Ein Skispringer springt von der Schanze in Garmisch-Partenkirchen.
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Üben für das Neujahrsspringen: Der deutsche B-Kader, zu dem auch der Partenkirchner Kilian Märkl (Bild) gehört, absolviert am Freitagvormittag Trainingssprünge von der Großen Olympiaschanze.

Gewinn entfällt

Neujahrsspringen 2021: Leere Ränge bringen SCP in Not - Ticketeinnahmen entfallen

  • Peter Reinbold
    vonPeter Reinbold
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Das Neujahrsskispringen findet am 1. Januar 2021 wegen der Corona-Pandemie unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Auf Ausrichter SC Partenkirchen kommen trotzdem Kosten in Höhe von 450 000 Euro zu. Die Einnahmen liegen fast bei null.

Garmisch-Partenkirchen – Dass es so laufen würde – Michael Maurer war es schon während des ersten Corona-Lockdowns im März und April bewusst. Auch, wie er vorgehen würde, als klar war, dass sämtliche Sportveranstaltungen – auch die der Profis – entweder gar nicht oder unter Ausschluss von Zuschauern stattfinden müssen. „Wir konnten uns lange darauf vorbereiten“, sagt der Präsident des Skiclubs Partenkirchen, der das traditionelle Neujahrsskispringen ausrichtet. Maurer und seine Vorstandskollegen hatten schon im Sommer beschlossen, das Olympiaskistadion, das am ersten Tag des neuen Jahres stets mehr als 20 000 begeisterte Skisprungfans füllen, für das Publikum dichtzumachen. Oberstdorf, Organisator des ersten Wettbewerbs im Rahmen der Vierschanzentournee, hatte bis zum 30. November mit bis zu 2500 Zuschauern pro Veranstaltungstag geplant, sich angesichts der Pandemie schließlich doch für leere Ränge entschlossen. „Für uns waren Besucher immer unrealistisch“, erklärt Maurer.

Hat sich mit seinem Team früh auf die Situation eingestellt: SCP-Präsident Michael Maurer.

Der Ausschluss der Öffentlichkeit – im Stadion halten sich trotzdem rund 800 Personen auf, darunter die Sportlerteams, Journalisten und Skiclub-Angehörige, für die ein umfangreiches Hygienekonzept erstellt werden musste (siehe Infobox) – trifft den SC Partenkirchen hart. Ideell, aber vor allem finanziell. Die Kosten, die für die Veranstaltung trotzdem anfallen, beziffert Maurer mit rund 450 000 Euro, das Minus, das durch den Ausfall des Ticketverkaufs entsteht, soll bei rund 500 000 Euro liegen. „So hoch ist in den vergangenen Jahren unser Gewinn ausgefallen.“ Der ist die Lebensader des SCP. Davon bestreitet er die Kosten für die Vereins-Administration und seinen Sportbetrieb, der derzeit nur auf Sparflamme läuft. Die hauptamtlichen Trainer für Ski alpin und Skisprung hat Maurer in Kurzarbeit geschickt. Die missliche Lage treibt ihn um, seine Sorgen sind groß. „Ich hoffe, wir kommen mit einem kleinen blauen Auge davon und müssen keine personellen Konsequenzen ziehen oder den Sportbetrieb kürzen.“

Hygienekonzept sieht drei „Blasen“ vor

Das Hygienekonzept für das Neujahrsskispringen hat in großen Teilen Sabrina Pieri, die Generalsekretärin des Organisationskomitees, ausgearbeitet. Und es kam bei den Behörden, darunter das Gesundheitsamt Garmisch-Partenkirchen, laut SCP-Präsident Michael Maurer „gut an“. Das Stadion ist in mehrere Sektoren und „Blasen“ unterteilt.

