Ein großes Kaufhaus.
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Vor allem in den 1970er und 80er Jahren hat das Kaufhaus X an der Hauptstraße in Garmisch-Partenkirchen geboomt.

2001 gingen die Lichter aus

„Ein Magnet, speziell für den Ortsteil Partenkirchen“: Erinnerungen ans Kaufhaus X

  • Tanja Brinkmann
    VonTanja Brinkmann
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Es war eine Erfolgsgeschichte. Eine, die 1966 begann und die aus Garmisch-Partenkirchner Sicht weitergehen hätte können. Es kam anders. Das umsatzstarke Kaufhaus X an der Hauptstraße ging mit der gesamten Oexle-Gruppe unter und schloss vor 20 Jahren für immer seine Pforten.

  • Insolvenzantrag der Oexle-Gruppe kam für die Mitarbeiter in Garmisch-Partenkirchen „vollkommen aus heiterem Himmel“.
  • Im Kaufhaus X gab‘s in den 1960er Jahren die erste Rolltreppe zwischen München und Innsbruck.
  • Etliche frühere X-Mitarbeiter treffen sich auch heute noch.

Garmisch-Partenkirchen – Es war ein ziemlich „bitterer Leichenschmaus“. Einer, der Geschäftsleiter Amin Shalaby und seine 36 Mitarbeiter viel Kraft kostete. Das Kaufhaus X, das Garmisch-Partenkirchen seit 1966 auf rund 2800 Quadratmetern Verkaufsfläche mit einem Fast-Komplett-Angebot versorgt hatte, schloss 2001 für immer seine Pforten. Es starb, obwohl es Shalaby für lebensfähig hielt.

Nachdem er am 22. September 2000 „vollkommen aus heiterem Himmel“ mit dem Insolvenzantrag der Unternehmensgruppe konfrontiert war, versuchte er, das „X“ in Eigenregie weiterzuführen. Konzept, Finanzierung und auch der Name – Kaufhaus Werdenfels – standen. Mit den Hausbesitzern, einer Erbengemeinschaft, konnte er sich aber nicht einigen. Vor allem wegen der notwendigen Sanierungskosten in Millionenhöhe. Und so mussten Shalaby und seine Kollegen, von denen zunächst nur rund ein Viertel eine neue Stelle gefunden hatte, ihren lieb gewonnenen Arbeitsplatz beerdigen.

Oexle-Gruppe machte 105 Milliomnen D-Mark jahresumsatz

Wie ihnen ging’s 333 weiteren Mitarbeitern der Kaufhaus X GmbH & Co. KG. Die Brüder Georg und Ludwig Oexle hatten 1955 das erste Warenhaus im oberschwäbischen Memmingen gegründet. Es folgten weitere Geschäfte in Bayern und Baden-Württemberg – und sogar in Südtirol. Die Gesamtverkaufsfläche belief sich auf gut 25 000 Quadratmeter, die Gruppe verzeichnete einen Jahresumsatz von 105 Millionen D-Mark. Möglicherweise hatte sich das Unternehmen übernommen, inzwischen zu viele Standorte eröffnet. 2000 musste ein Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt werden.

Davon war Brigitte Scherer direkt betroffen. Die Grainauerin, damals 46 Jahre alt, hatte nach ihrer Lehre bei Spielwaren Heinz an der Bahnhofstraße 31 Jahre in der Spielwaren-Abteilung gearbeitet. „Es ist deprimierend“, sagte sie am letzten Tag. Der Blick auf die leer geräumten Regale stimmte sie traurig. Dass es mit dem Kaufhaus, das bis zuletzt gute Umsätze verzeichnet hatte, nicht weiterging, hatten sie und ihre Kollegen nicht erwartet. „Ich habe eigentlich immer gedacht, dass ich bis zur Rente hierbleibe.“ Es sollte anders kommen.

Für seine 25-jährige Treue zum Unternehmen hat Wolfgang Oexle (l.) 1993 Walter Glas ausgezeichnet.

