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Den Blick Richtung Alp- und Zugspitze, den sie vom Balkon ihrer Kanzlei viele Jahre genießen konnte, wird die neue Bürgermeisterin Elisabeth Koch vermissen.

Voller Spannung auf den neuen Job

Interview: Garmisch-Partenkirchens künftige Bürgermeisterin spricht über erste Veränderungen und die Zukunft des Kongresshauses

  • Peter Reinbold
    vonPeter Reinbold
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Zwölf Jahre befand sich die Garmisch-Partenkirchner CSU in der Opposition. Jetzt ist sie zurück an der Macht. In der Stichwahl am 29. März eroberte Elisabeth Koch, die bisherige Fraktionschefin im Gemeinderat, den Posten der Bürgermeisterin. Sie tritt ihr Amt am 1. Mai an – unter anderen Voraussetzungen als gedacht. Durch die Corona-Krise dürfte das Arbeiten schwieriger werden, weil die finanzielle Situation eine ganz andere ist.

Frau Koch, seit wann sind Sie in der Politik?

Ich bin schon fast mein ganzes Leben lang ein politischer Mensch. Ich war früh in der Jungen Union. Richtig politisch geworden bin ich mit 16, als wir für das Jugendzentrum demonstriert haben.

Durch wen oder was sind Sie politisch geworden?

Durch mein Elternhaus. Mein Rieß-Opa hat in diese ureinheimische Familie eingeheiratet. Er kam aus Oberfranken, war evangelisch, ein Sozi und bei der Gewerkschaft. Beim Mittagessen, kann ich mich erinnern, gab’s immer heiße Diskussionen. Das hat mich sehr geprägt. Mein Opa ist zeitlebens so geblieben – und deshalb schätze ich auch aufrechte Sozialdemokraten.

Der Opa hat Sie aber nicht so geprägt, dass Sie Sozialdemokratin geworden sind?

Nein. Mir stehen die Insignien der CSU, christlich und sozial, näher.

Sie haben allerdings schon mal mit Ihrer Partei gehadert, als die während der Flüchtlingskrise ihr christlich und sozial über Bord geworfen hatte.

Ja, ich habe gehadert. Aber das tut jeder einmal. Das ist im Kleinen genauso wie im Großen. Aber christlich und sozial sind die Fundamente, warum ich in der CSU bin. Mittlerweile habe ich mich mit meiner Partei schon wieder sehr versöhnt.

Entscheidung über Kandidatur fiel im Oman

Durch was?

Das hat mit Menschen in der Partei zu tun, zum Beispiel mit Ilse Aigner, Florian Herrmann, auch durch viele Gespräche mit Alexander Dobrindt, den ich sehr schätze. Die sind CSUler. Beeindruckend auch die Führungsstärke, die Markus Söder gerade beweist.

Gab’s in jungen Jahren jemals den Wunsch, Bürgermeisterin von Garmisch-Partenkirchen zu werden?

Ich wollte immer Rechtsanwältin werden. Das habe ich durchgesetzt. Ich habe in meinen Leben immer viel kämpfen müssen, das hat mich stark gemacht.

Wann ist der Entschluss gereift, als Bürgermeisterin zu kandidieren?

Während dieser Wahlperiode. Es war ein Prozess. Die Entscheidung habe ich bei einem Urlaub im Oman getroffen.

Sie haben vor 18 Jahren Thomas Schmid nach Garmisch-Partenkirchen geholt. Er ist Bürgermeister geworden. Sie kannten ihn von früher?

Wir sind vier Jahre lang gemeinsam in die Grundschule gegangen.

Konnten Sie sich von ihm etwas abschauen oder von ihrer Vorgängerin Dr. Meierhofer?

Ich bewerte nicht die Arbeit meiner Vorgänger. Jeder Mensch, der in dieses Amt kommt, hat eine andere Art, dieses Amt anzulegen. Jeder ist eine andere Persönlichkeit. Jeder hat seine Stärken und Schwächen.

Vom Dritten Bürgermeister abgekommen

Wie groß ist ihre Vorfreude auf das Amt der Bürgermeisterin von Garmisch-Partenkirchen?

Vorfreude ist der falsche Ausdruck. Es ist eher Spannung als Vorfreude.

Spannung heißt auch angespannt. Sind Sie angespannt?

Nein, nicht negativ. Je näher der 1. Mai rückt, desto konkreter wird alles. Die Spannung steigt. Mir ist keine Sekunde langweilig. Mir geht’s darum, anfangen zu können.

Mit welchen Dingen waren die Wochen seit der Stichwahl ausgefüllt. Was macht man als Bürgermeisterin in spe?

Erst einmal habe ich eine laufende Kanzlei, die ich derzeit abwickle. Ich muss meine Anwaltszulassung niederlegen. Die vergangenen Tage waren geprägt von vielen, vielen Gesprächen. Und nachdenken. Gedanken entwickeln. Was mir abgeht, ist der direkte Kontakt mit Menschen. Es ist ein Hindernis, wenn man mit den Leuten nicht direkt reden kann.