Zu „Blase rot“ gehören die Athleten, zu „Blase gelb“ die Medien, zu „Blase blau“ die Helfer und Mitglieder des SC Partenkirchen. Zudem gibt es einen Bereich für Dienstleister. Überall stehen Desinfektionsspender, es müssen Masken getragen und der Mindestabstand eingehalten werden. Für 2000 Euro hat der Verein Corona-Schnelltests erworben und gibt teilweise kostenlos zwei FFP2-Masken pro Person aus. „Wir versuchen, die einzelnen Gruppe so gut wie möglich zu trennen“, sagt Maurer. „Das Stadion ist ohne Zuschauer sehr weitläufig.“

Die Zahl der Medienvertreter, die das zweite Springen der Vierschanzentournee live miterleben wollen, liegt derzeit bei 100. Der Bayerische Rundfunk zum Beispiel hat seine Mitarbeiterzahl dem Vernehmen nach von 40 auf fünf reduziert. In den zurückliegenden Jahren waren es Maurer zufolge mehr als 300, die über die Veranstaltung berichteten. Die Journalisten und Mitarbeiter müssen, um akkreditiert werden zu können, einen negativen Coronatest vorweisen. Gleiches gilt für die Athleten. Sie sind in den Teamhotels in Einzelzimmern untergebracht, um die Kontakte auf ein Mindestmaß zu reduzieren.

Das wäre nur das letzte Mittel, die Ultima Ratio, denn Maurer zufolge hat der Club in den vergangenen Jahren gut hausgehalten und bei den Ausgaben Vorsicht walten lassen. „Ich hatte da ein Auge drauf“, sagt Maurer, der als Club-Chef gilt, der eher defensiv wirtschaftet. „Ich lebe nach dem Motto: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Das bewährt sich nun.“

Skiclubs schauen mit dem Ofenrohr ins Gebirge

Offensiv kann er allerdings auch. Er sieht sich als Veranstalter im Vergleich zu den Verbänden in einer Rolle, die er „ungleich“ nennt. Während Deutscher und Internationaler Ski-Verband, DSV und FIS, die Gelder aus TV-Übertragungs- und Werberechten trotz Corona in vollem Umfang kassieren, schauen die Ski-Clubs der Vierschanzentournee oder des alpinen Ski-Weltcups, die nur das Geld vom Kartenverkauf einstreichen, mit dem Ofenrohr ins Gebirge, befinden sie sich in einer schwachen Position. Ihre Situation ähnelt den Publikumssportarten Handball, Basketball und Eishockey, bei denen der Zuschauer ebenso der größte Sponsor ist. „Das Risiko ist einseitig verteilt und kann nicht nur vom Veranstalter getragen werden. Wir brauchen ein anderes Modell.“ Gespräche mit den Dachorganisationen gab’s Maurer zufolge noch nicht. „Doch sie müssen geführt werden. Wir benötigen in Zukunft eine andere Regelung.“ Die wäre wichtig, denn finanzielle Ausfälle, die auf einer Pandemie gründen, lassen sich nicht mehr absichern. Alle Assekuranzen winken ab. Das hat Maurer erfahren. „Die Oberammergauer Passion hatte noch Glück.“

Alle Hoffnungen, das Defizit zumindest teilweise auszugleichen und um finanziell nicht völlig auf dem Trockenen zu sitzen, ruhen nun auf der Bundesregierung. Maurer und der SC Partenkirchen wollen Staatshilfen in Anspruch nehmen. Derzeit unterstützt der Bund Betriebe, die durch Corona in finanzielle Schieflage geraten mit Finanzmitteln, die sich auf 75 Prozent des Umsatzes der Monate November und Dezember belaufen. Allerdings musste der SCP darum kämpfen, in dieses Programm aufgenommen zu werden. Der Grund: Der zuständige Behörden-Sacharbeiter machte die Partenkirchner darauf aufmerksam, dass das Neujahrsskispringen im Januar stattfindet. „Wir konnten aber klar machen, dass an diesem Tag das meiste schon gelaufen ist“, erzählt Maurer.

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