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Die „Straßen-Gang“ macht durch Hip-Hop-Grooves und Protest-Gesang auf sich aufmerksam.

Jungbrunnen für einen Klassiker

Umjubelte Premiere von „Der Glöckner von Notre-Dame“

Jugendliche bringen „Der Glöckner von Notre-Dame“ in der Aula des Werdenfels-Gymnasiums auf die Bühne. Das Publikum ist begeistert. Und das, obwohl nur zwei Wochen geprobt wurde. 

Garmisch-Partenkirchen – Tosender Applaus, stehende Ovationen: Die Premiere des Stücks „Der Glöckner von Notre-Dame“ ist gerade – im wahrsten Sinne des Wortes – glatt über die Bühne gegangen. Auch Minuten, nachdem sich der Vorhang endgültig geschlossen hat, scheint die Euphorie noch greifbar. Die Zuschauer strömen aus dem Saal des Werdenfels-Gymnasiums ins Foyer. Im Hof bilden sich Menschentrauben. Beseelt schwärmen sie vom eben Gesehenen. „War gut, ge?“ „Ja, sehr gut!“, hört man zwei Frauen tuscheln, die die Köpfe zusammenstecken. Überall strahlende Gesichter. Stolze Familien. Als sich die Darsteller allmählich unters Volk mischen, wird draußen noch einmal geklatscht.

Es ist wirklich beachtlich, was die 26 Jugendlichen zusammen mit ihren Workshopleitern binnen zwei Wochen vor und hinter der Bühne auf die Beine gestellt haben. Im Rahmen der Jugendkulturtage haben sie dieses Jahr den „Glöckner“ auf moderne Weise inszeniert. Geprobt wurde zum Großteil im Jugendzentrum in Garmisch-Partenkirchen, in dem sie während dieser Zeit regelrecht „gehaust“ haben, wie Regisseur Harald Helfrich in seiner Ansprache betont. Die Jugendlichen seien alle mit Herzblut dabei, hatte Helfrich im Vorfeld einmal gesagt. Das hat man bei der Premiere im Werdenfels-Gymnasium gespürt.

Als sich der Vorhang öffnet, ist es auf einen Schlag totenstill. Ein kleiner Junge saust barfuß über die Bühne. Im Hintergrund ist die Kathedrale Notre-Dame zu sehen, umgeben von einem Baugerüst. Mehr und mehr Gangmitglieder taumeln von beiden Seiten auf die Tribüne. Sie scheinen schon fast zugrunde zu gehen. Dann setzt die Musik ein, und der Widerstand beginnt. „Unser Platz ist hier auf der Straße im Dreck. Doch wir gehen nicht weg. Wir gehen nicht weg!“, schreit der wütende Mob mehr, als dass er singt. Es ist ein Kampf: das Leben und Überleben auf der Straße. Sie fauchen wie die Tiere. Sie sind vom Hunger zerfressen. Ihr Zorn gilt den Machthabenden: der Garde, die mit ihrem Anführer Phöbus (Lucas Halmburger) gewaltsam die Straßen von Paris regiert, sowie der Kirche, die über dem Elend thront, mit Bischof Frollo (Max Jaschke) an ihrer Spitze.

Das Rebellieren gegen die Obrigkeit. Die coole Punker-Optik. Es sind Dinge, mit denen sich die junge Generation identifizieren kann. Auch die Hip-Hop-Musik mit Rap, das bunte Bühnenbild und die Blitzer-Lichteffekte wirken modern. Das Gesamtbild vermittelt jugendliche Frische und hat nicht mehr viel von einem verstaubten Klassiker aus dem Spätmittelalter.

Aktualität spielt eine große Rolle. Die Geschichte um Quasimodo (gespielt von Christian Kindler) und das Straßenmädchen Esmeralda (Felicitas Einzmann) lässt sich auf eine weitere gesellschaftliche Problematik übertragen. Die Art, wie Quasimodo von der Gesellschaft verachtet wird, nur weil er anders ist, könnte man dem heutigen Begriff Mobbing gleichsetzen. Es zerreißt einem das Herz, wenn Christian Kindler, überragend authentisch, die Rolle des Quasimodo spielt und Esmeralda auf dem Glockenturm sein Herz ausschüttet: „Ich bin ein Fehler der Natur. Wie könntest du mich je lieben?“

Trotz der ernsten Themen, wie Protest, Folter und Ungerechtigkeit gegenüber den Schwächeren, schafft es Regisseur Helfrich, auch Passagen einzubauen, die das Publikum zum Lachen bringen. Es ist der Bruch zwischen menschlicher Stärke – Mitgefühl, Selbstlosigkeit – und den menschlichen Abgründen – wie Eifersucht und Hass –, der das Stück so besonders macht. Gekoppelt mit professionellem Coaching und einem beeindruckenden Talent der jungen Schauspieler.

Anna Schärfl

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