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Vorschlag für das Weltkulturerbe: Bis Ende des Jahres können Almbauern und Landwirte die Karte mit den ausgewiesenen Gebieten öffentlich einsehen, analysieren und Änderungen einreichen. 

Jetzt sind die Betroffenen dran

Bewerbung als Chance: Kommt das UNESCO-Welterbe, gehen Wolf und Bär

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Die Isartaler Kulturlandschaft soll UNESCO-Welterbe werden. Vor Jahren rief dieses Vorhaben noch gehörig Kritik auf den Plan. Mittlerweile haben die Almbauern erkannt, welch mächtiges Instrument sie mit dieser Ernennung in der Hand haben.

Oberes Isartal – Irgendwie ist die Szene surreal. Im TSV-Veranstaltungssaal, mitten im ländlichen Mittenwald, werden Fotos von Löwen in der afrikanischen Serengeti, die Inka-Ruine Machu Picchu im südamerikanischen Peru oder die Altstadt von Paris gezeigt. Was all diese weltweit berühmten Orte mit dem Isartal zu tun haben? Sie sind bald ebenbürtig, geht es nach Dr. Ricarda Schmidt. Denn die Isartaler Kulturlandschaft könnte in wenigen Jahren mit auf der Liste der UNESCO-Weltkulturerben stehen – mit all den großen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte. Aber nur, wenn diejenigen mitziehen, die überhaupt erst für diese Kulturlandschaft verantwortlich sind: die Landwirte und Almbauern.

Warum sie das sollten, erklärt Schmidt in einem vierseitigen Bewerbungsschreiben an das UNESCO-Komitee aus knapp 300 Wörtern im wissenschaftlichem Schreibstil: „Nominierung als alpenländische Kulturlandschaft auf der Basis eines Grünlandwirtschaftssystems mit Nutztierhaltung“. Was sperrig klingt, bedeutet für den Laien übersetzt nicht weniger als: Die Arbeit der Isartaler Landwirte ist weltweit einmalig. Sogar die UNESCO-erfahrene Schmidt ist verblüfft: Sie begleitete schon mehrere Stätten bis zum Prädikat Weltkulturerbe. Doch diese Struktur zum Erhalt der Kulturlandschaft, wie sie im Isartal seit fast schon prähistorischen Zeiten betrieben und gepflegt wird, hat auch sie noch nicht erlebt.

Ängste der Almbauern und Landwirte

„Das gibt es weder in Süd-, noch Nordamerika, auch nicht in Afrika. In Asien nur stellenweise, aber auch nicht in dieser Größe wie hier“, erklärt Dr. Alfred Ringler, Biologe und „Almbuch“-Autor. Er hatte an diesem Abend im TSV-Saal vor allem ein Ziel: Die Vorbehalte zu zerstreuen. Von denen gab es zu Beginn nämlich gar nicht wenige. Viele Almbauern und Landwirte hatten Angst, dass das Prädikat UNESCO-Weltkulturerbe gleichzeitig mit neuen, strengen Auflagen einher geht. Zumal die Isartaler durch FFH-Verordnungen und das europäische Schutznetzwerk Natura 2000 gebrannte Kinder sind. „Es werden weder neue Schutzgebiete ausgewiesen noch welche erweitert“, stellt Ringler klar. 

Lesen Sie auch: Kulturlandschaft unter der Käseglocke? Mögliche Bewerbung als UNESCO-Weltkulturerbe heiß diskutiert

Auch Auflagen oder Verbote gebe es keine neuen. „Wir reden hier ja um die Bewerbung als Kulturerbe, nicht als Naturerbe“, verdeutlicht auch Landrat Anton Speer (Freie Wähler) mit Nachdruck. „Da schreibt uns von oben keiner vor, was wir zu machen haben. Das sagen wir selbst.“ So können sich die Landwirte noch bis Ende des Jahres selbst ein Bild von den aktuellen Gebieten machen, die vererbt werden sollen. Die Karten liegen in den Rathäusern aus oder können bei der Weidegenossenschaft eingesehen werden. Auch Online sind die Karten auf der Homepage des Landratsamtes Garmisch-Partenkirchen einzusehen.

„Diese Chance kriegen wir nur ein Mal“

Nachteile gebe es soweit keine, sie könnten ihre Arbeit wie gewohnt fortführen, betont Speer. Allerdings gibt es laut der Steuerungsgruppe, die seit 2017 sich intensiv um die Bewerbung bemüht und neben Experten und Kommunalpolitikern auch aus Almbauern und Landwirten bestehen, gleich eine ganze Liste an Vorteilen: „Der UNESCO-Welterbe-Status ist ein starkes Argument zur langfristigen Sicherung von staatlichen Förderungen von Bund und Land“, sagt Schmidt. Zudem könnte es einen Impuls für gänzlich neue Finanzspritzen und Projekte geben. Doch das, was die Almbauern am meisten interessieren dürfte, sind die rechtlichen Sonderregelungen, die sich durch den Status ergeben könnten: Denn fest verankert in der Bewerbung ist der „Schutz der Weidetiere vor großen Beutegreifern“. Somit müssten beim Unterzeichnen der Unterlagen vor der Einreichung beim UNESCO-Komitee die Regierung tätig werden, wenn es um die Rückkehr von Wolf und Bär geht. „Das ist ein Pfund“, sagt auch Josef Glatz, Vorsitzender der Almbauern in Oberbayern. Damit könnte der Fortbestand der kleinstrukturierten bäuerlichen Familienbetriebe gesichert werden. Doch er mahnt: „Diese Chance kriegen wir nur ein Mal.“

Deshalb sind nun alle Landwirte, Almbauern und betroffene Grundstückseigentümer aufgerufen, sich über die momentane Abgrenzung des Gebietes, dass für das Welterbe nominiert wird, zu erkundigen und Stellung zu beziehen. Alle Anwesenden bekamen zudem den genauen Wortlaut des Bewerbungsschreibens als Entwurf mit. „Schaut’s in Ruhe drüber und gebt uns Einwände“, sagt Speer.

Mehr zum Thema:  Holpriger Weg zum Welterbe

Nominiert für das Welterbe sind demnach die Buckelwiesen sowie die Ein- und Zweischnitt-Bergwiesen. Das Werdenfelser Land beherbergt das weltweit größte bekannte Vorkommen. Zudem auch die Licht- und Waldweiden der Almen, die als Futterergänzungsflächen untrennbar in das Grünlandwirtschaftssystem integriert sind. Sogar die zahllosen Stadel auf den Feldern rund um Mittenwald, Krün und Wallgau sollen nominiert werden.

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