Gespräche mit wem? Mit Mitarbeitern, mit Politikern anderer Fraktionen?

Querbeet, mit allen. Mit Gemeinderatsmitgliedern, neugewählten, ehemaligen, mit meiner Fraktion, mit anderen Fraktionen. Querbeet.

Es gibt Gerüchte, Sie wollen einen Dritten Bürgermeister installieren. Den gab es unter Ihrem Vor-Vorgänger Thomas Schmid schon einmal.

Ich habe darüber kurz darüber nachgedacht, die Stelle eines repräsentativen Dritten Bürgermeisters zu schaffen. Aber davon bin ich wieder abgekommen, weil der Bürger bei Vereinsversammlungen und Veranstaltungen das Recht hat, die Erste Bürgermeisterin zu sehen. Ich habe auch die Pflicht, diese Termine wahrzunehmen. Auch dafür bin ich gewählt worden. Es ist eine meiner Stärken, dass ich mit jedem Menschen reden kann. Noch einmal: Es wird keinen Grüß-Gott-August geben.

Mehr Schlagkraft durch Verschlankung

In der Übergangsphase schießen die Spekulationen ins Kraut. Es heißt, Sie haben sich die Gemeindeordnung genau angeschaut und planten Veränderungen. Stimmt das?

Ja, zweimal ja. Es gibt im Zuschnitt der Ausschüsse Veränderungen. Ich habe die Geschäftsordnung schon erstellt, aber die will ich noch abstimmen. Die Geschäftsordnung wird sich eng an den Empfehlungen des Innenministeriums anlehnen. Ich werde den Zuschnitt der Ausschüsse verändern.

Verkleinern?

Die Ausschüsse werden auf acht Personen plus eins reduziert. Wir kehren zu den schlanken Gremien zurück. Es wird keine CSU-Mehrheit geben. Die CSU bekommt drei Sitze, alle anderen Fraktionen erhalten jeweils einen Sitz. CSB einen, Bayernpartei einen, Grüne einen, SPD einen, Freie einen.

Die Befürchtungen der anderen Parteien und Gruppierungen, die Anzahl der Köpfe, um Fraktionsstatus zu erlangen, werde nach oben gesetzt, sind damit vom Tisch?

Ich finde es lustig, was sich Leute im Vorfeld so alles einreden oder im Internet breit treten. Hätte jemand mit mir geredet, hätte er gewusst: Es bleibt, wie es ist. Bei Zweier-Fraktionen. Das hat einen einfachen Grund: Ich will keine Partei in die Arme einer anderen treiben. Das gibt Miss-Allianzen. In der zu Ende gehenden Wahlperiode haben wir zehn Wechsel gehabt, nüber, rüber, hüpfen, springen. Das bringt jedes Mal Unruhe. So kann jede Fraktionen eigenständig bleiben, bis auf die FDP und Garmisch + Partenkirchen miteinander. Sollten Schröter und Hofer zusammengehen und eine Ausschussgemeinschaft bilden, dann muss das Los zwischen dieser neuen Gruppierung und dem CSB entscheiden, wer welchem Ausschuss angehören wird. Das ist für mich das Fairste überhaupt.

Koch rechnet mit einem kompletten Einbruch der Einkünfte

Was sollen diese Veränderungen bewirken?

Durch die Verschlankung erwarte ich mir mehr Schlagkraft. Wir werden schwerwiegende Entscheidungen relativ schnell treffen müssen.

Die CSU besitzt zwar nicht die absolute Mehrheit, sie verfügt aber mit der Bürgermeisterin über 13 von 31 Stimmen. Es fehlt nicht mehr viel zur absoluten Mehrheit. Eine komfortable Situation, Sie werden weniger Kompromisse eingehen müssen als Dr. Meierhofer. Sie müssen sich drei Stimmen von anderen Parteien besorgen, um das umzusetzen, was man plant. Was ist geplant? Geplant in Zeiten von Corona?

Wir müssen vor allem priorisieren. Das heißt, dass wir bestimmte Projekte auf Null stellen oder verschieben müssen. Wir können diesen Haushalt, wie er vor uns liegt, nicht durchziehen. An erster Stelle steht für mich die Daseinsvorsorge, ganz besonders die Schulen. Das Skistadion muss fertiggestellt werden. Auf den Prüfstand will ich die geplanten Erlebniswelten stellen. Müssen wir das durchziehen? Gedanken müssen wir uns auch über das Kongresshaus machen. Wir haben jetzt andere Voraussetzungen. Alle Einnahmen brechen ein. Unter diesem Gesichtspunkt muss alles betrachtet werden.

Wollen Sie einen neuen Haushalt aufstellen oder den derzeitigen modifizieren?

Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Wir müssen die Steuerschätzungen abwarten. Was sagen die Experten? Wir sind dabei auf Input von außen angewiesen. Ich persönlich rechne mit einem kompletten Einbruch unserer Einkünfte. Jetzt kommt es uns zugute, dass viel in der ablaufenden Wahlperiode liegen geblieben ist.

