Man blickt bei schönstem Wetter von einer Skischanze in ein Meer aus Menschen, dahinter sind Häuser zu sehen.
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Mehr als 20 000 Zuschauer verfolgen Jahr für Jahr – wie hier 2020 – das Neujahrsspringen im Olympia-Skistadion. Am 1. Januar 2021 aber werden die Athleten eine Geisterkulisse erleben.

Veranstaltungen ohne Stimmung: „Das tut so weh“

Ski-Weltcup und Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen: Keine Zuschauer, große Einbußen

  • Katharina Bromberger
    VonKatharina Bromberger
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Tausende Zuschauer kommen jedes Jahr zum Neujahrsspringen und zu den vier Weltcup-Rennen in Garmisch-Partenkirchen. Nicht dieses Mal. Die Ränge bleiben leer. Die Kassen damit auch.

  • Die Ski-Weltcup-Rennen und das Neujahrsskispringen in Garmisch-Partenkirchen werden vor einer Geisterkulisse stattfinden.
  • Ohne Zuschauer müssen die beiden Skiclubs hohe finanzielle Einbußen verkraften. Geld, das dem Nachwuchs fehlt.
  • Eine Absage aber wollen die Veranstalter auf jeden Fall verhindern: Aufwändige Hygienekonzepte werden gerade erarbeitet.

Garmisch-Partenkirchen – Das Ziiiieeehh aus tausenden Kehlen – man wird es am 1. Januar 2021 nicht hören im Olympia-Skistadion. Die tausenden Fahnen im Zielbereich der Kandahar – sie werden nicht wehen. Skisprung- und Skifahr-Fans mit Kuhglocken und Kostümen – man wird sie nicht treffen. „Wir haben uns von Zuschauern verabschiedet“, sagt Michael Maurer, Präsident des Skiclubs Partenkirchen, für das Neujahrsspringen. Sein Kollege Peter Fischer, Vorsitzender des Skiclubs Garmisch, formuliert es nur minimal anders: „Es wird keine Zuschauer geben“, sagt er für die vier Weltcuprennen am letzten Januar- und ersten Februarwochenende.

Mit dieser Entscheidung ist es bei Weitem nicht getan. Die beiden Chef-Organisatoren und ihre Teams befassen sich seit Monaten mit Corona und den Auswirkungen auf ihre Veranstaltungen. Über den Sport, sagt Fischer, rede man schon gar nicht mehr. „Das ist nur noch Hygiene. Hygiene. Hygiene.“ Bis ins Detail müssen Laufwege, Verpflegung, Coronatests – jeder Akkreditierte muss einen negativen Befund vorweisen – und vieles mehr geplant werden.

Skiclubs Partenkirchen und Garmisch: Alles wird bis ins Detail geplant

Das zentrale Thema: Blasen zu trennen. Also zu vermeiden, dass sich die Blasen der Athleten, der Helfer und der Medien treffen. Maximal minimieren, heißt ein weiterer Grundsatz. Also: möglichst wenige Menschen einsetzen. Zudem greift das Zehnerprinzip. Ein Helferteam besteht demnach aus maximal zehn Personen. Hinzu kommen Fragen zur Verpflegung – eine Suppe oder Würschtl an die Athleten auszugeben, ist verboten –, zu Interviews – nur mit Mikrofonstange –, zu Maskenpflicht, Desinfektion. . . Die Liste geht lange weiter. „Das ganze Konzept zu Ende gedacht, bedeutet brutale Arbeit“, sagt Maurer. Zumal das Ende nie erreicht ist. „Alles, was wir tun, ist nur eine Momentaufnahme“, betont Fischer. Jederzeit kann sich die Lage ändern.

Sicher ist: Stimmung wird es nicht geben. „Das tut richtig weh“, sagt Mauerer. „Das wird so fehlen“, sagt Fischer. Ebenso wie Einnahmen in jeweils sechsstelliger Höhe für die Skiclubs und damit vor allem für den Nachwuchs. „Aber es geht ja allen gleich“, sagt Maurer. „Da hilft das große Jammern nichts.“ Auch dieses Zitat könnte von Fischer stammen. Freilich könne er zu Hause in Selbstmitleid verfallen. „Aber dann wäre ich der Falsche für den Posten.“ Stattdessen setzen beide Männer alles daran, dass ihre Veranstaltungen stattfinden. „Das ist das oberste Ziel“, sagt Fischer. „Und wir werden das hinbekommen.“ Das sagen beide.

Neujahrsspringen unter Corona-Bedingungen: „Wir werden auch das schaffen“

Weit über eine halbe Million Euro nimmt der SC Partenkirchen jedes Jahr durch Zuschauertickets beim Neujahrsspringen ein. Und fördert damit vor allem den Nachwuchs. Daran darf Michael Maurer gerade gar nicht denken. Er will positiv bleiben, vergleicht es mit den enormen Kosten des Schanzenbaus. 1,5 Millionen Euro der 17,3 Millionen Euro Gesamtkosten übernahm der Verein. Man sei auf einem guten Weg, den Kredit zurückzuzahlen. „Wir haben das geschafft, wir werden auch das jetzt schaffen.“ Vielleicht mit Unterstützung des Skiverbands und der Politik, aber ohne Versicherung inklusive Pandemie-Schutz. Die lässt sich für das Springen nicht mehr abschließen.

