Zwei Frauen und ein Mann sitzen in der Sonne im Freien auf einem Steinpodest und schauen in die Kamera.
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Machen sich für ein besseres Verständnis unter den Kulturen stark: (v.l.) Benjamin Schwarz (Kreisbildungswerk), Laura Erben (Landratsamt) und Safak Hirschauer.

Neues Kursangebot im Landkreis Garmisch-Partenkirchen

Kulturdolmetscher: Barrieren abbauen, Missverständnisse vermeiden

  • Katharina Bromberger
    vonKatharina Bromberger
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Dolmetscher übersetzen eine Sprache. Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen übersetzen sie bald viel mehr: die Kultur. Ein Kurs soll helfen, Barrieren abzubauen.

Landkreis – Tag für Tag kommt das Mädchen zu spät in die Schule. Die Lehrerin klagt, die Leitung klagt, nichts ändert sich. Das Jugendamt wird eingeschaltet. Bis damit gedroht wird, das Mädchen am Morgen von Polizeibeamten abholen zu lassen. Warum aber kommt es immer zu spät? Das Mädchen fastet. Es ist Ramadan, ein wichtiger Monat für Muslime, ein wichtiger Monat für diese muslimische Familie. Erst nach Sonnenuntergang wird gemeinsam das Fasten gebrochen. Spät kommt das Mädchen ins Bett, zu spät, um jeden Morgen so früh und pünktlich aufzustehen. Schulpflicht trifft auf die persönliche Bedeutung des Ramadan in dieser Familie. Gesetz trifft auf Kultur.

Dieses Beispiel nutzt Laura Erben gern, um zu zeigen, wo Konflikte aufgrund verschiedener Kulturen entstehen können – ohne dass man auf den ersten Blick sieht, dass kulturelle Unterschiede der Auslöser sind. In Fällen wie diesen, betont die Integrationsbeauftragte des Landkreises, braucht es einen Vermittler, der beide Seiten kennt, Unterschiede erklärt, Missverständnisse ausräumt. Damit man am Ende gemeinsam eine Lösung findet. Deshalb bietet das Katholische Kreisbildungswerk zusammen mit dem Landkreis und der Caritas den Kurs „Kulturdolmetscher plus“ an (siehe Kasten). Er richtet sich an Zuwanderer, die ehrenamtlich helfen wollen, Sprachen, aber auch und vor allem Kulturen zu übersetzen. Und es geht um noch mehr.

Kulturdolmetscher: Menschen mit Migrationshintergrund stärken sich selbst

Immer wieder erlebt Erben, dass Menschen mit Migrationsgeschichte sofort als bedürftig angesehen werden. Nach dem Motto: die muss man an der Hand nehmen. Gerade, wenn sie nur gebrochen Deutsch sprechen. Erben geht sogar so weit, dass manch einer diese Zuwanderer – wenn auch unbewusst – als „weniger intelligent“ einordnet. Der Kurs gibt ihnen die Möglichkeit, „ihre eigene Community zu stärken“. Die Idee: Menschen, die bereits länger in Deutschland beziehungsweise im Landkreis Garmisch-Partenkirchen leben, helfen den Neuen.

Vor 13 Jahren kam Safak Hirschauer nach Garmisch-Partenkirchen. Geboren in Berlin, ging sie zunächst in die Türkei, das Heimatland ihrer Eltern, zurück. Dann heiratete sie einen bayerischen Mann und erlebte, wie präsent Vorurteile sind. Als „ganz normal“ empfanden sie und ihr Mann ihre Liebe, ihre Entscheidung zum gemeinsamen Leben. Andere empfanden sie als außergewöhnlich. „Ich finde dich sehr stark“, sagte eine Frau einmal zu Hirschauer. Ihre Ehe mit einem Deutschen, einem Oberbayern, hat sie beeindruckt. „Du bist aber mutig“, sagte der eine oder andere Garmisch-Partenkirchner zu ihrem Mann. Seine Hochzeit mit einer Türkin hielten sie wohl für gewagt. Viele, glaubt Hirschauer, haben das Bild der unterdrückten, muslimischen Frau im Kopf. Es wird pauschalisiert. Dagegen setzt sie sich ein.

Engagement gegen Pauschalurteile - Mechanismen erklären: Woher kommen Vorurteile?

Für verschiedene Institutionen ist die studierte Germanistin als interkulturelle Beraterin und vereidigte Dolmetscherin tätig. Nun leitet sie den Kurs am Landratsamt. Neun Anmeldungen gibt es schon, bis zu 13 werden angenommen. Die bisherigen Teilnehmer kommen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen: aus dem Irak, Syrien, dem Kongo, Rumänien. Ideal. „Wir wollen einen breiten Pool“, betont Erben. Um möglichst vielen Nationalitäten Hilfe anbieten zu können.

Im Kurs wird Hirschauer den Teilnehmer die deutsche Kultur nahebringen. Doch geht es nicht darum, im Detail die Unterschiede zu den einzelnen Ländersitten herauszuarbeiten. Vielmehr wird Hirschauer Mechanismen erklären: Woher kommen Vorurteile? Wie bricht man sie auf? Wann lassen sich die Konflikte überhaupt auf kulturelle Unterschiede zurückführen? Und wo liegen die Grenzen des Dolmetschers? Zudem geht es – für Hirschauer entscheidend – um Selbstreflexion: Wo steht man selbst? Wo (ver)urteilt man vielleicht vorschnell? Hirschauer ist wichtig, dass die Menschen „nicht in ihrer Pauschalisierung stecken bleiben“. Soll heißen: Nicht alles lässt sich einfach mit Rassismus erklären. Nur, weil man sich ungerecht behandelt fühlt, ist der andere noch lange nicht ausländerfeindlich. „Jede Situation kann zu einem Konflikt werden. Gerade, wenn man die Erklärung dafür nicht hat.“ Sie will die Erklärungen liefern und Vorurteile abbauen.

Kurs für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte

Die Idee des Kulturdolmetschers geht auf eine Initiative in Dachau zurück, die das Katholische Kreisbildungswerk für den Landkreis Garmisch-Partenkirchen aufgegriffen hat. Es bietet den Kurs „Kulturdolmetscher Plus – Sharing Empowerment“ an. Dieser richtet sich an Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die mindestens über Basis-Deutschkenntnisse verfügen. In 42 Kurseinheiten an drei Wochenenden im Juni lernen die Teilnehmer, sprachlich, vor allem kulturell, zu dolmetschen. Sie erklären Hintergründe und Unterschiede, können beispielsweise bei einem Elterngespräch im Kindergarten hinzugezogen werden, um den zugewanderten Eltern die Abläufe zu erklären. Sie können Familien auch bei Arztbesuchen oder Behördengängen begleiten. Oder eben in sensiblen Situationen einschreiten, wenn es zu Konflikten kommt. Um die konkreten Einsätze nach dem Kurs kümmert sich die Integrationsbeauftragte des Landkreises in Zusammenarbeit mit der Caritas. Alle Infos zum Kurs und zur Anmeldung gibt es online unter www.kreisbildungswerk-gap.de in der Rubrik „Veranstaltungen“ und „Gesellschaft und Leben“. kat

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