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Eine Familie freut sich aufs Fest: Monika Zollner mit den (Ur-)Enkeln. Von links: Anna (7), Sophia (12), Theresa (4), Simon (9), Vreni (3) und Kilian (14). Thomas Sehr.

Heiligabend früher und heute

Weihnachtszauber bei den Zollners

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Garmisch-Partenkirchen - Monika Zollner (74) ist herzensgut, aber streng. Eine Weihnachtsgeschichte über eine wunderbare Frau, die beweist: Das Christkind lebt. In jedem von uns.

Monika Zollner, 74, aus Garmisch-Partenkirchen ist eine freundliche, lustige Bayerin mit acht Kindern, 17 Enkelkindern, einem Christbaum, zwei Urenkeln und einem guten Dutzend Adventskalendern, die überall in ihrem kleinen Häuschen hängen. Sie geht jeden Tag in der Früh ins Engelamt in die Pfarrkirche, das ist eine Frühmesse im Advent, Beginn 6.30 Uhr. Die Stimmung dort, sagt sie, „ist wichtig für die Seele. Da brennen nur Kerzen.“ Dafür geht sie an Heiligabend nicht in die Kirche. „Da genga de, die des ganze Jahr ned kemma“, sagt sie. „Und de braucha ja a an Platz.“ Sehr pragmatisch, sehr schlau.

„Wer von euch glaubt noch ans Christkind?“

Man kann sagen: Monika Zollner liebt das Weihnachtsfest. Es erdet einen. Es bringt die Familie zusammen. Es ordnet die Seele und das Jahr. Kurzum: Es ist einfach schön. Aber kürzlich musste sie sich furchtbar aufregen – mitten im Advent. Die Religionslehrerin, ausgerechnet die, hat in der Schulklasse ihres Enkels Simon, 9 Jahre alt, gefragt: „Und – wer von euch glaubt eigentlich noch ans Christkind?“

Der Enkel ist danach heim zur Mama und hat sie sofort gelöchert: „Mama, Mama, gibt’s das Christkind nicht?“

Monika Zollner, die früher bei der Caritas gearbeitet hat, ärgert sich heute noch darüber. Wie kann man denn einem Kind nur das Christkind wegnehmen? Sie haben dann auch bei der Lehrerin reklamiert, weil es so einfach nicht geht. Neben Monika Zollner sitzt gerade ihr Enkel Kilian, 14, mit am Wohnzimmertisch. Er sagt in schönstem Bairisch: „Es war no scheener, wo ma no dro glaubt hat. Mir hat’s mei Papa irgendwann amoi gsagt, dass’s des Christkindl gar ned gibt.“

Monika Zollners Brief an das Christkind. Damals war sie acht Jahre alt.

Ja, so ist das: Weihnachten ist wahrscheinlich das Fest, bei dem man zum ersten Mal merkt, dass man kein kleines Kind mehr ist. Es ist das magischste Fest von allen. Kein Fest ist im Guten (Familie, Weihnachtsgans, Rotwein) und im Schlechten (Konsumrausch, Geschenkeberge, drohender Familienknatsch) so aufgeladen wie Weihnachten. Doch gerade wenn man Menschen wie die wunderbare Monika Zollner und ihre Enkel trifft, merkt man: Weihnachten gehört zu unserem Leben wie kaum was anderes, wie Hefe ins Weißbier und der Ochs ins Kripperl. Heute, damals und hoffentlich bis in alle Ewigkeit. Monika war acht, da hat sie einen Brief ans Christkind geschrieben. Sie lebte schon in Garmisch-Partenkirchen, aber keine Lehrerin hat die Existenz des Christkinds infrage gestellt, also hat sie in Schönschrift geschrieben: „Liebes Christkind, ich habe auch ein paar bescheidene Wünsche. Von Schlittschuhen will ich jetzt nicht mehr reden, so schwer es mir auch fällt. Ein paar Bücher würden mich riesig freuen, aber schon ein bisschen aufregende Bücher, gell. Ich bin zwar nicht mehr kindisch, aber eine nette Puppe macht mir schon Spaß. Viele Grüße. Deine Monika.“

Sie hat den Brief heute noch, sie hütet ihn wie einen Schatz. „Nur die Schlittschuhe“, sagt sie, „die hab ich damals und mein ganzes Leben lang ned bekommen.“ Das Leben ist nicht mal an Heiligabend ein Wunschkonzert. Oma Monika ist auch skeptisch, was Enkel Kilian, der Teenager, sich heuer so wünscht. Den kleinen Generationenkonflikt dokumentieren wir an dieser Stelle in Dialogform.

Enkel Kilian: „Ich wünsch mir an Weihnachten a Goid.“

Oma: „Für wos?“

Enkel: „A Playstation.“

Oma: „Warum?“

Enkel: schweigt.

Oma: „I bin total gegen die Dinger, die ganze Elektronik, angefangen mit de Handys.“

Enkel: Schweigt weiter, nimmt sich einen Lebkuchen vom Teller vor ihm.

Oma Monika, leicht in Rage: „Deswegen gibt’s bei mia a striktes Handyverbot an Weihnachten.“

Enkel: Schaut im Wohnzimmer rum, kaut.

