Plansee und an Ettal.

Miriam Weiß geht zum Bahnhof. In 40 Minuten fährt der Zug nach Garmisch. Das neue Dirndl muss ein bisschen warten, aber immerhin kommt sie hier weg. Sie sagt: „Noch nicht mal was zum Frühstücken gibt es hier.“ Prinzessinnensorgen.

Gestrandet: Milchprinzessin Miriam Weiß am Bahnhof.

Griesen: Menschen hier sind vorbereitet, viele Pendler nicht

Andreas Zimmermann, 41, lebt mit seinen sieben Kindern und seiner Frau in Griesen. Er hat echte Sorgen. Er steht neben der B 23 und sagt: „Es darf nichts Außergewöhnliches passieren.“ Keines der Kinder, Alter zwischen eins und 16, darf plötzlich Zahnschmerzen bekommen. Sie haben die Termine beim Ergo- und Logotherapeuten eh schon abgesagt und sie bringen die Kleinen früher in den Kindergarten. Zimmermann arbeitet nachts, er ist Rezeptionist im Hotel Zugspitze in Garmisch-Partenkirchen. Er hat sein Auto auf einem Wanderparkplatz vor der Baustelle abgestellt – von dort radelt er vier Kilometer nach Griesen. So kommt er auch nach 8 heim. Heute in aller Früh musste er einkaufen – Hackfleisch fürs Mittagessen, das sie vergessen hatten. In Griesen gibt’s keinen Supermarkt. Viele Einheimische haben auf Vorrat eingekauft. Die Menschen hier sind vorbereitet, viele Pendler nicht.

Fährt jetzt mit dem Radl: Andreas Zimmermann

Zimmermann spricht gerade mit einem Italiener, der nach München will. Er muss jetzt einen anderthalbstündigen Umweg einplanen – über Füssen oder über den Plansee. „Ciao, grazie!“, sagt der Mann und fährt los.

Handwerker, die nach Garmisch wollen. Urlauber, Pendler. Alle paar Minuten kommt ein Auto. Viele haben die Sperre nicht auf dem Schirm. „Über den Plansee – das ist eine ganz romantische Strecke“, sagt Zimmermann zu einem Mann mit Landsberger Kennzeichen. Aber Romantik sucht heute Morgen keiner. Eher das Gaspedal. Viele drehen mit Vollgas um.

Zufahrt nach Griesen kaum möglich: „Wer soll jetzt noch kemma?“

Deswegen hat Waltraud Riedl, 62, ihr „Grenzstüberl“ direkt an der B 23 gar nicht erst aufgesperrt. Die Wirtin betreibt seit 1987 einen Kiosk samt Schnellimbiss und Biergarten. Sie lebt vom Vignetten-Verkauf, von Stammgästen, aber auch von Urlaubern, die bei ihr eine Hauswurst mit Kraut essen. „Wer soll jetzt noch kemma?“, fragt sie. Sie ist stocksauer. „Ich muss Magentabletten nehmen“, sagt sie. „Mehrere am Tag.“

„Wer soll jetzt noch kemma?“ Wirtin Waltraud Riedl.

Im Frühling und Sommer macht sie die besten Geschäfte. Fünf Wochen ohne Kunden unter der Woche, die Wirtin verzweifelt. „Jetzt verlier’ ich alles.“ Sie versteht, dass der Fels gesichert werden muss, das verstehen alle hier. Aber, sagt sie, „wir haben es viel zu spät erfahren“. Sigrid Meierhofer, die Bürgermeisterin von Garmisch-Partenkirchen, war zuletzt nie in dem abgeschnittenen Ortsteil. Das werfen ihr viele vor. „Die Bürgermeisterin kümmert sich nicht“, sagt Riedl.

Griesen bei Garmisch-Partenkirchen: Menschen fühlen sich vergessen

Die Menschen fühlen sich vergessen. Sie erzählen vom WLAN, das nicht gescheit funktioniert. Von Fräsarbeiten an der Bundesstraße, die angeblich und ausgerechnet kurz vor Griesen vergessen wurden. Von der B 23, die an manchen Stellen so sehr holpert, dass die Lkw-Hänger fast abheben. Fast jedem hier fällt eine Geschichte ein.

