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Die Weste als Schutzschild: Wenn Anna Laber (l.) und Barbara Anwander ihre KID-Bekleidung anlegen , schalten sie in den Profi-Modus.

Allerheiligen: Für manche Menschen gehört der Umgang mit dem Tod zum Leben

Kriseninterventionsdienst: Zwei Helfer erzählen von ihrer Arbeit mit dem Tod

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Die Gräber werden an Allerheiligen gesegnet. Man denkt an Menschen, die gegangen sind. Der Tod ist an diesem Tag präsent. Für manche Menschen im Landkreis ist er dies das ganze Jahr über. Für Anna Laber und Barbara Anwander vom Kriseninterventionsdienst zum Beispiel.

Landkreis – Ihr Mann liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Keiner weiß: Wird er überleben? Wenn ja: Wird er wieder gesund? Ein ganzer Ort stellt sich diese Frage. Denn jeder kennt Markus Anwander. In Garmisch-Partenkirchen und in der Skiwelt weit darüber hinaus. Sein Unfall geht durch die Medien. Viel wird geredet im Ort, viele leiden mit, fragen sich, wie es Anwander und wie es seiner Familie geht. „Ja, dann fragt mich doch“, dachte sich Ehefrau Barbara Anwander damals. Nur – das hat sich kaum jemand getraut.

Bei einem Trainingslauf 2001 waren die Skifahrerin Régine Cavagnoud und Anwander, damals deutscher Nachwuchstrainer, am Pitztaler Gletscher zusammengestoßen. Die Französin starb zwei Tage später im Krankenhaus. Anwanders Zustand – kritisch. Wochenlang.

In den schwierigen Zeiten gehen Bekannte Barbara Anwander aus dem Weg - aus Unsicherheit

Wie ihr Umfeld darauf reagierte, hat Barbara Anwander gewundert. Bekannte – enge Freunde nimmt sie aus – gingen ihr aus dem Weg. Aus Unsicherheit. Sie verurteilt das nicht, schade fand sie es. Dass Menschen nicht wissen, wie sie anderen in solchen Situationen begegnen sollen – und sich dann lieber verstecken. Erst als feststand: Ihr Mann wird überleben, wird wieder gesund – da winkten sie ihr wieder zu, erkundigten sich.

Der Umgang mit dem Tod oder Menschen, die damit unmittelbar konfrontiert werden – er fällt vielen schwer. Mehr noch. Sie sind überfordert. Für den Kriseninterventionsdienst KID Garmisch-Partenkirchen gehört er zu den Hauptaufgaben. Barbara Anwander (50) ging vor zehn Jahren dazu. Nach ihren eigenen Erfahrungen wollte sie lernen, wie man am besten hilft.

Was kann man noch machen? Was ist richtig? Der KID gab Antworten und half gegen die Ohnmacht

Diese Frage stellte sich auch Anna Laber (56). Eine Freundin hatte – es ist mehr als 23 Jahre her – ihren Mann verloren. Plötzlich stand sie alleine da mit zwei kleinen Kindern. Laber unterstützte sie, hörte ihr zu. War einfach da als Freundin. Und fühlte sich doch ohnmächtig, hilflos. Es wäre gut, wenn jemand wirklich wüsste, was zu tun ist, dachte sie damals. Sie fragte sich vor allem: Was könnte man noch machen? Was ist richtig? 2003 erfuhr sie per Zufall von KID, wusste: Dort findet sie Antworten.

Bei schweren Unfällen, Suiziden, Katastrophen wie dem Hochwasser in Deggendorf oder dem Amoklauf in München wird der KID hinzugerufen. Stets als Akuthilfe – eine längerfristige Betreuung übernehmen andere Stellen. Das Team unterstützt vor Ort oder überbringt gemeinsam mit der Polizei Angehörigen die Nachricht vom Tod ihres Partners, eines Elternteils oder Kindes.

Beistand leisten in Ausnahmesituationen für die Menschen, die Beistand wollen oder brauchen

Immer wieder hören Anwander und Laber den Satz: „Was ihr tut, das könnte ich nicht.“ Unsinn, sagen sie. Viele könnten es. „Für einen Freund bist du ja auch da, hörst zu“, sagt Anwander dann immer. Genau darum gehe es: Beistand leisten in Ausnahmesituationen für die Menschen, die Beistand wollen oder brauchen. Doch zweifelte auch die Garmisch-Partenkirchnerin, ob sie für dieses Ehrenamt geschaffen ist.

