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Experten in Sachen Hochwasserschutz: (v.l.) Horst Hoffmann vom Wasserwirtschaftsamt Weilhiem und Flussmeister Andreas Funk am Wamberger Graben.

Zusätzlicher Schutz vor Schwemmholz ist unverzichtbar

Ein Hochwasser kommt selten allein

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Mitgeschwemmtes Geschiebe und Treibholz – es kann verheerende Folgen haben. Deshalb gilt: kein Hochwasserschutz ohne Rechen, Fangnetz, Sperren. Wie unverzichtbar sie sind, zeigt ein Rundgang durch Garmisch-Partenkirchen.

Garmisch-Partenkirchen – Simbach war nur noch Kulisse, hätte die Hauptrolle in einem Katastrophenfilm spielen können. Doch die Einwohner beobachten am 2. Juni 2016 keine Dreharbeiten. Die Katastrophe ist echt. Tagelange, heftige Regenfälle lassen den Bach, der der Stadt in Niederbayern ihren Namen gibt, immer weiter anschwellen. Auf seinem Weg Richtung Ortszentrum reißt er Äste, Sträucher, Bäume mit. Vor einer Brücke nahe des Heimatmuseums verstopfen sie den Durchfluss. Um 13.45 Uhr hält die Straße dem Druck nicht mehr stand. Der Damm bricht, Wasser, Schlamm und Schwemmholz verwüsten den Ort.

Erst vor wenigen Wochen war Horst Hofmann vom Wasserwirtschaftsamt Weilheim in Simbach. Beruflich. Er hat die Spuren der Katastrophe gesehen, die auch ein Jahr danach nicht verschwunden sind. Und die kleiner ausfallen hätten können, wäre das Schwemmholz nicht gewesen. „Das hat das Problem sicher verschärft, auch wenn die Hauptursache die unvorstellbaren Wassermassen waren.“ Deshalb hat sein Team, das im Landkreis Garmisch-Partenkirchen für den Wasserbau verantwortlich ist, Treibholz und Geschiebe genau im Blick. Wie am Lainbach in Mittenwald, wo der Hochwasserschutz erst mit einer Geschiebesperre wirkt. Und wie in Garmisch-Partenkirchen an einigen neuralgischen Punkten ausgemacht.

Kanker

Sperren sind am Fauken eingebaut, Hänge stabilisiert und ein Rückhaltebecken erweitert.

Nach jedem Hochwasser überprüfen die Mitarbeiter des Wasserwirtschaftsamts etwa 80 Bauwerke im Landkreis – besonders jene, die Geschiebe und Schwemmholz zurückhalten. Flussmeister Andreas Funk aus Krün kennt die besonders anfälligen, wichtigen Punkte. Doch 2010 haben er und Sachgebietsleiter Hofmann nicht schlecht gestaunt: Das Fangnetz an der Kanker war voll mit Ästen, Sträuchern, Baumstämmen. Bis oben hin. Wie schon 2005. Da war dem Team klar: Das Netz ist zu klein. Denn beide Male trieb trotz Netz Holz bis zur Überleitungsbauwerk oberhalb des Klinikums. Ohne Folgen. Doch könnte sich Wasser „unkontrolliert aufstauen“, sagt Hofmann. Womöglich bringt man den Schütz nicht mehr zu, um das Wasser im Ernstfall aufzustauen beziehungsweise zu steuern. An dem Schutzbauwerk wird Wasser zum Teil in die Partnach geleitet. „Dieses System muss funktionieren“, sagt Hofmann. Voraussetzung dafür ist: zusätzlicher Schutz vor Schwemmholz.

Deshalb planen die Verantwortlichen einen Wildholzrechen mit Stahlrohren von 66 Zentimeter Durchmesser etwa 60 Meter vor dem Fangnetz. Die Pläne liegen bereit, die Kosten schätzt das Wasserwirtschaftsamt auf 300 000 Euro. Noch aber verhandelt man mit wenigen Grundstücksbesitzern wegen der Zufahrt. Diese muss sowohl für die Bauarbeiten als auch für den Unterhalt angepasst werden. Man sei „auf einem guten Weg“, sich zu einigen, sagt Hofmann. Er zweifelt nicht daran, dass dies bald gelingt und sein Team mit dieser „notwendigen Verbesserung“ im Hochwasserschutz für Garmisch-Partenkirchen noch in diesem Jahr starten kann.

