Peter Strobel, Chef im Schlachthof des Landkreises Garmisch-Partenkirchen, ist auf die hohe Politik nicht gut zu sprechen: Seinen Kleinbetrieb würde er gerne effizient führen, dagegen steht aber die Bürokratie. Hygiene wird in allen Bereich groß geschrieben
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Stolz auf ihren Betrieb: Leiter Peter Strobel und Veterinärin Dr. Martina Kempkes.

Mehr Handwerksbetrieb als Unternehmen: Der Kreis-Schlachthof hat mit Tönnies und Co. nichts gemein

Peter Strobel, Chef im Schlachthof des Landkreises Garmisch-Partenkirchen, ist auf die hohe Politik nicht gut zu sprechen: Seinen Kleinbetrieb würde er gerne effizient führen, dagegen steht aber die Bürokratie. Hygiene wird in allen Bereich groß geschrieben

Garmisch-Partenkirchen – Massenzucht, Schlachtungen im Akkord, beengte Arbeitsverhältnisse, Mindestlohn: Diese Zustände in der Fleischindustrie sind in der Corona-Pandemie nun in Nordrhein-Westfalen bekannt geworden –und haben die Branche in Verruf gebracht. Am Schlachthof Garmisch-Partenkirchen dagegen läuft der Alltag völlig anders ab. „Wir sind eigentlich ein kleiner Handwerksbetrieb“, sagt Chef Peter Strobel. „Das ist kein Vergleich zu einem großen Schlachtunternehmen.“ Nur eines bedauert der 56-Jährige: Dass er mittlerweile mehr Stunden vor dem Rechner verbringt, als seiner gewohnten Tätigkeit als Metzger nachzugehen. „Es ist sehr viel Dokumentieren: Kühlraumtemperatur, Reinigungsplan, die Begleitpapiere der Tiere, Schädlingsbekämpfung. Da sitz’ ich hauptsächlich am Schreibtisch.“

31 Jahre arbeitete der gelernte Metzgermeister in der freien Wirtschaft. Vor drei Jahren wechselte er an den Schlachthof. Das Arbeitspensum ist groß. „Ich könnt’ Tag und Nacht im Büro sitzen“, sagt er und sehnt sich nach Entbürokratisierung. Doch: Es passiert nichts. Es bleibt bei Ankündigungen aus dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, die kleineren Betriebe besser zu fördern. Über Ministerin Julia Klöckner (CDU) hat er nicht die beste Meinung: „Ihr fehlt das Wissen“, sagt Strobel.

Im Schlachthof an der Martinswinkelstraße beschäftigt Strobel vier Mitarbeiter. Beim Schlachten muss zusätzlich ein amtlicher Tierarzt vor Ort sein. Trotz dieser überschaubaren Größe effektiv zu arbeiten, sei dennoch schwierig, betont Strobel. Denn ebenso wie ein Großbetrieb muss der vom Kreis betriebene Schlachthof nun wöchentlich Stanzproben von Tierkörpern abgeben. „Das kostet mich 30 000 Euro im Jahr. Kosten, die unser Betrieb stemmen muss.“ Dazu kommen die unangemeldeten Besuche der Bayerischen Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV). „Wir werden sehr streng überwacht.“ Das stört ihn nicht. Vielmehr ist es das eklatante Missverhältnis seines kleinen Betriebs mit gut 1500 geschlachteten Großtieren im Vergleich etwa zur Tönnies-Fabrik mit 30 000 Schweineschlachtungen am Tag. Die Behörden kontrollieren die Unternehmen gleich oft. „Das ist unverhältnismäßig und ärgerlich. Da sollte sich die Ministerin mal was einfallen lassen.“ Eine Parade-Lösung für die Misere in der Fleischindustrie hat Strobel nicht parat.

Fürs Tagblatt öffnete Strobel die Türen zum Schlachthof und präsentierte den Betrieb gemeinsam mit Dr. Martina Kempkes, der stellvertretenden Leiterin des Veterinäramtes. „Sauberkeit und Hygiene stehen an oberster Stelle“, betont Strobel. Im Wartebereich verbringen die Tiere die Nacht vor der Schlachtung. „Ich bin mir sicher, dass sie nicht wissen, dass es ihr letzter Gang ist.“ Wichtig sei es, dass die Tiere keinem Stress ausgesetzt werden. „Sie dürfen nicht geblendet werden. Die Mitarbeiter müssen Lärm vermeiden“, betont Kempkes. Die folgenden Räume bezeichnet der Metzgermeister ganz nüchtern als „verschiedene Tötungsbereiche“. Die von den Landwirten und Metzgern angelieferten Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen werden von den Mitarbeitern – Strobel zufolge „alles bayerische Metzger“ – dort geschlachtet.

Nach dem Vorgang wird streng zwischen den unreinen und dem reinen Bereich unterschieden. Sobald die Tiere enthäutet sind und die Brusthöhle geöffnet ist, befinden sie sich im reinen Bereich. Hier wird größter Wert gelegt auf „strenge Prozesshygiene und auf den ordnungsgemäßen Ablauf“, sagt Strobel. „Tierschutz bis zum Tode“, ergänzt Kempkes. Die Mitarbeiter arbeiten in getrennten Bereichen. Das Fleisch darf mit dem Inhalt des Magen-Darm-Trakts nicht in Berührung kommen. Die Tierärztin beschaut die ausgenommenen Innereien, die Kühe, Schweine oder Schafe werden gewogen und gestempelt. Sie bekommen ein Etikett. „Bei uns ist die Nachverfolgbarkeit bis zur Stalltür gewährleistet“, betont Strobel. Danach geht’s in die Kühlungen – bei unter drei Grad.

Der Landkreis ist stolz, einen eigenen Schlachthof zu betreiben. Strobel nennt Landrat Anton Speer (Freie Wähler) und den Kreistag, die sich klar zum Standort bekannten. „Ich glaube, wir sind der letzte Schlachthof in Bayern, der vom Kreis betrieben wird.“ Strobel bedauert, dass etwa die Betriebe in Weilheim und Bad Tölz geschlossen wurden. „Die kürzeren Wege fallen dadurch weg.“ Für eine Schlachtung müssen alle Metzger oder Landwirte das Gleiche zahlen. „Der Preis ist vorgegeben, das ist so unter Landrat Kühn eingeführt worden.“

Ein wenig Kritik kann sich Kempkes am Ende nicht verkneifen. Um Werte wie artgerechte Haltung oder Tierwohl verbindlich zu regeln, müssten Veterinäre, Bauern, Metzger, aber auch Verbraucher und Tierschutzexperten an einem Tisch sitzen. Das Verhalten der Konsumenten müsse sich ändern. „Seltener Fleisch essen, dafür einen höheren Preis zahlen. Man sollte Fleisch als Belohnung sehen“, fordert die Veterinärin. Strobel nennt ein passendes Beispiel: Beim Metzger zahlt der Kunde 2,50 Euro für ein gutes Stück Fleisch. „Beim Discounter gibt es drei Stück eingeschweißt zum gleichen Preis.“ Der hiesige Verbraucher solle auf Qualität setzen und froh sein, „dass es bei uns überhaupt noch viele Metzger gibt“. Und einen eigenen Schlachthof. Alexander Kraus

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