Loisach Marci aus Garmisch-Partenkirchen

Das Alphorn, das Berge versetzt

  • Stefan Sessler
    vonStefan Sessler
    schließen

Marcel Engler spielt 13 Instrumente – mit dem größten von ihnen sorgt er gerade für Furore. Dergebürtige Garmischer verbindet Alphorn mit Techno. Seine Band Loisach Marci ist aufregend anders – und doch vertraut. Eine Geschichte über die Erfindung eines neuen Heimatsounds.

Garmisch-Partenkirchen - Es roch nach Tabak, Kaiserschmarrn und Würstl, hoch droben in dieser urigen, dunklen Hütte irgendwo im Werdenfelser Land. Den Geruch hat Marcel Engler heute noch in der Nase. Er war damals noch ein Bub, aber auf dieser Hütte hat er es erst mit der Angst zu tun bekommen und dann mit einer Urgewalt. Einer Urgewalt namens Volksmusik.

Dieser eine Abend hat seine Welt verändert. Irgendwie ist er das Fundament und der Anfang von Loisach Marci, dieser eigentümlichen, einzigartigen Band, die neuerdings Alphorn und Techno verbindet. Ja, tatsächlich, kein Scherz. Auf den ersten Blick klingt das wie Schweinsbraten mit Ketchup. Aber das Verrückte ist: Es funktioniert. Aber dazu kommen wir später.

Wir gehen schnell noch mal mit dem kleinen Marcel auf die Hütte, sein Vater, der Generalmusikdirektor von Garmisch, hat ihn damals mitgenommen. Es war dem Buben anfangs gar nicht geheuer, überall Männer in Tracht, Mordstrumm Männer, zumindest aus Kinderaugen. „Wenn da so a Viech auf dich zukommt, zwei auf zwei Meter – das ist eine brutale Erscheinung für so an Bua.“ So erzählt er es heute noch. Aber dann begann plötzlich die Musik. Hackbrett. Zither. Holzlöffel, die aneinanderschlugen. Gesang, ganz leiser Gesang. „Ich habe am ganzen Körper gespürt, dass dieser Moment was Besonderes war“, sagt Marcel Engler. „Das war echt, das war Volksmusik.“ Vielleicht hat ihn in diesem Moment die Muse geküsst, man weiß es nicht, gut möglich ist es zumindest.

Loisach Marci im Herzkasperlzelt auf dem Münchner Oktoberfest: Marcel Engler rappt – und Jens-Peter Abele spielt E-Gitarre. Das Alphorn war bei dem Auftritt natürlich auch dabei, hat aber gerade eine kleine Ruhepause.

Heute, über 30 Jahre später, sitzt Marcel Engler in Lederhose und mit Haferlschuhen und Filzhut in einem orientalischen Imbiss nicht weit entfernt von der Münchner Theresienwiese. Marcel Engler alias Loisach Marci sagt: „Das Alphorn ist ein Urklang – und dieser Urklang trifft dich tief ins Herz. Die Leute kriegen Gänsehaut.“ Kürzlich hatten sie ein Konzert, da stand plötzlich ein junger Mann vor ihm und sagte: „Marci, darf ich dich in den Arm nehmen – das war für mich gerade ein spirituelles Erlebnis.“ So was passiert ihm gerade öfter: Wildfremde Menschen überschütten ihn mit Liebe, weil er und sein Bandkollege Jens-Peter Abele, der E-Gitarre spielt, irgendwas in den Menschen auslösen. Auf der Wiesn haben sie im Herzkasperlzelt gespielt. Es gibt Bilder davon, Videos. Junge, Alte, Trachtler und Hipster tanzen miteinander, als ob sie alle ein Leben lang nur auf diesen Abend gewartet hätten. Dieses Alphorn versetzt offensichtlich Berge, es überwindet Grenzen. Doch leider nicht immer. „Es gibt Leute“, sagt Marcel Engler, „die drehen durch, wenn sie uns sehen. Die sagen: ,I hau dir glei oane auf die Goschn‘.“

