Komplett weggespült hat der Bach im Laingraben, den fast jeder Wettersteinlaine nennt, den Forstweg im Revier Partenkirchen.
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Komplett weggespült hat der Bach den Forstweg. Wolfgang Striegel (l.) und Richard Baur begutachten den Baufortschritt. Künftig werden drei Rohre für einen besseren Durchfluss sorgen.

Aufräumarbeiten nach Hochwasser

Juli-Starkregen: Alleine im Forstrevier Partenkirchen
eine Viertelmillion Euro Schaden

  • Katharina Bromberger
    VonKatharina Bromberger
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Die Aufräum- und Sanierungsarbeiten gehen im Forstrevier Partenkirchen so schnell nicht aus. Dafür hat der verheerende Starkregen Mitte Juli gesorgt.

Garmisch-Partenkirchen – Als das Unwetter am Samstag wütet, feiert Wolfgang Striegel. Seine Hochzeit. Am Sonntagmorgen, 6 Uhr, bekommt er das erste Foto aufs Handy. Von der Brücke unterhalb der Wettersteinalm. Die Forststraße – weg. Da ist nur Wasser. Ein Fluss, wo normalerweise ein Rinnsal fließt. „Da war die Hochzeitsnacht vorbei.“ Die Flitterwochen fingen gar nicht erst an.

Die Woche Urlaub nach der Heirat am 17. Juli hat der Förster sofort gestrichen, er musste sich um die Schäden in seinem Revier kümmern. Damit sind die Mitarbeiter nach wie vor beschäftigt. Die Baustellen, die Striegel und Richard Baur, stellvertretender Leiter in Oberammergau, bei einem Rundgang präsenteren, sind nur ein Bruchteil dessen, was an Arbeit zu erledigen war und ist – nur vom Unwetter in einer Nacht. Das Revier Partenkirchen war so stark betroffen wie kein anderes im Bereich des Forstbetriebs Oberammergau.

So habe ich den Bach noch nie erlebt

Wolfgang Striegel

Baur lenkt seinen Allrad Daccia Duster über die Forststraße bei Elmau. Links biegen die Radfahrer zum Schachen ab, Baur fährt geradeaus weiter. Ein Stichweg, den kaum Ausflügler nutzen. Zwei Minuten, dann endet er vor einem riesigen Kieswall. Wo er weitergeht? „Eine gute Frage.“ Striegel hat sie sich auch gestellt, als er am Sonntag nach dem Unwetter heraufgekommen ist. „So habe ich den Bach noch nie erlebt“, sagt der Garmisch-Partenkirchner (35) über den Laingraben, den fast jeder Wettersteinlaine nennt. Jetzt fließt er wieder, wie man ihn kennt. Als Rinnsal. Aber nicht mehr in seinem kleinen „Graberl“.

Mindestens 1000 Kubikmeter Kies hat das Wasser mitgeschoben und das Bachbett aufgefüllt, das normalerweise zwei Meter tiefer verläuft. Auf seinem Weg Richtung Ferchenbach entrindete das Geschiebe Bäume bis auf zwei Meter Höhe. Mindestens 150 Festmeter Schadholz müssen raus. Und eben Kies. Kies. Kies. Kies. Am Sonntag, 18. Juli, 18 Uhr, kam der Baggerfahrer. „Seitdem ist er da.“

Erst einmal ging es darum, die Durchlässe frei zu bekommen, alles provisorisch zu reparieren, schließlich die Schäden ganz zu beseitigen. Nur: Wie soll man bauen, um sich künftig gegen derartige Wetterereignisse zu wappnen? Die Antwort: Gar nicht. Grundsätzlich werden die Anlagen nach solchen Unwettern verbessert. Denn sie decken Schwachstellen auf, zeigen, dass etwa die Dimensionierung von Rohren nicht gereicht hat. Doch stellt Striegel auch klar: „Bei diesem Starkregen waren wir machtlos.“ In der Theorie könnte man sich beziehungsweise die Wege schützen. In der Praxis aber stehen die Anlagen in keinem Verhältnis. Zu massiv wären die Eingriffe in die Natur, zu enorm die Kosten.

