Ihren Traum hat sich Julia Heitmann mit ihrer eigenen Hebammen-Praxis in Garmisch-Partenkirchen erfüllt. In diesem Beruf geht sie auf.
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Ihren Traum hat sich Julia Heitmann mit ihrer eigenen Hebammen-Praxis in Garmisch-Partenkirchen erfüllt. In diesem Beruf geht sie auf.

Was sie wagt, wagen nur noch wenige

Eine der letzten ihrer Art: Julia Heitmann eröffnet Hebammen-Praxis in Garmisch-Partenkirchen

  • Katharina Bromberger
    VonKatharina Bromberger
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Was Julia Heitmann gemacht hat, wagen nur noch wenige: Sie eröffnete eine Hebammen-Praxis in Garmisch-Partenkirchen. Weil es ihr Traum war. Weil sie ihre Erfahrungen aus der Entwicklungshilfe weitergeben und Ängste nehmen möchte. Um eine Gruppe Frauen kümmert sie sich dabei besonders.

Garmisch-Partenkirchen – Die Frau lacht. Sie lacht Julia Heitmann aus. Ihren Freundinnen erzählt sie, was „die Weiße“ gerade von ihr wissen wollte – alle lachen. Lustig, diese Weiße. Julia Heitmann findet ihre Frage ganz normal, sie hat sich doch nur erkundigt, ob die Frau Angst habe. Denn seit Stunden liegt sie in den Wehen, in einer Lehmhütte irgendwo in Kenia. Schmerzen hat sie, einen Arzt gibt es nicht. Doch die Kenianerin lacht. Warum sollte sie Angst haben? Schließlich erlebe sie etwas ganz Natürliches.

Heute hat Julia Heitmann mit vielen Frauen zu tun, die Angst haben. Vor der Schwangerschaft. Vor der Geburt. Vor dem Leben, das als Mutter auf sie zukommt. Und vor vielem mehr. Diese Ängste will die Hebamme den Frauen nehmen und dabei ihre Erfahrungen aus dem Ausland weitergeben. Deshalb eröffnete sie in ihrer Wahlheimat Garmisch-Partenkirchen im Oktober 2020 ihre eigene Hebammen-Praxis.

Julia Heitmann will niemandem auf die Füße treten

Nicht mehr viele wagen diesen Schritt. „Wenn du es tust, bist du eine der Letzten deiner Art.“ Heitmann überlegt, bevor sie diesen Satz sagt. Sie wolle keinem auf die Füße treten. Oder gar jemanden abschrecken. Denn sie würde sich mehr Hebammen wünschen. Sie selbst ist mehr als ausgelastet, vielen Kolleginnen geht es genauso. Doch die Rahmenbedingungen sind schwierig geworden.

Massiv stiegen in den vergangenen Jahren die Haftpflichtversicherungen für freiberufliche Hebammen. Schnell bezahlen sie fünfstellige Summen pro Jahr. Bei zum Teil geringen Sätzen für Beratungen. Für einen Hausbesuch etwa gibt’s 38 Euro – egal, wie lange er dauert. Des Geldes wegen, davon ist Heitmann überzeugt, macht den Beruf niemand. „Das muss schon ein echter Herzenswunsch sein.“ Wie bei ihr.

Heitmann hat bereits über 4800 Geburten geleitet

Mit ihren erst 35 Jahren leitete Heitmann bereits über 4800 Geburten. In Summe arbeitete sie etwa sechs Jahre in Afrika und Südamerika. „Ich habe dort so viel gelernt.“ Von der Natur und von den schwangeren Frauen. Als Entwicklungshelferin bildete sie Hebammen aus, um die Kindersterblichkeit zu reduzieren. „Meine pure Mission“, sagt sie. Ihre Praxis gründete sie auch als Basis, um einmal selbst ihr eigenes soziales Projekt starten zu können. Oft denkt sie an die Frauen, die auf der Flucht ihre Kinder zwischen Mülltonnen zur Welt bringen mussten. An die Orte, in denen man von medizinischer Ausrüstung nur träumte. Ihr blieben lediglich ihre Hände, um beispielsweise Lage und Gewicht des Kindes zu bestimmen. Und das Gefühl der Frauen zu ihrem Körper – was in hoch entwickelten Ländern vielen fehle. „Da ist einiges verloren gegangen.“ Gerade bei einer Gruppe von Frauen, denen sich Heitmann widmet: Athletinnen, ihr Steckenpferd.

Ihren Traum hat sich Julia Heitmann mit ihrer eigenen Hebammen-Praxis in Garmisch-Partenkirchen erfüllt. In diesem Beruf geht sie auf.

„Leistungssportlerinnen gebären ganz schlecht“, sagt die gebürtige Stuttgarterin. Weil sie nicht loslassen können. Bis zur Schwangerschaft gilt für sie: „Immer Vollgas.“ Derzeit betreut sie 17 Athletinnen. In Deutschland, sagt sie, macht das in dieser Form sonst niemand. Bis aus Österreich und der Schweiz melden sie sich. Für die Frauen erstellt Heitmann Trainingspläne. Denn: Sie können weiterhin in die Berge gehen, Skitouren machen, wenn sie das brauchen. „Man muss eben einen Berg und eine Tour suchen, die zur Frau und zum Baby passt.“ Das entspricht ihrer Definition des Hebammenberufs: auf die Bedürfnisse der Mütter eingehen.

Heitmann will mit Praxis ein „Haus der Begegnung“ schaffen

Mit ihrer Praxis will sie ein „Haus der Begegnung“ schaffen, will weitere Angebote mit regionalen Therapeuten schaffen, die zu ihrem Grundsatz passen: die Natur und altes Handwerk – von ihrem Hebammenbuch aus dem Jahr 1956 würde sie sich niemals trennen – mit der modernen Wissenschaft kombinieren. Sie will nichts wegbeten oder auspendeln, natürlich sollen die Frauen zum Gynäkologen gehen. „Ich kenne meine Grenzen.“ Aber: „Nicht alles ist pathologisch begründet.“

Der Ernährung schreibt sie eine hohe Bedeutung zu. Sie stellt individuelle Rezepte bei individuellen Problemen zusammen, gibt Tipps: Mandeln lutschen gegen Morgenübelkeit, Kichererbsen gegen Eisenmangel, Quarkauflauf bei Wadenkrämpfen. „Es braucht nicht immer gleich eine Tablette.“ Eine ebenso große Rolle spielt für sie die Bewegung. In Kursen sollen Frauen lernen, auf sich zu hören, sich und das Baby zu spüren, Ängste verlieren. So wie die Frau in Kenia. „Eine Geburt ist schließlich etwas ganz Normales.“

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