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Viel Wild bedeutet oftmals auch viel Verbiss im Wald.

Debatte im Kreisausschuss

Verbissene Angelegenheit: Jetzt soll‘s ein Jagdkonzept richten

Parteipolitisch trennen sie Welten. Doch wenn es um die Realisierung eines Jagkonzepts geht, ziehen die Grüne Tessy Lödermann und der Konservative Walter Echter an einem Strang.

Landkreis – Trotz Erhöhung der Abschüsse für Rot-, Reh- und Gamswild hat sich die Verbissbelastung in der Hegegemeinschaft Werdenfels-Süd in den vergangenen Jahren zunehmend verschlechtert. Das geht aus forstlichen Gutachten hervor. Daher fordern die Kreisräte Tessy Lödermann (Bündnis 90/Die Grünen) und Walter Echter (CSB), unterstützt von weiteren Fraktionen des Kreistags, die Erstellung eines Jagdkonzepts.

„Die Höhe des Wildbestands ist durchaus ein wesentlicher Faktor für die Schäden, aber letztlich doch ein sehr oberflächlicher Ansatz“, sagt Echter in der Sitzung des Kreisausschusses. Seit 1986 wird für die Hegegemeinschaften in Bayern die Situation der Waldverjüngung sowie ihre Beeinflussung durch Schalenwildverbiss und Hegeschäden erfasst und bewertet. Die Ergebnisse bilden eine wichtige Basis für die Abschussplanung. „Doch der damit praktizierte lineare Zusammenhang, hohe Wildschäden entsprechen zu hohen Wildbeständen, greift zu kurz“, sagt der Kreisrat. Die zuständigen Behörden machten es sich zu einfach, wenn sie höhere Abschüsse einfordern. Und gleichzeitig zeichne sich keine Verbesserung der Situation ab. „Die Schuldigen sind dann schnell gefunden: die Jäger“, ärgert sich Echter. Er ist überzeugt, dass das Problem viel komplexer ist als von vielen angenommen wird.

„Brauchen effektive Jagd“

„Bereits Dr. Peter Meile hat in seinem Gutachten von 2012 darauf hingewiesen, dass eine Vielzahl weiterer Faktoren, wie zum Beispiel die Fütterungspraxis oder die Art und Weise, wie die Jagd ausgeübt wird, die Ursache für den größten Teil der Wildschäden verantwortlich ist“, so der Förster weiter.

Neben der Anpassung der Wildbestände bedarf es revierübergreifender Jagdkonzepte. Das fordert im Übrigen auch Martin Neumeyer, Vorstandsvorsitzender der Bayerischen Staatsforsten: „Wir brauchen eine effektive Jagd.“

Konkret spricht Echter die Einrichtung von Wildruhezonen und Wildschongebieten an. „Wichtig ist auch, wie, was und wann wir jagen.“ Wesentlich sei darüber hin-aus eine Überwinterungsstrategie mit einer art- und tierschutzgerechten Fütterung. In den vergangenen Jahrzehnten habe man gerade bei letzterem Aspekt lediglich betriebswirtschaftliche Ansätze verfolgt: „Viele kleine Fütterungen wurden durch einige große Wintergatter ersetzt und damit Personal- und Sachkosten eingespart.“

Ein Gutachten, wie es bereits für die Hegegemeinschaften Werdenfels-Ost und -West erstellt worden ist, soll nun den Bestand der drei Schalenwildarten Gams, Rot- und Rehwild erheben, die Wanderbewegungen von Rotwild, die Kartierung der Sommer- und Wintereinstandsgebiete sowie die Bereiche mit hohem Freizeit- und Jagddruck dokumentieren.

Die Ergebnisse dieses Gutachtens sollen die Grundlage für einen Schalenwildmanagementplan sein. Es müsse einen Maßnahmenkatalog geben mit konkreten Zielen. Nach Fertigstellung des Gutachtens soll die laufende Betreuung und Umsetzung im gesamten Landkreis durch eine wildbiologische Fachkraft sichergestellt werden. Beim Thema Finanzierung setzen die Antragsteller unter anderem auf die Möglichkeit von öffentlichen Fördermitteln.

„Raus aus Grabendenken“

Lödermann verweist auf das Oberallgäu. Dort sei man durch einen ganzheitliches Konzept bereits sehr erfolgreich im Kampf gegen den Wildverbiss. „Man findet hier wieder tagaktives Rot- und Rehwild“, berichtet sie. Jagd sei nur ein Teil des Wildtiermanagements. Sie fordert: „Wir müssen raus aus dem Grabendenken.“

Trotz parteiübergreifender Unterstützung kommt es doch noch zu kontroversen Wortbeiträgen. Christine Singer (Freie Wähler) fragt sich, ob man wirklich noch ein weiteres Gutachten braucht. „Ich reagiere mittlerweile schon allergisch, wenn ich nur das Wort Gutachten höre“, sagt sie. Bei der Wahl der Person, die die Umsetzung des Jagdkonzepts betreuen soll, gibt sie zu bedenken, dass es jemand sein müsse, der auch akzeptiert wird. Überhaupt sollen alle an diesem Thema Beteiligten zunächst zu Wort kommen, bevor ein Gutachten in Auftrag gegeben wird, wie zum Beispiel die Waldbesitzer-Vereinigung, schlägt Rolf Beuting (ÖDP/Bürgerforum) vor.

Rudolf Kühn (ÖDP) lehnt den Antrag grundsätzlich ab. „Dort, wo die Fütterung ist, ist auch der Verbiss am größten.“ Für ihn hat die Reduzierung des Wildes daher absoluten Vorrang. „Der Wald muss sich entwickeln, dann kommt das Wild von allein.“

„Endlosschleife an Gutachten“

Bedenken gegen das Gutachten hegt auch Enrico Corongiu (SPD). „Wir haben eine Endlosschleife an Gutachten, die am Ende doch nicht akzeptiert werden.“ Auch Martin Wohlketzetter (SPD) zweifelt: „Was nutzt ein Gutachten, wenn danach nichts umgesetzt wird.“ Empfehlungen seien letztlich zu wenig, wenn die Maßnahmen nicht verpflichtend sind. „Aber nichts zu machen, wäre letztlich aber das Schlechteste“, entgegnet Echter.

Franz Mangold, im Landratsamt für den Bereich Jagdrecht zuständig, hält ein eigenes Gutachten für Werdenfels Süd durchaus für sinnvoll, da sich dieses Gebiet durch die stark touristische Nutzung deutlich von Werdenfels Ost und West unterscheidet. Ebenso spricht er sich für die Einstellung einer Fachkraft aus, die den Managementplan erarbeitet und umsetzt.

Beuting schlägt vor, einen runden Tisch einzuberufen, ehe man das Gutachten in Auftrag gibt. Alle an dem Thema Beteiligten sollen daran teilnehmen und mitreden dürfen, sagt er.

Am Mittwoch, 30. Oktober, berät der Kreistag über den Antrag, dem im Kreisausschuss mit knapper Mehrheit zugestimmt wurde.

Thomas Karsch

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