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Es gibt immer mehr Lockerungen. Übersteigen die Neuinfektionen eine gewisse Grenze, gibt es wieder verschärfte Regeln.

Merkels Obergrenzen-Konzept wirft noch Fragen auf

Mehr Normalität, weniger Verbote: Das kann sich wieder ändern

  • Manuela Schauer
    vonManuela Schauer
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Wie ein Bumerang könnten die strengen Corona-Regeln zurückkehren, wenn die Merkelsche Obergrenze an Neuinfektionen im Landkreis erreicht wird. Ob und inwiefern die Verantwortlichen vor Ort selbst über die Auflagen entscheiden können, wissen sie noch nicht.

Landkreis – Jörg Jovy tippt und tippt. Der Sprecher des BRK-Kreisverbands formuliert die Internetseite mit den wichtigsten und aktuellen Informationen zur Corona-Krise im Landkreis um. In mehr „das ist erlaubt“ und weniger „das ist verboten“. Die Ausgangsbeschränkungen verschwinden sukzessive, die Normalität kehrt schrittweise zurück. Nur kann sich das schnell wieder ändern. Wenn die Notbremse gezogen werden muss.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte Anfang der Woche in Absprache mit den Länderchefs die Obergrenze verkündet. Bei mehr als 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen sollen die Länder sicherstellen, dass in den betroffenen Landkreisen oder kreisfreien Städten wieder strengere Regeln in Kraft treten.

Die Botschaft wirft Fragen auf. „Wir wissen noch nicht viel“, sagt Landratsamts-Sprecher Stephan Scharf nach Rücksprache mit Dr. Karin Kübler, Amtsärztin im Gesundheitsamt. Nicht einmal, ob die Behörde tatsächlich selbst in der Verantwortung stehen würde und für Auflagen zuständig wäre. Eine entsprechende Ausführungsbestimmung, die Einzelheiten enthält, fehlt noch.

Erneute Beschränkungen müssen nicht zwingend flächendeckend sein

Die Verantwortlichen vor Ort hängen in der Luft. Machen sich aber ihre Gedanken. Denn nach aktuellem Kenntnisstand müssen die Verschärfungen im Ernstfall nicht für den kompletten Landkreis gelten. Heißt: Treten die Neuinfektionen lokal begrenzt auf, können die Maßnahmen auch dementsprechend lokal begrenzt gelten. „Es kommt darauf an, wo der Ausbruch war“, sagt der Sprecher. Er nennt das Abrams als Beispiel. Derzeit sind dort zwölf Flüchtlinge erkrankt, weitere Testergebnisse liegen noch nicht vor. Würde man die 50er-Marke lediglich wegen eines rapiden Anstiegs an Erkrankungen in der Erstaufnahmeeinrichtung überschreiten, „dann können wir sie abschotten“. Und zwar nur sie. Ohne gleich ein flächendeckende Verbote zu verhängen. So läuft es schon jetzt. Alle Bewohner befinden sich in Quarantäne. Falls aber in mehreren Gemeinden die Zahlen in einer Woche steigen sollten, dann brauche es ein Gesamtkonzept für den Landkreis, betont Scharf.

Eine Regionalisierung hält BRK-Sprecher Jovy prinzipiell für sinnvoll. „Wenn Rosenheim dichtmachen muss, muss man ja in Garmisch-Partenkirchen nicht daheim bleiben“, sagt er. Doch sieht er auch die Probleme. Die Betroffenen können einfach weiter in den nächsten Landkreis fahren. Kontrollen dazwischen – schwierig. „Da stößt das Konzept an seine Grenze.“ Der nächste Haken: Bekommen die Landkreise die Verantwortung, wartet auf die Kreisbehörde, vor allem das Gesundheitsamt, viel mehr Arbeit.

Dreimal Merkels Marke geknackt

Bislang ist die Region zwischen Staffelsee und Karwendel noch weit entfernt von der 50er-Obergrenze. Seit vergangenem Samstag ist es zu 15 Neuinfektionen (Stand: Freitagnachmittag) gekommen, auf 100 000 Einwohner gerechnet ergibt das eine Relation von 17,04. Insgesamt wurde die Marke dreimal überschritten, bewertet man sie immer ab einem Montag: Ende März (77,3), Anfang April (88,6) und Ende des Monats (51,1). Diese Spitzen hängen jedoch mit den Hotspots, dem Seniorenzentrum Kemmelpark und dem Gesundheitszentrum in Oberammergau zusammen. In beiden Einrichtungen hatten sich zahlreiche Menschen infiziert, starben zum Teil.

Scharf hofft, dass die Zahlen nicht mehr in die Höhe schnellen und den Bürgern wieder engere Fesseln angelegt werden müssen. Er kann nur an die Vernunft appellieren, Mund-Nase-Masken zu tragen und Abstand zu halten.

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