Und jetzt noch die Straßensperre. Alfons Marstaller, 77, hat früher als Zollbeamter vor Ort gearbeitet, er lebt noch immer hier. Er sagt: „Griesen ist eine Belastung für uns.“ Diesen Satz habe vor langer Zeit mal ein Garmischer Bürgermeister gesagt. Man kann das nicht nachprüfen. Aber so fühlen sie sich hier.

Der ehemalige Zöllner von Griesen: Alfons Marstaller.

Anwohner in Griesen: „Niemand kümmert sich um uns“

Stephen und Debbie Fleming betreiben eine Pension im alten Zollhaus – die „Alpine Blue Apartments“. Da, wo früher die Waffenkammer war, ist heute das Bad. Die Zimmer heißen „Alpenrose“, „Edelweiß“ oder „Enzian Loft“, die Nacht ab 90 Euro. „Niemand kümmert sich um uns“, sagt Stephen Fleming, 57. Schon wieder dieser Satz. Er hat 35 Jahre bei der britischen Armee gearbeitet, bevor er Pensionswirt im Werdenfels wurde. „Wir haben keinen Brief bekommen“, sagt er, „keinen Anruf aus dem Rathaus, nichts.“

Verzweifelt: Stephen und Debbie Fleming in ihrer Pension.

Jetzt steht das Ehepaar vor einer Katastrophe und einem Berg Arbeit. „Wir werden tausende Euro verlieren“, sagt er. Sie schreiben gerade alle Gäste an, die schon gebucht haben – und erklären ihnen alles. Dass sie zwar zur Zugspitze können, logo, aber leider vor 8 Uhr losfahren müssen und erst nach 17 Uhr wieder heimkommen dürfen. Sie erzählen von den Fahrrädern, die man bei ihnen leihen kann, und von Ausflügen nach Österreich, die ganz wunderbar sind. Trotzdem sagen die meisten ab.

Zu spät von Sperre nach Griesen erfahren: 80 oder 100 Euro pro Tag – für nichts

Schlimmer noch: Viele Gäste buchen die Zimmer über die Internetseite booking.com – diese Kunden haben ein Anrecht darauf, in ein anderes Hotel in der Gegend umzuziehen, das man 24 Stunden am Tag anfahren kann. „Wenn das mehr kostet“, sagt Stephen Fleming, „dann müssen wir die Differenz bezahlen. 80 oder 100 Euro pro Tag – für nichts.“ Der Vorwurf der Flemings: Sie hätten viel zu spät von der Sperre erfahren.

Große und kleine Unglücke spielen sich in diesen Tagen in Griesen ab. Es gibt Alte und Kranke, die inständig beten, dass sie nicht plötzlich zum Arzt müssen. Obwohl die Baustelle am Fels in Notfällen geräumt werden kann und der Rettungswagen auch über den kleinen, parallel verlaufenden Radweg fahren darf. Aber da will sich keiner so recht darauf verlassen.

Griesen abgeschnitten: Judith Kalinke ist im 8. Monat schwanger

Schon gar nicht Judith Kalinke, 29. Sie wohnt gegenüber von den Flemings – und sie ist im 8. Monat schwanger. Eigentlich will sie im Garmischer Krankenhaus entbinden, dort arbeitet sie auch. Sie will ihr Kind auf keinen Fall im Bezirkskrankenhaus in Reutte in Tirol auf die Welt bringen. Weil sie ein bayerisches Baby will und kein österreichisches. Aber vor allem, sagt sie, „weil es dort keine Kinderintensivstation gibt“.

Im 8. Monat schwanger: Judith Kalinke aus Griesen.

Sie hat auch schon überlegt, ihr Auto auf den Parkplatz zu stellen, wo der siebenfache Familienvater Zimmermann parkt. Aber die Idee hat sie verworfen. Vier Kilometer unter Wehen sind keine gute Idee. Am besten der Nachwuchs bleibt einfach noch einige Zeit im Bauch. Dann ist die Aufregung hoffentlich verflogen. Und die B 23 ist wieder das, wozu sie mal gebaut wurde – als Straße, auf der man jederzeit wohin fahren kann.

Jetzt meldet sich Bürgermeisterin Sigrid Meierhofer zu Wort: „Wir haben die Bewohner nicht vergessen“.

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