Den letzten Tag erlebte Walter Glas daheim in Oberau mit. Der 86-Jährige war zu diesem Zeitpunkt längst im Ruhestand. „Ich habe aber sehr bedauert, dass es nicht mehr weiterging.“ Seine Verbindung zum „X“ bestand schließlich weiterhin. 1968 war der gebürtige Bamberger nach Garmisch-Partenkirchen gekommen, hatte auf Drängen seiner zukünftigen Frau seine Stelle als Chefdekorateur im Reuttener Kaufhaus Saurer aufgegeben und in dem neu eröffneten Einkaufsparadies im Werdenfelser Land angefangen. „Ich war da für alles zuständig, was mit Werbung zu tun hatte, und habe mich um alle Handwerker gekümmert“, erzählt Glas. Sieben Schaufenster galt es zu gestalten, zwei Lehrlinge und in der Hochsaison fünf bis sechs junge Leute standen ihm dafür in guten Zeiten zur Verfügung. Seinen Anspruch, die Dekoration auf das Ortsgeschehen, große Sportveranstaltungen oder Jubiläen und andere Ereignisse abzustimmen, konnte er so bestens erfüllen. Und insbesondere den Irmengard-Schülerinnen – „die standen immer staunend davor“ – in der Adventszeit die Zwergerl-Parade und Christbäume auf dem Vordach bescheren.

Schaufenster mit Lokalbezug hat Walter Glas gerne gestaltet. Die Schminkkasten-Inszenierung war dafür genau wie Jubiläen und Sportereignisse ein willkommener Anlass.

Dass das „X“ etwas Besonderes war, hat er schnell gemerkt. Ein Vollsortimenter, in dem es alles gab von Lebensmitteln über Kleidung bis zu teuerstem Porzellan, Bohrmaschinen sowie zeitweise Skiern und Fahrrädern. „Es war auch das erste Kaufhaus zwischen München und Innsbruck, das eine Rolltreppe hatte“, sagt der Oberauer. Bei der Eröffnung, weiß er aus Erzählungen, standen die Menschen Schlange, um damit zu fahren. Das Haus war beliebt, davon zeugen Jahresumsätze von zwölf Millionen D-Mark. Genau wie der ständige Warenfluss, „jeden Tag haben wir einen Eisenbahnwaggon voll geliefert bekommen“. Und die Pläne, die Verkaufsfläche, die Anfang der 1970er Jahre um etwa ein Drittel – „dann hatten wir zehn Schaufenster“ – erweitert worden war, noch einmal zu vergrößern. Das Vorhaben, ums Eck auf dem Rathaus-Parkplatz zu bauen, wurde wegen des Höhenunterschieds und der darunter fließenden Kanker verworfen. Die Idee, auf den früheren Standort des Hotels Alpenhof, auf dem jetzt die Spielbank steht, umzuziehen, landete ebenfalls in der Schublade. Trotzdem „haben die Leute im Landkreis das ,X‘ sehr gut angenommen“, sagt Glas. „Überall hat man unsere blauen Tüten gesehen.“ Das Restaurant, das Mitarbeiter der umliegenden Banken und des Amtsgerichts gerne besuchten, war auch äußerst beliebt. „Einen großen Magneten, speziell für den Ortsteil Partenkirchen“ nennt Glas das Kaufhaus, in dem anfangs über 100 Kräfte beschäftigt waren.

Gewinnspiele und andere Aktionen haben zu Amin Shalabys (l.) Freude immer Kunden ins Kaufhaus X gelockt.

„Der Laden hat geboomt“, bestätigt Scherer. Speziell in den 1970er und 80er Jahren. Und dann besonders an österreichischen Feiertagen. „Da ist man gar nicht mehr auf den Parkplatz gekommen.“ Die Jahre im „X“ hat die Grainauerin, die wie fast alle Kollegen nach der Schließung eine neue Stelle gefunden hat, in guter Erinnerung. „Meine Kunden waren natürlich die besten“, sagt sie augenzwinkernd. Viele der Kinder, die bei ihr ein neues Spielzeug bekommen haben, kamen später mit dem eigenen Nachwuchs zurück. Eine Verbundenheit, an die sie gerne zurückdenkt. Genau wie an das „tolle Miteinander“ mit den Kollegen. Mit etlichen von ihnen trifft sich die 67-Jährige heute noch. Nach einer längeren corona-bedingten Abstinenz stand jetzt am Freitag wieder ein Stammtisch auf dem Programm.

Da haben die früheren „X“-Mitarbeiter sicher auch an das traurige Ende des eigentlich florierenden Kaufhauses gedacht. Eingeläutet wurde dieses, meint Glas, wegen der enormen Expansionspläne der Oexles. Die Söhne der Firmengründer „hatten das nicht mehr im Griff“. Zuletzt habe nur noch Garmisch-Partenkirchen ein Plus verzeichnet. Sicher auch deshalb war es das Haus, in dem zuletzt die Lichter ausgingen.

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