+
Ein Pieks und die Impfung ist geschafft. 

Neue Zahlen zur Gesundheitsvorsorge

Die meisten Impfgegner beheimatet der Landkreis Garmisch-Partenkirchen 

Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist die Impfquote vergleichsweise niedrig. Im Raum Murnau gibt es die meisten Prophylaxe-Skeptiker.

Landkreis – Impfkritiker geben oft unhaltbare Behauptungen von sich. Doch mit ihren Thesen, die sie verbreiten, stoßen sie auf fruchtbaren Boden. Inwiefern diese das Impfverhalten in der Region beeinflusst, ist unklar. Fest steht aber: Die Impfquote ist im Landkreis Garmisch-Partenkirchen seit Jahren vergleichsweise niedrig.

2014 waren nach Angaben des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit 6,4 Prozent aller Einschulungskinder nicht vollständig geimpft, weil die Eltern dies abgelehnt haben. Damit steht der Landkreis bayernweit ziemlich alleine da. Nur in Weilheim-Schongau und Landsberg sind die Werte ähnlich tief im Keller. Diese 6,4 Prozent drücken zudem eine Skepsis gegenüber der Schulmedizin aus.

Einen regionalen Schwerpunkt im Landkreis gibt es offenbar auch. Dr. Karin Kübler, Leiterin des Gesundheitsamts, sagt: „Wir haben den Eindruck, dass die Impfquote im nördlichen Landkreis niedriger ist.“ Eine Erklärung hat die Medizinerin nicht. Es sieht zumindest so aus, als würde Murnau Impfgegner anzuziehen. Es waren schon mehrfach welche zu Gast, die im Kultur- und Tagungszentrum ihre Theorien unter die Leute brachten.

Bei Dr. Ernst Georg Mayr, der seit 20 Jahren in Murnau als Kinder- und Jugendarzt tätig ist, gibt es durchaus Diskussionen mit Eltern. „Die verlaufen aber ruhig, informativ und sachlich. Man muss in den teils sehr zeitaufwändigen Gesprächen auch ganz individuell auf die Bedenken oder besorgten Argumente der Eltern eingehen.“ In seinem Praxisalltag sind nur wenige Eltern völlig überzeugte „Alles-Impfer“ oder „Gar-nicht-Impfer“. Ein Großteil der jungen Eltern steht laut Mayr verunsichert zwischen den Ängsten vor Krankheits- beziehungsweise Impfschäden und hat noch wenig Information.

Mit Zwang könne man nicht viel erreichen, betont der Kinderarzt. Mamas und Papas hinauszukomplimentieren, wenn sie ihr Kind nicht impfen lassen wollen, hält der Mediziner ebenso für den „falschen Ansatz“ wie sie stark zu Impfungen zu drängen. „Zum Beispiel Eltern ausdrücklich Formulare unterschreiben zu lassen, wenn sie sich gegen Impfungen entscheiden.“ Man sollte in diesem sehr sensiblen Bereich nicht inadäquat reagieren, macht Mayr deutlich. Nach seiner Auffassung brauchen Eltern mit all ihren Fragen nachvollziehbare Erklärungen oder Vergleiche, auf deren Basis sie ihre Entscheidung dann auch guten Gewissens treffen können. „Diese Zeit muss man sich eben für die Eltern und Patienten nehmen.“ Auch kurze Bedenkzeit sei für Erziehungsberechtigte wichtig. In der regionalen Ärzteschaft befürworten nicht alle das Impfen. Mayr weiß von Kollegen, die kategorisch davon abraten – durchaus entgegen jeglicher Empfehlung sämtlicher wissenschaftlicher Expertengremien.

„Die Entscheidung zur Impfung liegt derzeit noch weiterhin bei den Eltern“, resümiert Mayr. Dies betrifft auch die Frage, von welchem Arzt oder Therapeuten sie den Weg ihrer Kinder gerne begleiten lassen möchten.

Hohe Heilpraktiker-Dichte

Es gibt in der Region Heilpraktiker, die das Impfen befürworten, und solche, die den Pieks ablehnen. „Es gibt genügend Argumente gegen das Impfen“, sagt einer aus dem Nordlandkreis, der namentlich nicht genannt werden möchte. Und weiter: „Wer wirklich informiert ist, überlegt sich zehnmal, ob er sein Kind impfen lässt.“

Die Heilpraktikerdichte ist nicht nur im Raum Murnau, sondern im gesamten Landkreis hoch. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, sind dort 192 Heilpraktiker registriert. Dagegen gibt es nur rund 100 niedergelassene Allgemeinmediziner und nicht mal zehn Kinderarzt-Praxen.

Viel Aufklärungsarbeit

Die Prophylaxe-Gründe sind bekannt. Sie retten das Leben von weltweit mehr als drei Millionen Menschen jährlich und schützen Millionen vor Krankheit und Behinderung. Dies schätzt die Weltgesundheitsorganisation. Durch Impfung vermeidbare Krankheiten stellen immer noch ein Risiko dar. Interventionen hatten im Lauf der Zeit deutlich weniger Leid und Tod zur Folge. In einigen Ländern haben falsche Vorstellungen zu einer geringeren Impfrate und zum Wiederaufflammen ansteckender Krankheiten inklusive Keuchhusten, Diphtherie und Röteln geführt.

Beim Gesundheitsamt versucht man es unterdessen mit Aufklärungsarbeit. Es verschickt Rundbriefe, gibt Hinweise an die Bevölkerung und tritt auch an die Ärzte heran. „Wir versuchen, im Rahmen unserer Möglichkeiten tätig zu werden“, sagt Leiterin Kübler.

Bayerische Impfwochen

Bleibt die Frage: Wieso ist die Ablehnung im Landkreis Garmisch-Partenkirchen so hoch? Das Landratsamt versuchte sich bereits 2016 an einer Erklärung. Teilweise liegt es an einigen Ärzten, die „kaum oder keine Impfungen durchführen“, teilte Sprecher Stephan Scharf damals mit. Viele haben im laufenden Praxisbetrieb oft zu wenig Zeit, sich dem Einzelnen in aufklärenden Gesprächen zu widmen. Zudem spielt die Haltung der Eltern eine Rolle. Trotz kontinuierlicher Aufklärung bei den Schuleingangsuntersuchungen und in den sechsten Klassen sowie durch die jährlichen Bayerischen Impfwochen „treffen wir immer wieder auf andere, wissenschaftlich nicht nachvollziehbare Einstellungen“.

Herdenschutz

Zudem, sagt Scharf, haben sowohl die Erkrankungen als auch die Spätfolgen an Abschreckung verloren. Darüber hinaus profitieren viele Ungeimpfte vom Herdenschutz der Geimpften („Trittbrettfahrer“). Ein weiterer Grund ist, dass „sich Ungeimpfte auf die gute medizinische Versorgung verlassen“. Den Ungeimpften sei auch nicht mehr bewusst, dass es neben den Akuterkrankungen auch zu Spätauswirkungen und sogar zu Todesfällen kommen könne. Und schließlich sei es so, dass „den Beiträgen der Impfgegner im Internet und in anderen Medien Glauben geschenkt wird“.

Lesen Sie hier: 

Kindergärten sollen Impfgegner beim Gesundheitsamt melden Gastbeitrag zweier Ärzte: An die Eltern, die sich und ihre Kinder vegan ernähren: Vorsicht!

Roland Lory

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Tannenhütte am Wank: Selbst beim Hebauf ist der Name Thema
Der Firstbaum mit den weiß-blauen Schleifchen thront auf dem Dach. Es ist das Zeichen der Zimmerer für den Hebauf. Dieser wird bei der Tannenhütte auf dem Wank gefeiert. …
Tannenhütte am Wank: Selbst beim Hebauf ist der Name Thema
Oberau muss Kläranlage und Wassernetz sanieren: Gebühren steigen massiv an
Einen Kredit über knapp vier Millionen Euro muss Oberau in diesem Jahr aufnehmen. Nur so kann die Gemeinde die dringende Sanierung von Kläranlage und Wassernetz stemmen. …
Oberau muss Kläranlage und Wassernetz sanieren: Gebühren steigen massiv an
Zum 60.Bühnenjubiläum: Georg Reindl schlüpft in Paraderolle
Das Stück scheint ihm auf den Leib geschrieben. Der Großvater Zangerl in „Sei doch net so dumm, Opa“ ist Georg Reindls Paraderolle. Kein Wunder, dass er sich dieses …
Zum 60.Bühnenjubiläum: Georg Reindl schlüpft in Paraderolle
Glashüttenweg ist eröffnet
Knapp vier Kilometer ist er lang, der Glashüttenrundweg in Grafenaschau. Der Pfad, der jetzt feierlich eröffnet wurde, informiert auf 16 Schautafeln über die Geschichte …
Glashüttenweg ist eröffnet

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.