Barbara Anwander ist eine Heulsuse. Sagt sie über sich selbst. Sind Menschen betroffen, die ihr persönlich etwas bedeuten – sie weint. „Da steh’ ich ganz nah an der Staumauer.“ Vor Kurzem brach eine Angehörige zusammen. Aufgelöst rief sie den Rettungssanitäter. „Sie werden’s nicht glauben“, sagte sie ihm unter Tränen, „ich arbeite fürs KID.“ Nein, konnte er sich tatsächlich kaum vorstellen. Doch die Privatpersonen Anna Laber und Barbara Anwander sind andere als die KID-Vorsitzende und ihre Stellvertreterin.

Einsatzweste des Kriseninterventionsdienstes Garmisch-Partenkirchen als Schutzschild

Ihre Einsatzweste bezeichnen beide als eine Art Schutzschild. Damit schalte man in den Profimodus, sagt Laber. Keine Routine, das Wort lehnt sie ab. Denn jeder Einsatz ist anders, alle Menschen reagieren unterschiedlich. Doch durch die Ausbildung und Erfahrung lerne man, die Schicksale mit der notwendigen Distanz zu betrachten. Immer funktioniert das nicht.

Laber stand im Klinikum in Garmisch-Partenkirchen. Das Kind von Urlaubsgästen war überfahren worden. Mutter, Vater und seine Geschwister verabschiedeten sich von ihm. Er wurde nur um die sieben Jahre alt. So alt wie Anna Labers Sohn damals. „Er war auch so blond und so groß wie meiner.“ Ihr kamen die Tränen. Menschlich. Niemanden lässt eine Situation wie diese kalt. Und das, sagt die KID-Vorsitzende im Landkreis, sei in Ordnung. Solange man sich schnell wieder in den Griff bekommt. „Man muss wieder zum Helfer werden.“ Dafür lernen die KID-Mitglieder während der Ausbildung Strategien. Ehrlichkeit zu sich selbst ist ein hohes Gebot.

Auch die Mitglieder des Kriseninterventionsdienstes Garmisch-Partenkirchen kommen an ihre Grenzen

Einmal kam Anwander an ihre Grenzen. Der Einsatz zog sich über mehrere Tage, wieder war ein Kind gestorben. Irgendwann nahm sie der Vater in den Arm und sagte: „Das schaff’ ma schon.“ Der Moment für Anwander zu gehen. Ein Kollege übernahm – und kümmerte sich erst einmal um die Garmisch-Partenkirchnerin. Manchmal brauchen Helfer selbst Hilfe. Professionelle, die ihnen zur Verfügung steht. Oder untereinander im Team. Der Zusammenhalt und private Unternehmungen ohne Krisen und Katastrophen ist Laber wichtig. Die Mitglieder verbinden Freundschaften, Vertrauen. Denn im Einsatz, sagt Laber, muss man sich oft ohne Worte, nur über den Blickkontakt verstehen.

Der Umgang mit Unglücken, schweren Schicksalen und Tod hat die zwei Frauen demütig und dankbar gemacht. Für das Leben. Das so schnell enden kann. Sorgenvoll aber auch.

Sie nerve ihre Kinder, 20 und 24 Jahre alt, gerne mal mit ihrem permanenten Hinweis, sie sollen die Winterreifen rechtzeitig aufziehen und beim Autofahren nicht mit dem Handy spielen, sagt Laber. Sie lächelt. Versteht’s ja irgendwie. Doch sie wird weiter warnen. Zu oft hat sie erlebt, wie junge Menschen starben – weil sie eben doch schnell eine Kurznachricht getippt haben.

Kriseninterventionsdienst (KID) sucht Helfer

Etwa 20 Aktive engagieren sich ehrenamtlich beim Kriseninterventionsdienst Garmisch-Partenkirchen. Doch sucht das Team um Vorsitzende Anna Laber immer nach weiteren Helfern. Als Voraussetzung gilt ein Alter von mindestens 25 Jahren, ein Führerschein und ein Auto. Zudem müssen Interessierte „psychisch und physisch stabil“ sein, sagt Laber. Etwa ein Jahr dauert die theoretische und praktische Ausbildung, in der die neuen Mitglieder erfahrene KID-Helfer bereits zu Einsätzen begleiten. Informationsabende für den neuen Ausbildungskurs finden am 2. Dezember, 19.30 Uhr in Burgrain, Pfarrheim St. Michael, sowie am 3. Dezember, 19.30 Uhr, in Murnau, im BRK-Lehrsaal an der Seidlstraße statt. Alle Informationen zum KID im Landkreis gibt es unter www.kid-garmisch.de

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