Historie und Heute

Landkreis Garmisch-Partenkirchen um 1830: Was Ur-Karten enthüllen 

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Ur-Landkarten enthüllen, wie Garmisch und Partenkirchen um 1826 aussahen. Und sie erzählen spannende Geschichten aus dem Landkreis - von Pferdeschwemmen und Inselbesitzern. 

Garmisch-Partenkirchen - Ein großer Teich am südlichen Ortsrand Mittenwalds? Die älteste Flurkarte des Marktes aus dem Jahr 1815 deutet darauf hin. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten erkennt man den Schriftzug „Pferdeschwem“. Der Vergleich mit einem Luftbild von heute zeigt, wie sich das Gebiet westlich des Obermarkts verändert hat. Einfach den Regler unten hin- und herschieben. 

Im Süden Mittenwalds: Einst Pferdeschwemme, heute Kurpark

Mittenwald war im Mittelalter ein Umschlagplatz des Rottverkehrs, dem organisierten Gütertransport mithilfe von Pferden und Flößen. „Die Pferdeschwemme war da, wo heute der Kurpark liegt“, erklärt der Vorsitzende des historischen Vereins, Helmut Klinner. Er spricht von einem Art Feuchtgebiet, das sich bei Regen in ein Becken verwandelte. Die Pferde konnten - wenige Minuten von den Wirtshäusern in der Ortsmitte entfernt - getränkt, gekühlt und gewechselt werden. „Es mussten immer welche da sein, um die Transporte am Laufen zu halten“, sagt Klinner.

„Waffenschmied“ entpuppt sich als Hausname 

In der Übersichtskarte Mittenwalds, dem sogenannten Urpositionsblatt, ist auf Höhe der Isar in großer Schrift von einem „Waffenschmied“ die Rede. Historiker Klinner klärt auf: „Das ist ein Hausname für ein Anwesen am Mühlbach, der um 1600 künstlich angelegt wurde. Dort hat man vielleicht schon mal, aber sicher nicht nur Waffen hergestellt.“ Südlich des „Waffenschmieds“ drehten sich mehrere Mühlen.

Ein bisschen Geduld bitte: Die interaktiven Karten laden eventuell etwas langsam.    

Im digitalen Bayern-Atlas, ein Angebot des Geoportals Bayern, sind sämtliche Urpositionsblätter eingebaut. Sie sind ein Resultat der ersten Vermessung Bayerns, die Napoleon zu Besatzungszeiten zur Planung von Feldzügen anleierte. Die handgezeichneten Karten entstanden laut der Bayerischen Vermessungsverwaltung zwischen 1810 und 1864. Beim Hineinzoomen erscheint eine kleinteiligere Flurkarte, die die Eigentumsverhältnisse erfasste. Von ihr wurden Steuern abgleitet.

Ein Multitalent: Der erste private Eigentümer der Insel Wörth

Ein Sprung in den Norden des Landkreises - und ins Wasser. Die Insel Wörth im Staffelsee ziert in der Karte von 1839 ein breiter Schriftzug: „Titz Geheimrath von Utzschneider“. Dahinter steckt „ein Tausendsassa“, „ein Multitalent“, wie Sieglinde Birke vom Marktarchiv Murnau erklärt.

Die Insel Wörth im Staffelsee: Der breite Schriftzug verweist auf Josef von Utzschneider, den ersten Privateigentümer der Insel.

Josef von Utzschneider, geboren auf dem Gut Rieden in Seehausen, kaufte Wörth nach der Säkularisation 1803 vom Kloster Ettal. Er ist damit der erste von einer Reihe privater Eigentümer der Insel. „Der hat eine Wahnsinns-Karriere hingelegt“, sagt Birke. Der Bauerssohn von Utzschneider machte sich als Unternehmer, Techniker und Politiker (daher der Begriff “Geheimrath“ in der Karte) einen Namen. Er besaß unter anderem eine Brauerei, eine Glas- und eine Lederfabrik. Ohne ihn wären das bayerische Grundkataster, die bayerischen Forstschulen und die Technische Hochschule München (TU) wohl nicht entstanden, darüber hinaus war er Zweiter Bürgermeister von München und Landtagsabgeordneter. Von Utzschneider starb 1840 bei einem Kutschen-Unfall am Giesinger Berg. 

Der Heimatverein Seehausen gab 2013 ein Jahrbuch heraus, das sich in weiten Teilen um Josef von Utzschneider dreht. Heute gehört die Insel dem Land, konkret der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen.

Garmisch-Partenkirchen: Doppelort mit Grenze durch Wirtshausküche?

Aus zwei wird eins: Die Karte von 1826 und das Luftbild von heute zeigen im Vergleich, wie Garmisch und Partenkirchen zusammengewachsen sind. Ein Jahr vor den 4. Olympischen Spielen 1936 wurden die beiden Orte nach großem Druck der NSPAP vereinigt. Den Ratsherren drohte man laut Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen mit der Einweisung ins KZ Dachau, sollten sie die Anordnung des Bayerischen Innenministeriums nicht befolgen. Mit der Zoom-Funktion lässt sich das Gebiet in Vergangenheit und Gegenwart erkunden.

Josef Kümmerle hatte mal ein Schild am Gartenzaun: „Achtung, Sie verlassen Partenkirchen“, stand darauf. Sein Wohnhaus am Wanner Weg steht direkt an der ehemaligen Grenze zwischen Garmisch und Partenkirchen. „Ich spreche die Partenkirchner Sprache“, schiebt Kümmerle noch etwas Augenzwinker-Lokalpatriotismus nach und erklärt, dass er zum Mädchen „Malla“ sagt - und nicht „Mallä“ wie die Garmischer. Der 70-jährige Leiter des Werdenfels Museums kennt sich aus mit den beiden Ortschaften. In einem Partenkirchen-Reiseführer aus den 1850er Jahren sei von „einem lohnenden Ausflug nach Garmisch“ die Rede - zu Fuß „in nur 30 Minuten“. 

Garmisch und Partenkirchen: Die Grenze zwischen den Gemeindegebieten nach der Neuvermessung 1897.

Wer zwischen den ehemaligen Ortsschaften wandeln möchte, sollte im Hotel Alpengruß einchecken. Es liegt ganz in der Nähe von Kümmerles Wohnhaus, an der Ecke Gehfeld und Pitzaustraße. Viele sagen, die alte Grenze verlaufe durch die Hotel-Küche. Im Zuge einer Erweiterung 1939 wuchs das Gebäude von Garmischer auf Partenkirchner Flur, weshalb man die Grenze ans südliche Ende des Grundstücks verlegte. Seither gehört es zu Garmisch.

Nur eine von vielen Grenzverschiebungen in der Geschichte: Die letzte große Neuerung gab es 2008. Die Erweiterung der Kläranlage führte dazu, dass mehr als 6000 Quadratmeter Garmischer Grund in die Gemarkung Partenkirchen übernommen wurden. Die Flurgrenze lief zuvor direkt unter den Klärbecken hindurch.

Spannende Geschichten erzählen historische Karten auch über den Tölzer Raum oder Geretsried, das einst nur aus zwei Höfen bestand. Im Ur-Kataster von München taucht unter anderem eine Irrenanstalt auf.

Rubriklistenbild: © Screenshot BayernAtlas

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