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Ein Volk jubelt: Berliner feiern auf der Mauer am Brandenburger Tor vor 30 Jahren die Wende. Rainer und Ines Heunisch erleben diesen Moment in Jena. Mit gemischten Gefühlen.

Daheeme wird zu dahoam

Ein Ehepaar, zwei Geschichten: Ines und Rainer Heunisch erinnern sich an die Wende

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Vor 30 Jahren fiel die Mauer, Deutschland war wieder vereint. Ines und Rainer Heunisch aus Burgrain haben diese Zeit ganz unterschiedlich erlebt. Ihre Geschichte zur Wende ist eine politische, eine menschliche und eine vom Blick zweier Generationen. Eine vom Bleiben, Weggehen und Ankommen.

Sind angekommen: Ines und Rainer Heunisch mit Tochter Romy wollen nicht mehr zurück nach Jena.

Burgrain – Ines Schattlack ist zehn Jahre alt. An der Hand ihrer Mama steht das Mädchen auf einem überfüllten Marktplatz in Kronach. Alles ist so bunt, die Häuser, die Menschen in ihrer Kleidung. Nicht so grau wie drüben. Dann dieses Geschäft – was es da alles gibt. Ob sie das mal anfassen dürfen, fragen die zwei Besucher aus Jena. Sie streicheln über das Obst. Eine Ananas – eine was? – schneidet ihnen der Verkäufer extra auf. Wie süß sie ist. Eine Geschmacksexplosion. „Wow. Wow. Wow.“

Die Eindrücke eines Mädchens aus dem Osten, das mit seiner Mama wenige Tage nach dem Mauerfall die 100 D-Mark Begrüßungsgeld abholt und mit einer vollen Tüte Obst nach Hause fährt.

Rainer Heunisch ist 24. Er ist am 9. November 1989 gerade auf einer Versammlung der SED-Nachwuchsorganisation FDJ, der Freien Deutschen Jugend. Um 19 Uhr verkündet Politbüro-Mitglied Günter Schabowski die Reisefreiheit für DDR-Bürger, stammelt etwas von: „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.“ Heunisch bekommt das alles erst später mit, so nach und nach. Und kann es gar nicht begreifen. Was bedeutet das? Freiheit – ein so großer Begriff. Ein guter, ein neuer. Zugleich beschleicht ihn ein bedrückendes Gefühl. Heunisch hinterfragt das Regime zu dieser Zeit bereits. Dennoch liegt ihm viel an seiner Heimat. Er macht sich Sorgen, dass mit dem Mauerfall alle davonlaufen, „das Land ausblutet“.

Die Gedanken eines jungen, politischen Mannes aus dem Osten, der lange Teil des Systems war.

Tochter Romy „ist die einzige Einheimische bei uns“

Heute sind Rainer (54) und Ines (40) Heunisch verheiratet, leben seit genau 20 Jahren im Landkreis, mittlerweile in Burgrain. Tochter Romy (8) „ist die einzige Einheimische bei uns“, sagt Rainer Heunisch und lacht. Sie ist katholisch getauft, ihre Eltern sind Atheisten. Wie fast jeder aus der ehemaligen DDR. Doch sie fanden, ihre Tochter solle sich eine eigene Meinung bilden. Zum Glauben, zur Politik, zu allem. Und die auch sagen. Das betonen die beiden. Vielleicht, weil sie ohne diese Möglichkeit aufgewachsen sind. Was Ines Heunisch als kleines Mädchen nicht auffiel. Rainer Heunisch viele Jahre ebenfalls nicht.

Er wuchs in Jena in einer Funktionärsfamilie auf. Seine Eltern waren aktive Mitglieder der SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Ohne groß zu überlegen, traten auch Sohn und Tochter bei. Das ebnete viele Wege, Studieren beispielsweise war damit kein Problem. Heunisch bekam Auszeichnungen für sein Engagement bei der FDJ. „Das war halt alles einfach so.“ Vor allem hatte er Spaß mit Freunden. 

Zweifel am System und der Überwachung: Rainer Heunisch wird zu Freund befragt

Zu zweifeln begann er, als er wenige Jahre vor der Wende für einen Freund einen Ausreiseantrag tippte. Er, der FDJ und SED mied, fühlte sich gefangen im System. Kurz danach befragte der örtliche Polizeichef Heunisch. Zu den Motiven seines Freundes, was er vorhabe, ob er jemanden in den Westen nachholen wolle. Keine Ahnung, das sagte Heunisch oft. Er sollte besser nichts verheimlichen, das gab ihm der Polizist, der sogenannte Abschnittsbevollmächtigte, zu verstehen. Mit so einem Moped könne man schnell mal einen Unfall bauen. „So hat die Stasi gearbeitet.“ Befragen und bedrohen. Heunisch blieb dabei, er wusste nichts. Zugleich wurde ihm klar: Jeder Satz – und er äußerte sich „sehr zurückhaltend“ – machte ihn irgendwie zum Spitzel. Zum ersten Mal erkannte er, was er über Jahre wohl geahnt, aber ignoriert hatte: Wie sehr die Bürger der DDR überwacht werden. Und belogen. Die Reisefreiheit etwa bestand nur auf dem Papier, es herrschte Mangel an allem – und es wurde nicht besser, auch wenn die Oberen es versprachen.