Oma, inzwischen sehr bestimmt: „Bei mir braucht koaner a Handy mitnehma, wer rumtippen wui, soll liaba glei dahoam bleibn.“

Monika Zollner ist ein herzensguter Mensch, sie liebt ihre Familie, für die vielen, vielen Enkel sammelt sie das ganze Jahr durch Ein- und Zwei-Euro-Stücke. Die Münzen werden dann in Sackerl verpackt – und jeder Enkel kriegt ein Sackerl geschenkt. „Das ist ein teurer Spaß so viele Enkel“, sagt sie. Aber sie hat nicht nur in Sachen Handy so ihre Regeln: „Wenn sie die liebevoll verpackten Pakete aufreißen und überall das Papier rumliegt, dann bin ich ein bisserl enttäuscht“, sagt sie. „Dann sieht’s aus wie auf’m Schlachtfeld.“

„Da ist alles noch schee sauber“

Deswegen ist sie ganz froh, wenn sie an Heiligabend erst mal ein bisserl durchschnaufen kann. Am Nachmittag kommen die Mütter der Familie zu Kaffee, Plätzchen und Punsch zu ihr. Aber ohne Kinder. „Damit sie Ruhe haben“, sagt Monika Zollner. Den Abend verbringt sie alleine zu Hause, von ihrem Ehemann ist sie schon lange getrennt. „Ich setz’ mich dann vor den Christbaum und hör Radio.“ Es ist die Ruhe vor dem Sturm. „Da ist alles noch schee sauber“, sagt sie, „da liegt noch koa Papierl rum.“ Ausnahmezustand im schönsten Sinn herrscht erst am nächsten Tag – da kommt die Großfamilie zu ihr. Mitten ins Wohnzimmer kommt eine Bierzeltgarnitur, und los geht das Fest.

Herrlich schön – aber Monika hat auch schon furchtbare Weihnachtsfeste erlebt. Welche mit vielen Tränen. 1946, gleich nach dem Krieg, hat sie sich eine Puppe gewünscht. Ihr Vater, ein Polizist, wusste das: Er hat seinen Anzug getauscht – und dafür einen Puppenwagen samt Porzellanpuppe bekommen. Der größte Wunsch der kleinen Monika ging in Erfüllung. Kurz zumindest. „Dann wollte mein Bruder unbedingt damit spielen“, erzählt sie heute, sechs Jahrzehnte später. Sie erzählt es so, als ob es erst vor drei Stunden passiert ist. Sie ist plötzlich wieder Kind. „Ich hab bis heute nicht begriffen, warum er mit dem Puppenwagen gespielt hat.“ Plötzlich fiel der Wagen um und die Puppe heraus. Danach war sie kaputt, der Papa stinksauer und der Heilige Abend gelaufen. Da muss sie heute noch oft dran denken, eigentlich jedes Weihnachten. Besonders muss sie daran denken, wenn sie sieht, wie viele Spielsachen die Kinder heutzutage haben, ganz selbstverständlich.

„An die Ochsenschlitten denk i immer wieder“

Und auch daran: Früher waren die Straßen in Garmisch-Partenkirchen voll mit Schlitten, erzählt sie, von überall kamen sie her. Sie hat das Klingeln der Schlitten noch heute im Ohr. Kurz vor Weihnachten haben die Bauern aus der Umgebung das Heu für ihre Stalltiere mit den Schlitten, die die Ochsen gezogen haben, heimgeholt. Damals lag auch immer Schnee. Das ist ja heutzutage sogar hier gleich in den Bergen eine Seltenheit an Heiligabend. „An die Ochsenschlitten denk i immer wieder“, sagt sie. „Bei dem Geräusch hab i Weihnachtsgefühle bekommen.“

Die Jahre nach dem Krieg waren hart, aber oft auch schön. „Man hat in der Schule nie den Unterschied gemerkt zwischen Arm und Reich – alle waren gleich arm.“ Zu Weihnachten hat sie selbst gestrickte Socken bekommen, Skihosen, die früher Mäntel der Wehrmacht waren, solche Sachen. Brehms Tierleben, Bücher von Sven Hedin oder Geli-Bücher, das waren Romane für Mädchen. Die Geschenke waren klein, aber sie sind unvergessen.

Enkel Kilian, um den großen, großen Bogen zu spannen, hat heuer auch was Unvergessliches vorbereitet. Seine Mama muss an dieser Stelle leider aufhören zu lesen – wegen der Überraschung. Alle anderen dürfen weiterlesen. „De Mama“, sagt er, „kriagt a lebendige Henna von mia, mia ham drei Henna dahoam, aber oane hot da Hund gfressn.“ Eine herrliche Idee – ein Huhn unterm Baum. Man kann davon ausgehen, dass das Fest bei den Zollners dieses Jahr genauso wunderbar wird wie die letzten Jahrzehnte. „So ein bisserl Kindheit“, sagt Monika Zollner, „muss man sich bewahren in der nüchternen Zeit.“ Dafür sind diese Tage da, schon immer. Dass man selber zum Christkind wird.

Frohe Weihnachten, Frau Zollner! Frohe Weihnachten, Bayern!

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