Jetzt ins Kongresshaus investieren

Sie meinen die 20 Millionen Euro Rücklage?

Wir schwimmen nicht im Geld, aber das müssen wir für die Zukunft sinnvoll einsetzten. Für den Tag X, wann immer der sein wird, muss Garmisch-Partenkirchen voll an den Start gehen können. Ich trage viel Zuversicht in mir. Wir müssen uns dabei überlegen, wie wir den Tourismus in Garmisch-Partenkirchen fortsetzen wollen. Brauchen wir die Erlebniswelten oder müssen wir dafür sorgen, dass wir unser Schlüsselgewerbe wieder in Lohn und Brot bekommen? Vielleicht in veränderter Form.

Heißt was?

Wollen wir wirklich weitere Hotels oder ist der Markt gesättigt. Wenn ich aus meinem Fenster auf unsere Natur und unsere Berge schaue – das ist unser Kapital. Weniger Tagestourismus, mehr hochwertigen Tourismus. Wir haben jetzt die Chance, an den Stellschrauben zu drehen. Wir müssen klug handeln, klug entscheiden, denn vom Tourismus hängt alles ab. Deshalb müssen wir im Haushalt alles anders betrachten. Deshalb werde ich an den Finanzausschuss ein Expertengremium, das aus örtlichen Leistungsträgern besteht, andocken.

Wer soll das sein?

Da habe ich die Personalien schon im Kopf, aber darüber diskutiere ich jetzt nicht. Zudem werde ich an den Bauausschuss einen Klimabeirat anschließen. Die Personen werden nichts mit Fridays for Future zu tun haben, sondern werden sich zum Beispiel in der Energiewirtschaft auskennen. Auf einen Gestaltungsbeirat würde ich vorerst verzichten wollen. Der hat sich in meinen Augen nicht besonders bewährt.

Neben dem Skistadion haben Sie auch das Kongresshaus angesprochen. Den Bürgerentscheid umsetzen oder den Status quo beibehalten und warten, bis man wieder über Geld verfügt?

Auf keinen Fall dürfen wir das Kongresshaus noch länger schleifen lassen. Im Gegenteil: Wir müssen jetzt investieren. Und zwar ziemlich schnell.

Also den Bürgerwillen umsetzen.

Jetzt kommen wir zur entscheidenden Frage. Dieser Bürgerwille wurde zu anderen Zeiten gefasst. Ich möchte noch einmal einen Bürgerwillen unter den jetzigen Vorzeichen herbeiführen.

Geriatronik als zweites wirtschaftliches Standbein

Heißt wohl Ratsbegehren?

Ja, ja. Unter diesen Vorzeichen. Die Welt hat sich innerhalb kürzester Zeit gewandelt. Nicht nur die Welt, sondern auch die Situation in Garmisch-Partenkirchen.

Das Richard-Strauss Festival oder eine Alpine Ski-WM stehen nicht zur Disposition?

Das Richard-Strauss-Festival ist für mich ein absolutes Anliegen, weil es eine Premiummarke für Garmisch-Partenkirchen darstellt. Im Gegensatz zu meiner Vorgängerin bin ich nicht der größte Klassik-Fan, das weiß man. Ich verstehe auch zu wenig davon, aber ich sehe Strauss als Marke, deshalb ist das Festival für mich wichtig. Bei der Ski-WM-Bewerbung muss man erst einmal schauen, wie es weitergeht. Wir müssen den FIS-Kongress abwarten. Jetzt zu sagen, nein, die WM machen wir nicht, ist auch ein Schmarrn.

Welche Dinge wollen Sie anstoßen?

Wir brauchen ein zweites wirtschaftliches Standbein. Für mich ist das ganz klar die Geriatronik. Es müssen im Umfeld Start-ups entstehen. Das Bildungszentrum ist für mich ein absolutes Muss. Man hat es nie besser gesehen als in der Corona-Krise, dass wir ausgebildete Pflegekräfte brauchen. Wir können die Grundlagen und die Voraussetzungen dafür schaffen.

Neben den Schulen zählen auch bezahlbare Wohnungen zur Daseinsvorsorge.

Ich kenne den Bedarf nicht. Wie viele Wohnungen brauchen wir? Mein Credo lautet: Wir müssen in den Bestand gehen. Bis eine Kommune ein Gebäude errichtet und Menschen einziehen – das dauert.

Welchen Führungsstil wird die Bürgermeisterin Elisabeth Koch pflegen?

Ich setzte sehr auf die Eigenverantwortung. Jeder hat etwas gelernt, jeder kann etwas. Ich höre mir Meinungen an und bin danach in der Lage, schnelle Entscheidungen zu treffen. Wenn ich eine Entscheidung getroffen haben, dann bleibe ich dabei. Ich habe mich noch nie um eine Entscheidung gedrückt.


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