Noch wichtiger aber bleibt der Ausbau der Kanker. Bereits seit 2013 arbeiten die Experten an der Sanierung des 100 Jahre alten Gerinnes. Noch fehlen 600 Meter im Ort zwischen der Brücke an der Mittenwalder Straße und dem Kurpark. 2018, schätzt Hofmann, starten die Arbeiten. Er rechnet mit etwa drei Jahren Bauzeit. „Das wird noch richtig spannend“, sagt Flussmeister Funk. An der Badgasse etwa steht ein Haus direkt am Wasser. Kein Einzelfall. „Das wird der Knackpunkt.“ Das Problem hatten sie auch auf einer Baustelle nur etwa zwei Kilometer entfernt.

Wamberger Graben

Nadelöhr: Eine Brücke stellt am Wamberger Graben ein Problem dar. Der Bereich wird ausgebaut.

Einen Brennpunkt in Sachen Hochwasser haben die Experten am Wamberger Graben ausgemacht. Ihn bauen die Experten gerade aus, Häuser direkt am Bach mussten sie dafür abstützen, damit sie nicht einstürzten oder die Wände Risse bekommen. Etwa 600 000 Euro investieren Gemeinde und Freistaat dort in den Hochwasserschutz, auch eine neue Brücke entsteht. „Sie ist das Nadelöhr“, sagt Hofmann. Nach den Berechnungen lässt sie bei Weitem nicht die nötige Menge Wasser durch. Einmal mehr funktioniert auch dort der Hochwasserschutz nur in Verbindung mit einem Schutz vor Schwemmholz. Dafür bauen die Experten ähnlich wie an der Kanker etwa 100 Meter oberhalb der Brücke ein Fangnetz ein. Hinzu kommt ein Tor neben dem Bach sowie eine Art Rechen: fünf ein Meter hohe Stahlträger, die ebenfalls Schwemmholz abhalten. Eine Spezialkonstruktion. Denn sollte Wasser über das Ufer treten, könnte das Holz neben dem Netz Richtung Brücke gespült werden, diese verstopfen – mit möglicherweise verheerenden Folgen.

Fauken

Sperren sind am Fauken eingebaut, Hänge stabilisiert und ein Rückhaltebecken erweitert.

Durch eine Brücke nach der anderen zwängt sich der Fauken auf seinem Weg durch Partenkirchen. „Da gibt es keinen Platz mehr, keinen Puffer“, sagt Flussmeister Funk auf der Fahrt durch die Faukenstraße und den Schalmeiweg. Gerade dort oben zeigt sich, wie wichtig eine Verbauung ist, die Schwemmholz oder Geschiebe abhält. „Die Brücken wären sofort dicht“, sagt Hofmann. 2012 bis 2015 entstand oberhalb der letzten Häuser – nur Wanderer verirren sich dort hinauf – ein gigantisches Bauwerk. Gabionensperren wurden eingebracht, der Bach und die Hänge stabilisiert, ein Rückhaltebecken erweitert, eine Geschiebesperre erhöht. „Im Oberlauf haben wir unsere Hausaufgaben gemacht“, sagt Hofmann. 

Befassen aber müssen er und sein Team sich dringend mit dem Bach im Ort. Dort ist auch die Marktgemeinde gefragt. Denn Funk und Hofmann zufolge ist das unterirdische Gerinne dringend sanierungsbedürftig. Damit müsse sich die Gemeinde auseinandersetzen. Das Wasserwirtschaftsamt sucht derweil nach einer Lösung für die vielen Brücken. Einen Zeitplan für dieses Projekt gibt es nicht. Doch steht der Bach auf der Prioritätenliste weit oben.

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