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Mit so genannten Kirrhäufen aus Silage haben die Jäger das Wild angelockt.

Eine Frage der Pietät

Hirschjagd am Garmischer Friedhof: Schüsse erschrecken Grabbesucher

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Das Recht haben sie auf ihrer Seite. Keine Frage. Ob es allerdings sein muss, direkt neben dem Garmischer Friedhof einen Hirsch zu schießen, ist eine andere Sache. Tierschützerin Tessy Lödermann nennt das Vorgehen der Jäger „einfach nur pietätlos“.

Garmisch-Partenkirchen – Tessy Lödermann ist empört. Und schockiert. Die Spuren, die sie auf der Wiese hinter dem Garmischer Friedhof entdeckt hat, machen die engagierte Tierschützerin fassungslos. Diese zeugen von einer äußerst unschönen Begebenheit, die sich an einem späten Samstagnachmittag ereignete. Ein Mann schoss auf besagter Fläche, die zum Gebiet der Gemeinschaftsjagd Garmisch gehört, einen Hirsch, verletzte ihn und rief dann einen weiteren Jäger zur Hilfe, mit dem er sich dann auf die Suche nach dem Tier begab. Ein Vorfall, den zahlreiche Friedhofsbesucher hautnah miterlebten. Und der sie massiv schockierte.

Hinter diesen Siloballen auf der Wiese am Garmischer Friedhof hat sich der Jäger offenbar postiert, um den Hirsch zu schießen.

Eine Frau, die gerade am Grab ihres Mannes eine Kerze anzünden wollte, erfreute sich zunächst noch am Anblick von drei Hirschen auf der Wiese hinter der Friedhofsmauer. Eine Idylle, der ein lauter Knall ein jähes Ende bereitete. „Eine Frau ist dermaßen erschrocken, dass sie nur noch geschrien hat“, sagt Lödermann. Das Geschehen kennt sie nur aus Erzählungen, die Spuren, die sie anschließend entdeckt hat, belegen das Ganze aber eindrucksvoll. Die Zigarettenkippen beispielsweise, die hinter einem der Siloballen im Schnee lagen, zeugen davon, „dass der Jäger bequem dahinter lauernd auf seinen Abschuss gewartet hat“. Dass früher oder später Wild dort auftaucht, wundert die Vorsitzende des Tierschutzvereins Garmisch-Partenkirchen nicht. „Durch die Kirrhäufen wird es buchstäblich an den Friedhof gelockt.“ Für sie ein Unding: „Wer so etwas tut, ist als Jäger völlig ungeeignet.“

Klagen, dass Hirsche auf dem Gottesacker beziehungsweise in Vorgärten Pflanzen fressen, seien der Grund für diese Aktion gewesen, erklärt Landratsamtssprecher Stephan Scharf. Sein Haus ist als Untere Jagdbehörde zuständig und war im Vorfeld informiert worden. An besagter Stelle zu jagen, sei rechtens. Das bestätigt auch Josef Grasegger von der hiesigen Polizeiinspektion, die von empörten Augenzeugen verständigt worden war. „Die Kollegen haben vor Ort versucht, das Ganze nachzuvollziehen.“ Ihre Erkenntnis: Der Jäger habe etwa 60 Meter von der Friedhofsmauer entfernt Richtung Wald geschossen. „Damit hat er gegen keine Vorgaben verstoßen.“

Dass der Bereich angesichts der Nähe zum Friedhof sehr sensibel ist, weiß Josef Sailer. „Deshalb haben wir auch das Landratsamt eingeschaltet.“ Nachdem sich bei den Vertretern der Genossenschaftsjagd Garmisch, deren Vorsitzender er ist, Klagen über abgefressene Blumen gehäuft hatten, mussten sie handeln. „Das Wild fühlt sich wohl auf der Grünfläche und vor allem sehr sicher“, sagt Sailer. In der Hoffnung, dass nach einem Abschuss eine Zeit lang Ruhe herrscht, habe sich der betroffene Jagdpächter dazu entschlossen. Und das nicht zum ersten Mal. Immer mal wieder sei ein Tier in diesem Bereich erlegt worden. Und immer wieder entdeckt Wild die Wiese, den Friedhof mit seinen Blumen und die angrenzenden Gärten für sich. Dann wird es Sailer zufolge erneut zum Problem.

Die Fläche, auf der jüngst geschossen wurde, „ist Teil des Reviers“, bestätigt Scharf. „Ob man da jagen muss, ist aber eine andere Frage.“ Eine, die Lödermann mit einem klaren Nein beantwortet. „Ich finde es völlig pietätlos, neben trauernden Menschen einen Hirsch zu schießen.“ Der Betreffende habe wohl seine Abschusszahlen noch nicht erfüllt und deshalb kurz vor knapp – die Jagdzeit für Rotwild endete am 31. Januar – noch mit Hilfe der Kirrhäufen einen Hirsch angelockt, vermutet sie. „Da wollte man noch ganz bequem und ohne jeglichen Aufwand – Auto parken, ein paar Meter zu Fuß gehen – einen Abschuss tätigen.“ Eine Unterstellung, die Sailer weit von sich weist. Er beruft sich auf die fortwährenden Klagen, die an die Vertreter der Gemeinschaftsjagd gerichtet wurden.

Lödermann sieht in der Argumentation, das Wild fresse Blumen und andere Pflanzen, allerdings eine „reine Schutzbehauptung“. Schließlich seien zum einen momentan gar keine Blumen auf dem Friedhof, zum anderen springe Rotwild nur dann über die Mauer, wenn es gehetzt wird und flüchtet. Für sie ist der Vorfall in unmittelbarer Nähe des Friedhofs und der Wohnbebauung verwerflich. Zumal der Jäger den Hirsch zwar getroffen, aber nicht getötet hat, wovon eine Blutspur zeugte. „Was hätte alles passieren können“, fragt Lödermann, „wenn dieser begnadete Schütze noch weiter daneben geschossen hätte?“

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