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Reife Marihuana-Pflanzen blühen bei künstlicher Beleuchtung in einem Gewächshaus. Der Angeklagte hatte 120 Gramm im Darknet bestellt (Symbolfoto).

Aus dem Amtsgericht

Marihuana im Darknet bestellt: Ein Jahr und sechs Monate auf Bewährung für 36-Jährigen

Ein Mann (36) ist am Amtsgericht zu einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Er hatte 120 Gramm Marihuana im Darknet bestellt.

Nordlandkreis – Wie ein Drogendealer sieht er wirklich nicht aus. Trotzdem steht der 36-jährige mit türkischer Staatsbürgerschaft aus dem Nordlandkreis am vergangenen Dienstag als Angeklagter vor dem Schöffengericht in Garmisch-Partenkirchen.

Insgesamt 120 Gramm Marihuana soll er im so genannten Darknet 2018 bestellt haben. Eine Sendung mit fast 100 Gramm wurde in einer Postfiliale im münsterländischen Ahaus abgefangen und beschlagnahmt. Absender: unbekannt, Adressat: der Angeklagte. Eine „nicht geringe Menge“, wie Richter Andreas Pfisterer betont. Der Verdacht, dass der Angeklagte nicht nur für den Eigenbedarf bestellt, sondern auch damit gehandelt hat, liege somit nahe.

Bei einer polizeilichen Hausdurchsuchung im Oktober 2018 fanden die Beamten lediglich geringe Mengen des Betäubungsmittels. Ein Chatverlauf auf dem beschlagnahmten Handy des 36-Jährigen wies jedoch eindeutig auf eine weitere Bestellung hin: 20 Gramm zu je neun Euro hat der Mann demnach am 6. Oktober 2018 geordert. Am 8. Oktober kam der Einlieferungsbeleg als Foto. Erdrückende Indizien, die nach einem Geständnis schrien.

Das lässt der Angeklagte dann auch zu Beginn der Verhandlung durch seinen Anwalt abgeben, allerdings nur für die 20 Gramm. Zu der beschlagnahmten 100-Gramm-Sendung wolle er keine Angaben machen.

Er sei kein Dealer, vielmehr ein Schmerzpatient. Im Alter von 20 Jahren habe seine Leidensgeschichte begonnen. Die starken Schmerzen in den Beinen versuchten die Ärzte mit unterschiedlichen Schmerzmitteln zu behandeln. „Nichts hat geholfen. Irgendwann habe ich Blut gespuckt“, berichtet der Angeklagte. Dann habe er Marihuana ausprobiert. Seit dem er 25 Jahre alt ist, konsumiert er die weiche Droge regelmäßig. Sie verschaffe ihm endlich wirksame Linderung.

Nachdem Marihuana erst seit März 2017 legal auf Rezept erhältlich ist, beschaffte er sich die Droge bislang auf illegalem Weg. Unter anderem hatte er sich vier Cannabis-Pflanzen besorgt. Dabei wurde er allerdings erwischt und 2015 zu einer Geldstrafe verurteilt.

Seit Mai 2019 bekomme auch er Rezepte vom Arzt. „Ein Gramm pro Tag, das ich über einen Inhalator einnehme“, sagt er. Durch das ärztlich bestätigte Schmerzsyndrom habe er nicht nur seine Lebensgefährtin, sondern vor zwölf Jahren auch seine Arbeit als Produktionsmitarbeiter in einer Murnauer Autozulieferfirma verloren. Heute lebt er von Hartz IV.

Gerade dieser Umstand verstärkt den Verdacht der Staatsanwaltschaft, dass der Angeklagte nur durch den gewinnbringenden Verkauf eines Teils der erworbenen Drogen seinen Eigenbedarf finanzieren konnte. Nachzuweisen ist es ihm allerdings nicht.

Nach Abschluss der Beweisaufnahme fordert Richter Pfisterer den Angeklagten auf, noch einmal in sich zu gehen, ob er nicht doch etwas zu dem abgefangenen 100-Gramm-Paket sagen wolle. Ein Schweigen könne sich vielleicht negativ auf das Urteil auswirken. Das zeigt Wirkung. Die Verhandlung wird unterbrochen. Man bespricht sich. Es kommt zu einem Deal mit der Staatsanwältin.

Schließlich räumt der Angeklagte ein, tatsächlich der Besteller der 100 Gramm Marihuana gewesen zu sein.

Eine Besinnung mit strafmildernden Auswirkungen. Ein Jahr und sechs Monate auf drei Jahre Bewährung lautet das Urteil, mit dem der Richter der Forderung der Staatsanwältin vollumfänglich folgt. Dass er Marihuana zu medizinischen Zwecken konsumiert, daran bestehe kein Zweifel, betont der Richter abschließend. Einen illegalen Handel könne man ihm nicht nachweisen. Daher sei das Strafmaß im unteren Bereich angesiedelt. Zudem schätze er die Sozialprognosen positiv ein.

„Ich möchte wieder arbeiten, zumindest halbtags“, erklärt der Verurteilte. 30 Kilo habe er in den letzten Monaten abgenommen – eine Folge von Cannabis auf Rezept. Er könne sich durch das ersparte Geld wieder gesünder ernähren und sei inzwischen deutlich leistungsfähiger.

Thomas Karsch

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