In diesem Fall hatten die Planer überlegt, die beiden Ein-Meter-Durchmesser-Rohre auf zwei Meter Durchmesser aufzustocken. Oder man hätte eine Acht-Meter-Brücke über den Bach spannen müssen. „Das schaut unmöglich aus“, sagt Baur. Und die Kosten „sprengen jede Dimension“. „Da reparieren wir mindestens dreimal die Straße“, bekräftigt Striegel. Stattdessen setzen sie nun ein drittes Ein-Meter-Rohr ein.

Viermal quert der Laingraben die Straße, überall hat er diese zerstört. Nur vier von 50 bis 60 Baustellen, die der Starkregen am 17. Juli verursacht hat. 25 davon liegen auf Partenkirchner Flur. Um alle Schäden zu reparieren, hat Striegel 250 000 Euro kalkuliert. Nur für seinen Bereich. Insgesamt werden’s wohl um die 350 000 Euro.

Ruhe, Idylle und ein Rinnsal prägen aktuell die Szenerie, wo Mitte Juli noch die Wassermassen ins Tal donnerten.

Etwa 20 000 davon entfallen auf einen Graben, neben dem Baur und Striegel als nächstes halten. Wieder an einem Sackweg, die Klausnerstraße. Sie führt Richtung Kaltenbach, endet nach etwa 800 Metern. Von rechts kommt ein Bächlein – Bach wäre zu viel –, der nicht einmal einen Namen trägt. Durch ein Rohr fließt er unter der Straße hindurch. Unscheinbar, unspektakulär – bis man in den Graben auf der anderen Seite blickt. Das Wasser muss mit so einer Wucht aus dem Rohr geschossen sein, dass es den Hang gegenüber immer weiter ausgewaschen hat. Um mindestens zehn Meter ist er breiter als zuvor. Und instabil. Nach einem aufwendigen Verfahren wird der Hang wieder aufgebaut, bevor die Straße nachgibt. Baur wie Striegel schütteln den Kopf. Immer wieder passieren Dinge, die sie sich zuvor nicht hätten vorstellen können. Vor allem in jüngerer Zeit.

Entfesselte Naturgewalten: Am 18. Juli um 6 Uhr hat das Hochwasser im Laingraben unterhalb der Wettersteinalm bedrohliche Ausmaße angenommen.

Seit fünf Jahren „bleiben wir keinen Sommer von massiven Unwetterschäden verschont“, sagt Baur, der 2005 als stellvertretender Leiter nach Oberammergau kam. Juni und Juli bezeichnet der Altenauer als die gefährlichen Monate. Was sich auch 2018 bestätigte. Damals hat Striegel das Revier Partenkirchen übernommen. Im Juni ertrank ein Mann in der Partnach, der Ferchenbach rückte bei diesem Hochwasser als „tickende Zeitbombe“, wie ihn der damalige Gemeinderat Walter Echter bezeichnete, endgültig in den Fokus der Hochwasserschützer. Auch dort steht für die Staatsforsten – sowie für die Gemeinde und das Wasserwirtschaftsamt – nach dem Unwetter in diesem Jahr eine große Aufgabe an (Bericht folgt). „Ich hätte Tiefbau studieren sollen“, sagt Striegel und lacht. Galgenhumor. „Wenn das so weitergeht, hab’ ich bald zwei Millionen Euro verbuddelt.“ Es wird so weitergehen, davon ist er ebenso überzeugt wie Baur. „Daran werden wir uns gewöhnen müssen.“

Bereits repariert sind die Schäden an und unterhalb der Wettersteinalm. Brücken und Bachbett wurden hergerichtet. Innerhalb von zwei Wochen bekam der Wirt eine neue Terrasse. Die Weidegenossen Partenkirchen, denen die Hütte gehört, der Markt Garmisch-Partenkirchen und die Staatsforsten arbeiteten Hand in Hand. „Miteinander und unbürokratisch, so, wie das sein soll“, sagt Striegel. Nichts mehr erinnert an das Bild, das seine Hochzeitsnacht beendete und seinen Hochzeitsurlaub ausfallen ließ. Den will er nachholen, sobald die größten Reparaturen erledigt sind. Unbedingt vor dem nächsten Sommer. „Dann kommt sicher das nächste Unwetter daher.“

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