Expertinnen unter sich: Marina Gailer (r.) und Ute Franck bilden die Stabsstelle für die Pflege-Koordination. 
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Expertinnen unter sich : Marina Gailer (r.) und Ute Franck bilden die Stabsstelle für die Pflege-Koordination. 

Corona-Pandemie zeigt Grenzen auf

Krisenstab: Die Pflege als größtes Problem

  • Christian Fellner
    vonChristian Fellner
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Der Landkreis Garmisch-Partenkirchen richtet eine eigene Krisenstabsstelle für die Pflege ein. Ein Projekt, das über die Kreisgrenzen hinaus Aufmerksamkeit erregt hat.

Landkreis – Ein jeder Katastrophenfall zeigt einer Region auf, wo es Probleme gibt. Systeme kommen an ihre Grenzen. Da verhält sich ein heftiger Wintereinbruch mit außergewöhnlichen Schneemassen in kurzer Zeit wie im Januar 2019 nicht anders als die Corona-Pandemie. Man eckt nur an anderer Stelle an. Das Problem ist schließlich ein anderes. Damals gab es die Möglichkeit, auf die Dächer zu steigen, sie zu räumen, um größeren Schaden zu verhindern. Der K-Fall diente dazu, Kräfte zu mobilisieren, finanzielle Hilfe abzurufen. Jetzt ist der Feind ein unsichtbarer. Gegen ihn vorzugehen, ist um ein Vielfaches schwieriger.

In den Wochen des Krisenmanagements sind die Verantwortlichen auf ein Problem gestoßen, dass die führenden Köpfe an die Grenzen bringt: die Pflege. „Wir haben ja grundsätzlich zu wenig ausgebildete Pflegefachkräfte, aber in der jetzigen Corona-Situation macht sich das noch dramatischer bemerkbar“, sagt Hansjörg Wiesböck aus dem Gesundheitsamt. Um die Größenordnung des Dilemmas greifbarer zu machen, nennt er eine Zahl: Rund 1500 Fachkräfte mit dreijähriger Ausbildung mehr bräuchte es alleine im Landkreis, um die Situation ohne Schwierigkeiten meistern zu können. „Das stellt den Krisenstab vor nahezu unlösbare Aufgaben“, räumt Wiesböck ein. Vor allem, wenn Hotspots auftreten wie im Fall des Murnauer Wohnheims am Kemmelpark, in dem viele Menschen infiziert wurden.

Krisenstab: Zwei Fachberaterinnen kümmern sich um Koordination

Nur gut, dass es Landkreis eine eigene Stabsstelle für die Pflege eingerichtet wurde. Dort kümmern sich die Fachberaterinnen Ute Franck und Marina Gailer um die Koordination. Ein Projekt, das über die Kreisgrenzen hinaus Aufmerksamkeit erregt hat. „Wir bekommen sogar Anfragen aus dem Tölzer Raum“, bestätigt Gailer. Denn in den Nachbarregionen gibt eine solche Stelle bis dato nicht. „Die haben gesehen, dass unsere Einrichtung recht praktisch ist.“ Aufgabe der Damen ist es in erster Linie, die pflegerische Versorgung zu überwachen und die Verlegung von Patienten zu koordinieren.

Das Grundproblem ergibt sich aus einer medizinischen Vorschrift in der Corona-Zeit: Muss ein Bewohner eines Pflegeheims für eine Untersuchung in einem Klinikum stationär aufgenommen werden, hat er sich im Anschluss automatisch für 14 Tage in Quarantäne zu begeben. „Sei es nur für zwei Tage nach einem Sturz oder nach einer Krankheit“, verdeutlicht Franck, die eigentlich in der Heimaufsicht des Landratsamtes tätig ist. Dabei ist es egal, ob er positiv auf Covid-19 getestet ist oder nicht, da in Kliniken ein erhöhtes Ansteckungsrisiko herrscht.

Aus dieser Isolationspflicht ergeben sich mehrere Probleme. Punkt eins: Die Rückkehrer müssen speziell behandelt werden. Das können die Heime bei Einzelfällen leisten, nicht aber, wenn es mehrere Bewohner betrifft. Denn im Umgang mit Quarantäne-Patienten sind besondere Schutzmaßnahmen zu beachten, das Tragen von Spezialkleidung beispielsweise. „Das ist sehr entscheidend, denn ohne könnte es zu einer Infektion des medizinischen Personals kommen“, merkt Wiesböck an. Dies müsse in jedem Fall verhindert werden, das es das System Pflege weiterhin schwächen würde.

Corona-Pandemie: Situation besonders für Demenzpatienten belastend

Punkt zwei: der soziale Aspekt. Können die Bewohner nicht in ihr gewohntes Umfeld zurück, müssen sie oftmals in Kliniken bleiben, dort ihre Isolation abwarten. „Das eine ist das Zuhause, das andere ein klinisches Szenario, das nicht auf eine Sozialversorgung von älteren Menschen ausgelegt ist“, klärt Gailer auf. Besonders belastend sei die Situation für Demenzpatienten. „Die kannst du nicht zwei Wochen wegsperren“, betont Franck. „Menschen, die eh schon einen sehr strukturierten Tagesablauf brauchen, reißt man völlig raus, im schlimmsten Fall wird diesen Menschen dann auch noch in kompletter Schutzbekleidung begegnet“, moniert Wiesböck.

Um diese Patienten zurück in die Heime bringen zu können, müsste dort die Kapazität erhöht werden. Das wiederum geht nicht so leicht, da es am Fachpersonal fehlt. Eine Zwickmühle. Die Grundregel von 50 Prozent, die an voll ausgebildeten Pflegefachkräften benötigt werden, erfüllen laut Franck alle 21 Einrichtungen im Landkreis. „Bei der Normalversorgung sind wir nicht auf Kante genäht, die können wir gewährleisten“, stellt Franck klar. Nur in Spezialfällen wie der Corona-Krise fehlt das Personal, um auch für Quarantänefälle gewährleisten zu können. Die älteren Menschen in Kliniken unterzubringen, die nebenbei auch nicht auf Pflege spezialisiert sind, ist manchmal kein leichtes Geschäft. Franck spricht da sehr offen: „Demenzkranke oder Weglaufgefährdete, die will doch niemand haben.“ Nur gut, dass es zumindest die Pflegefachschule in der Marktgemeinde gibt, aus der Gailer kommt. „Wir haben 35 Plätze, aber in der Regel haben wir so 20 bis 22 Absolventen.“ Die kommen freilich nicht alle aus dem Landkreis, sodass sie nicht voll in die regionale Pflege einfließen. Noch so ein Haken.

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