Marcel Engler spielt Alphorn – und er rappt auf Bairisch. So hört sich das dann an: „Murnau, Garmisch, Partnachklamm – und dazwischn a scheene Autobahn. Farchant, Ogau, Ammersee – da macht mas für an Touri schee.“ Dazu trägt er Werdenfelser Tracht. Einige, es sind wenige, aber es gibt sie, halten das für Verrat am Brauchtum. Sie halten die Tracht für eine Verkleidung. Aber Engler meint es todernst. Er hat sich wahnsinnig viele Gedanken gemacht und kann minutenlang über Sinn und Zweck von Loisach Marci sprechen. „Ich bin jeden Tag unsicher“, sagt er, „ob das gut ist, was ich mache.“

Manchmal hört sich Loisach Marci wie der Soundtrack eines Westerns an, manchmal wie elektronischer Discosound und manchmal wie ein Besuch beim Werdenfelser Volksmusikantentreffen. Das ist der Trick, das ist der Clou – Loisach Marci ist gleichzeitig vertraut und anders.

Ausflug mit Alphorn: Die beiden Musiker haben einen neuen Sound erschaffen – „angesiedelt irgendwo zwischen bayerischem Landler, HipHop, Blues und Elektrobeat“. So lautet die Selbstbeschreibung von Loisach Marci.

Der Weg zu dieser erstaunlichen Band war weit, aber Marcel Engler hat ihn irgendwie geschafft. Er ist in Garmisch-Partenkirchen geboren und im Schwäbischen aufgewachen, weil seine Mutter aus Stuttgart stammt. Er wäre fast von der Schule geflogen, hat Schreiner gelernt, wollte aber doch nur immer eines machen: Musik. Inzwischen spielt er 13 Instrumente, darunter Klavier, Synthesizer, Kontrabass, Gitarre, Schlagzeug, Mundharmonika, Flöte, Posaune und seit gut zehn Jahren auch Alphorn. Der Kontakt nach Garmisch ist nie abgebrochen, er hat Freunde in der Region, immer wieder spielt er in der Gegend Konzerte.

Jens-Peter Abele, der neben Marcel Engler im Imbiss sitzt, sagt: „Unsere Musik könnte man auch in einem New Yorker Club laufen lassen.“ Abele stammt aus Büsum an der dänischen Grenze, er ist eigentlich Musikproduzent. Er betreut Sänger wie Philipp Poisel oder Max Herre. Doch jetzt steht er mit einem lederhosentragenden, alphornspielenden Exil-Bayern auf der Bühne. Bei Loisach Marci passt auf den ersten Blick vieles nicht zusammen, auf den zweiten allerdings schon.

Engler und Abele hatten bis vor einiger Zeit noch eine große Band bei ihren Auftritten dabei, doch nach und nach haben sie alles reduziert, eingedampft, weil sie irgendwann gemerkt haben: zu zweit ist cooler. Genau das ist der Sound, den sie lange gesucht haben. „Da hat es mir den Zünder rausgehauen“, sagt Marcel Engler, „als ich das zum ersten Mal gehört habe.“

Der Schritt zum Duo war nicht einfach, aber er hat sich gelohnt. Loisach Marci ist inzwischen der offizielle Kulturbotschafter des Landes Bayern, letztes Jahr waren Engler und Abele Markenbotschafter der Zugspitzregion. Sie spielen im Kurhaus Krün genauso wie beim Bardentreffen in Nürnberg, bei angesagten Elektrofestivals, in Zürich, Mexico City oder im Hofbräuhaus in München.

Die Zwei-Mann-Band, man kann es nicht anders sagen, hat gerade einen Lauf. Marcel Engler sagt: „Es kann alles passieren und das ist total geil.“ Und er sagt: „Loisach Marci ist ganz viel Revolution – nicht nur Rebellion.“ Irgendwie ist diese Energie ansteckend. Gut möglich, dass die große Alphorn-Show gerade erst beginnt – und die lange Geschichte der bayerische Volksmusik gerade um ein Kapitel reicher wird.

Die Konzerte

von Loisach Marci in der Region: 19. Oktober im Hofbräuhaus in München, 22. Dezember in der Glockenbachwerkstatt in München.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare