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Werben für das Angebot: (v.l.) Thomas Schwarzenberger, Josef Mederer, Dr. Florian Seemüller, Regina Dupper Dr. Claudia Fischer, Gerald Niedermeier und Günter Kottek . f.:mas

Jeder dritte Deutsche betroffen

Krisendienst Psychiatrie: Eine große Nummer in seelischen Notlagen

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Angstzustände, Panikattacken, chronische Erkrankungen: Es gibt viele Formen von seelischen Notlagen. Seit gut einem Jahr können sich Betroffene und deren Angehörige an den Krisendienst Psychiatrie wenden, um schnelle Hilfe zu bekommen. Eine Bilanz.

von manuela schauer

Landkreis – Er verschanzte sich in der Wohnung. Wochenlang. Seine Familie, sie wandte sich ab. Irgendwann verständigten Nachbarn die Polizei. Die Beamten standen vor Günter Kotteks Haustür, samt Sanitätern. Heute sagt er selbst: „Ich war in der Krise.“ In einer seelischen.

Kottek schämt sich nicht, das zuzugeben. Er weiß, dass viele Menschen an psychischen Störungen leiden. Statistisch gesehen jeder Dritte. Die Scheu davor, sich Unterstützung zu suchen und sich zu offenbaren, kennt das Vorstandsmitglied der Oberbayerischen Selbsthilfe Psychiatrie-Erfahrener (OSPE). Selbst Freunden, Familie oder Kollegen des Betroffenen fällt das schwer. Um eine Eskalation zu vermeiden und eine schnelle, wohnortnahe Hilfe zu gewährleisten, ist am 1. April 2017 der Krisendienst Psychiatrie im Südwesten Bayerns eingeführt worden – und somit in der Planungsregion 17 mit den Landkreisen Garmisch-Partenkirchen, Weilheim-Schongau, Miesbach, Bad Tölz-Wolfratshausen und Landsberg am Lech. Bereits jetzt steht fest: Das Angebot hat sich bewährt.

Zwar gab es schon zuvor einige Anlaufstellen, jedoch keine in dieser unbürokratischen, aber effektiven Form. Bei einem Bilanz-Gespräch in der kbo-Lech-Mangfall-Klinik in Garmisch-Partenkirchen bezeichnete Bezirkstagspräsident Josef Mederer (CSU) den Krisendienst mit seiner Hotline deshalb als „Sahnehäubchen, das noch gefehlt hat“. Eines, in das der Bezirk pro Jahr 7,4 Millionen Euro investiert.

Das Konzept ist einfach: Erkrankte oder Angehörige können täglich von 9 bis 24 Uhr zum Hörer greifen und die Nummer 01 80/655 30 00 wählen. Die Anrufe gehen zentral bei der Leitstelle ein. Einer der insgesamt 21 Mitarbeiter höre zu, entlaste und kläre gemeinsam mit dem Anrufer die Situation, erläutert Teamleiterin Dr. Claudia Fischer. Wenn das nicht reicht, wird Hilfe vor Ort gesucht. Dafür arbeitet die Leitstelle mit den Sozialpsychiatrischen Diensten zusammen, die mobile Einsatzteams mit je zwei Personen bereit halten. Und die nehmen sich Zeit. Ein Hausbesuch dauert im Schnitt 100 Minuten, exklusive Anreisezeit, bestätigt Regina Dupper, Leiterin der Garmisch-Partenkirchner Einrichtung. Nicht umsonst ist Mederer überzeugt: „Wer die Nummer wählt, hat schon gewonnen.“

Der Bedarf besteht. Ohne Frage. Die Zahlen sprechen für sich. Bis Ende vergangenen Jahres haben den Krisendienst 20 111 aus der Planungsregion 809 Hilfegesuche erreicht. Im Landkreis waren es 67 Anrufe und 12 mobile Einsätze.

Bisher richtete sich der Krisendienst an Menschen ab 16 Jahren. Seit 1. März 2018 finden auch Kinder und Jugendliche mit seelischen Problemen Gehör. „Man kann sie nicht behandeln wie Erwachsene“, sagt Mederer. Sieben Mitarbeiter kümmern sich in der Leitstelle um sie, aber auch um Eltern oder Lehrer. Damit sollen stationäre Klinikaufenthalte und eventuelle Spätfolgen verhindert werden.

Für Dr. Florian Seemüller besteht kein Zweifel: Der Krisendienst schließt eine Versorgungslücke. Und bringt gleichzeitig einen enormen Vorteil mit sich. „Wenn der Erstkontakt gut ist“, sagt der Chefarzt der kbo-Lech-Mangfall-Klinik, „prägt das die weitere Behandlung und das Vertrauen zur Einrichtung.“ Denn das Ziel formuliert Mederer mit aller Deutlichkeit: stationäre Klinikaufenthalte vermeiden. Zwangseinweisungen erst recht. Gerade diese seien das Schlimmste, was passieren könne. Mehrfach glückte das bereits. Die Quote der Zwangseinweisungen liegt bei nur 0,01 Prozent. Für ihn „ein großer Erfolg.“

Die Involvierten der psychischen Hilfeleistungen, darunter auch Wohlfahrtsverbände, bemühen sich dennoch, das Angebot weiter zu verbessern. Mederer übt dafür Druck auf politischer Ebene aus. Der Bezirkstagspräsident kämpft für finanzielle Unterstützung. Zum Beispiel von den Krankenkassen, die bisher ein „schlankes Bein“ machen. Aber auch vom Freistaat. Im Gesetzesentwurf für das geplante Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz (BayPsychKHG) soll verankert werden, dass dieser den Bezirken Kosten für die Leitstelle erstattet. Ebenso möchte Mederer eine 24-Stunden-Hotline realisieren. „Wenn wir damit einen Suizidgefährdeten retten“, argumentiert er, „rechtfertigt das alles.“

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