Im Konzept hat das SCP-Team die Variante eingearbeitet, das Stadion mit den erlaubten 20 Prozent seiner Kapazität zu füllen. Das wären etwa 2500 Zuschauer. Doch geht Maurer nicht davon aus, dass es dazu kommt. Wenn, dann ohnehin nur, wenn es sich ohne Zusatzkosten realisieren lässt.

Die Anzahl an Menschen ist generell ein wichtiger Punkt. Die Devise lautet: reduzieren. So setzt der SCP nur 150 statt rund 300 Helfer ein. Zu rechnen ist mit etwa 300 Athleten samt Betreuern – auch dies das geringst mögliche Maß. Hinzu kommen die Medien, deren Anzahl ebenfalls gedeckelt sein wird. Auf wie viele, will Maurer in Absprache mit den übrigen Tourneeveranstaltern in den nächsten Tagen klären. „Aber es wird in diesem Jahr nicht jeder Wald- und Wiesenfotograf kommen können.“

Ski-Weltcup unter Corona-Bedingungen: „Ein bisschen Atmosphäre braucht man doch“

Das Weltcup-OK hat das Ganze durchgerechnet. Bei ausverkauftem Haus finden 8000 Zuschauer bei einem Rennen Platz. Alle Stehplätze aber fallen nun weg, sie sind bei Großveranstaltungen verboten. Also braucht’s eine extra Sitztribüne. Kosten: 60 000 Euro. Dafür, dass dann nach der 20-Prozent-Regel 270 Menschen zuschauen dürfen. Macht wirtschaftlich keinen Sinn. Und das Geld steht in diesem Jahr mehr im Zentrum als ohnehin.

Von den Zuschauereinnahmen lebt der SC Garmisch in erster Linie. Wie hoch sie jedes Jahr ausfallen – sagt Fischer nicht. Auch nicht, wie viel er mit dem Weltcup erwirtschaftet. Weil er so gut wie nie über Geld redet. Ein Grundsatz. Wenige Male hat er es getan, da verriet er: Mindestens 150 000 Euro investiert der SCG jedes Jahr in den Nachwuchs. Geld, das aus den Weltcup-Einnahmen stammt. 2014 fielen alle Rennen aus. Man hörte von 200 000 Euro minus. Ebenfalls sechsstellig war das Minus nach 2019, als die Herren abgesagt werden mussten.

Über das „Horrorszenario“ Absage will Fischer jetzt nicht nachdenken. „Wir gehen davon aus, dass die Rennen stattfinden. Unser unbedingter Wille ist da.“ Was bleibt, sind immerhin die Erlöse – Höhe unbekannt – aus den Vermarktungsrechten. Die Großsponsoren sind weiter an Bord.

Internationaler Skiverband übernimmt 20 Prozent Preisgeld - „Ein Anfang“

Alle Herausforderungen lassen sich nur gemeinsam bewältigen, betont Fischer. Organisatorisch durch das Team vor Ort, wirtschaftlich mit vielen Partnern. Zahlreiche Gespräche hat das OK schon geführt, viele wird es noch führen. Etwa mit der Politik und mit dem Skiverband, inwieweit sie finanziell helfen können. Der Internationale Skiverband wird 20 Prozent der Preisgelder übernehmen. 80 000 Euro für das Weltcup-OK – „das ist ein Anfang“, sagt Fischer. Alles in allem aber „werden wir die Ausfälle nicht zu 100 Prozent kompensieren können“.

Ein Problem: Einnahmen fallen weg, zugleich steigen die Ausgaben. Zwar spare man in manchem Bereich Geld. „Corona frisst das aber bei Weitem auf.“ Ein Beispiel nennt Fischer, um den Zusatzaufwand darzustellen: Am Tröglhang benötigen die rund 200 Athleten und Betreuer ein extra 300-Quadratmeter-Zelt. Zubehör, Verpflegung, Heizung – alles muss der Helikopter auf den Berg fliegen. Im Tal dürfen sich die 400 Helfer nicht wie gewohnt in der Lagerhalle treffen – dort ist es viel eng. Also wird auch dort ein Zelt aufgebaut, eine komplette Infrastruktur eingerichtet.

Verhandeln wird Fischer nach den Rennen noch mit der Versicherung. Für dieses Jahr ist die Pandemie noch abgedeckt. Inwiefern der Schutz aber greift bei einem Minus durch fehlendes Publikum – was lange im Vorfeld fest steht – ist offen.

An einem Posten wird Fischer nicht sparen: an Stadionsprecher André Siems. Er wird kommen. Auch Musik wird in der Kandahar-Arena ertönen. Und Weltcup-Plakate werden im Ort auf die vier Rennen hinweisen. „Ein bisschen Atmosphäre braucht man doch.“

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