Eine Stasi-Akte hat er, davon ist Heunisch überzeugt. Steht nichts Spannendes drin, glaubt er. Ist ihm auch egal. Nur eines würde ihn interessieren.

Ein Privileg: Rainer Heunisch reist vor der Wende nach Italien - samt Stasi-Spitzel

Eine Seltenheit: In Rainer Heunischs DDR-Reisepass steht der Beweis, dass er vor der Wende in Italien war.

Eine Reise in ein „nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet“ war vor der Wende ein Privileg. Heunisch und 43 weitere junge FDJ-Männer bekamen dazu im Sommer 1988 die Möglichkeit. Sie flogen nach Rom. Zum ersten Mal hielt Heunisch Westgeld – 75 000 italienische Lira – in der Hand. Mit dem Bus fuhr die Gruppe zehn Tage lang durch Norditalien. Für eine bessere Organisation wurden sie in Viererteams eingeteilt. Bis heute fragt sich Heunisch: „Wer war derjenige welche?“ Der eine Stasi-Bewacher pro Gruppe. Wie gut im Nachhinein, dass er seinen Gedanken nicht laut aussprach, der ihm irgendwo zwischen Lazium, Toskana und Emilia-Romagna kam: Was, wenn er jetzt sein Leben ändert? Türmt. In Italien bleibt. Er verwarf ihn wieder. Die Änderungen kamen auch so.

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Die Angst vor der Zukunft seiner Heimat blieb nur kurz. Schnell wurde, findet er, vieles besser. Bunter, vielfältiger. Die Auswahl in den Supermärkten. Die Süßigkeiten. Als erstes aß Ines Heunisch eine Alpenmilchschokolade von Milka. „Das war... wow. Geil.“ Und zu welch’ einem Wellness-Erlebnis plötzlich der Klogang wurde. Die beiden lachen. So ein weiches Toilettenpapier kannten sie vor der Wende nicht. Sie hatten irgendwas, das sich nur einen Tick sanfter auf der Haut anfühlte wie Schleifpapier. Marke Raufasertapete.

Die „ewig Unverbesserlichen“: All jene, die früher in der DDR alles besser fanden

Sicher gab und gibt es die, die früher alles besser fanden. Die über Arbeitslosigkeit klagen. „Ihr Leben mit Hartz IV durchgeplant haben.“ Rainer Heunisch spricht von den „ewig Unverbesserlichen“. Sie werden weniger, sagt er.

Anders als viele andere behielt der gelernte Feinoptiker nach der Wende seinen Job bei Carl Zeiss Jena. In den Westen auszuwandern, war keine Option. Weder für ihn – „ich war zu sehr verwurzelt“ – noch für seine spätere Frau. Sie ging noch zur Schule, ihre Mama hat alleine drei Kinder erzogen, sie hatte ein Zuhause und Arbeit. „Wir haben darüber nicht nachgedacht.“ Bis Heunisch seine Stelle verlor.

In Oberbayern fand er eine neue. Zunächst in Bernried, heute arbeitet er bei EP Werdenfels in Garmisch-Partenkirchen. Am 1. November 1999 zog das Paar dort in seine erste Wohnung. Damals trug Ines Heunisch die Haare noch rot gefärbt, bald wechselte sie zu dunkelbraun. Ohne zu wissen, welche Auswirkungen so eine Haarfarbe haben kann.

Angekommen in Burgrain - auch wenn sie die „Ossis“ bleiben 

In einem Gastronomiebetrieb stellte sich die junge Frau vor, bekam die Stelle. Dank Friseur. Mit roten Haaren hätte sie Heunisch nicht eingestellt, ließ sie die Chefin wissen. „Das ist für mich typisch Ossi.“ Da stand die Thüringerin. Geschockt. „Da schluckst du erst mal.“ Doch blieben Geschichten wie diese die Ausnahme. Vorurteile erleben die zwei kaum noch. Man nennt sie weiterhin „Ossis“, das nervt sie nicht. Oft lachen sie darüber. Außerdem – sie sind’s ja auch. So wie die anderen die Wessis sind.

Zurückzugehen kommt für sie nicht in Frage. Ines und Rainer Heunisch sind angekommen. Auch wenn Jena ihre Heimat bleibt. Aber die alte. Sie brennen und engagieren sich für den SC Riessersee, tragen Dirndl und Lederhose. Sagen „oans“ und „zwoa“ statt „eene“ und „zweje“. Und sie sagen nicht mehr „daheeme“, sondern „dahoam“. Zu Garmisch-Partenkirchen.

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