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Reden über den Leistungsstand: (v.l.) Martina Nieddu, Sohn Francesco und Lehrer Germann Lurz. 

Gespräche zwischen Eltern, Lehrer und Kind eingeführt

Keine Angst mehr vor dem Zeugnis? Die Gröben-Schule zeigt, wie‘s geht

An der Garmischer Gröben-Schule läuft ein spannendes Projekt. Bis zur fünften Klasse erhalten die Schüler kein Zeugnis mehr. An dessen Stelle sind Schulentwicklungsgespräch und Lernvereinbarung getreten. Der Garmischer Weg ist auch für andere Schulen interessant, wie zahlreiche Anfragen zeigen.

Garmisch-Partenkirchen – Grund zum Jubeln, zum Nachdenken oder vielleicht auch großen Kummer haben am morgigen Freitag wieder Schüler und Eltern in Bayern. Dann wird Halbjahresbilanz über den Leistungsstand gezogen, werden die Zwischenzeugnisse ausgehändigt. Kinderschutzbund, Familien- und Schulberatungsstellen sowie Jugendämter haben für diesen Tag Hotlines eingerichtet, um telefonisch oder per Chat Beratungshilfe zu leisten. Schulleiterin Katharina von der Goltz, Konrektorin Inge Ferchl und das Lehrerkollegium der Garmischer Gröben-Schule setzen längst auf einen ganz anderen Weg, weg von Zeugnis-Überraschungen. „Für uns heißt die Alternative Schulentwicklungsgespräch und Lernvereinbarungen“, sagt von der Goltz. Die gibt es hier bereits das dritte Jahr begleitend zu den Zeugnissen. Ausgearbeitet sind die Bögen bis zur 9. Klasse, also für die gesamte Mittelschule.

Lernentwicklungsgespräche wurden bayernweit mit der stufenweisen Einführung des Lehrplans plus für die Grundschulen als Ersatz für die Zwischenzeugnisse eingeführt. Die Praxis sieht so aus: Kind und Eltern werden zum Ende des ersten Schulhalbjahres zum gemeinsamen Gespräch mit der Lehrkraft eingeladen. Das gilt bereits für Erstklässler, die zuvor einen Bilderbogen mit Smileys mit nach Hause bekommen. Hier schätzen sie sich im Rechnen, Lesen, Schreiben, aber auch bei der Mitarbeit im Unterricht, in der Selbstständigkeit oder im Verhalten ein. Ab der dritten Klasse – für die vierte gibt es wegen des Übertritts-Zeugnisses eine Ausnahmeregelung – wird zusätzlich ein Zensurenblatt ausgeteilt. „Das ist aber kein Zeugnis, wird nicht unterschrieben“, erklärt von der Goltz.

„Ich-Bogen“ und „Du-Bogen“ kommen zum Einsatz

Was in der Grundschule super funktioniert, sollten wir auch in der Mittelschule anwenden, sagte sich das Gröbenschul-Team. In dreijähriger Arbeit wurden die entsprechenden Bögen für Lernentwicklungsgespräche von engagierten Pädagogen der Gröben-Schule erarbeitet, dazu auch die Fachlehrer ins Boot geholt. Eine Mehrarbeit, die sich ausgezahlt hat. Auf eine Anordnung wurde in Absprache mit dem Schulamt nicht gewartet, sondern das Ganze ausprobiert. Die Rückmeldungen durch die Eltern waren durchweg positiv. Aus den Bögen für die Grundschüler wird in den höheren Jahrgangsstufen ein immer umfangreicherer „Ich-Bogen“, auf dem Fächer-Leistungen und Sozialkompetenzen beurteilt werden. „Interessant ist, dass sich die meisten Schüler schlechter bewerten als wir Lehrer das tun“, sagt Ferchl. Diese füllen parallel dazu einen „Du-Bogen“ aus.

Schüler, Eltern und Lehrkraft setzen sich 20 Minuten gemeinsam an einen Tisch, reden über alles. Martina Nieddu hat vier Kinder. Siebtklässler Francesco ist ihr Jüngster und profitiert bereits das dritte Jahr von den Lernentwicklungsgesprächen. „Die Kinder haben nicht mehr das Gefühl, dass hinter ihrem Rücken geredet wird“, sagt Nieddu. „Francesco fühlt sich dadurch ernst genommen, bemüht sich um Verbesserung.“ Die gemeinsame Zielvereinbarung, die von allen unterschrieben wird, soll die Weiterentwicklung des Kindes unterstützen.

Seit diesem Schuljahr heißt es am Gröben auch in der fünften Jahrgangsstufe Lernentwicklungsgespräch statt Zeugnis. Nur von der sechsten bis neunten Klasse wird noch doppelgleisig gefahren, gibt es am 23. Februar auch das obligatorische Zeugnis. „Überraschungen bleiben aber aus“, erklärt Ferchl. Dass die Gröbenschule auf dem richtigen Weg ist, bestärken die Anfragen und das große Interesse anderer Schulen – selbst aus München. Kein Zittern also mehr vor dem Halbjahreszeugnis? Es scheint möglich.

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