Zwei Tourengeher, ein Mann und eine Frau, gehen nebeneinander, neben ihnen zwei Fußgänger, einer davor trägt die Ski auf dem Rücken.
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Ein Sport, der boomt, nicht nur wegen Corona: 2013 zählte die BZB 12 000 Tourengeher in der gesamten Saison. Mittlerweile sind es 25 000 pro Monat im Skigebiet von Garmisch-Partenkirchen.

Diskussion um Umgang mit Pistengehern in Garmisch-Partenkirchen

25 000 Tourengeher pro Monat: Verein fordert neue Routen, Zugspitzbahn hat Skifahrer im Fokus

  • Katharina Bromberger
    vonKatharina Bromberger
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Das Tourengehen boomt. In diesem Winter ohne Skibetrieb mehr denn je. Das stellt Skigebietsbetreiber vor große Herausforderungen, wie die Diskusssion in Garmisch-Partenkirchen zeigt.

Garmisch-Partenkirchen – Das zu hören, könnte die beiden Parteien überraschen. Doch sind sich die Bayerische Zugspitzbahn und die Vorsitzenden des Vereins der Skitourensportler in einem Punkt durchaus einig: Skitourengeher auf Garmisch-Partenkirchens Pisten werden immer mehr. Und ja: Mit diesem Thema muss man sich auseinandersetzen. Das war’s dann mit der Einigkeit.

Die Skitourensportler werfen der Zugspitzbahn (BZB) mangelnde Kooperation und Untätigkeit vor, dabei hätten sie nach eigener Auffassung konstruktive Lösungsvorschläge. Genau diese aber sieht die BZB nicht – und erinnert an ihre Kernzielgruppe: abfahrende, nicht aufsteigende Wintersportler.

Verein der Skitourensportler in Garmisch-Partenkirchen: „Es ist 20 nach 12“

Dr. Gerhard Steinberg und Christian Pritzl sind vorbereitet. Sie haben Unterlagen dabei. Auch E-Mails, die die Vereins-Vorsitzenden der BZB geschrieben und in denen sie um Gespräche gebeten hatten. Die nie zustande kamen. Bereits früh im Corona-Winter habe man sich – nicht zum ersten Mal – an die BZB gewandt, nachdem „da eine große Welle auf unser Skigebiet zurollt“, sagte Steinberg damals. Die kam. „Es ist 20 nach 12.“ Man müsse sich des Themas endlich annehmen.

Definitiv. Sagt Marketing- und Vertriebsleiter Klaus Schanda für die Zugspitzbahn. Genau das habe man getan. Wie der Verein glaubt das Unternehmen, dass die Zahl an Tourengehern steigt. Man sei an einer ganzheitlichen Lösung interessiert. Doch genau dieser Ansatz fehlt Schanda. „Ernst zu nehmende, konstruktive Ideen“, die auch das Kapazitäts- und Parkplatzproblem integrieren, wurden nicht vorgetragen.“ Vielmehr spricht er von „losem Gedankengut“ und Einzelinteressen, die der Gesamtsituation nicht gerecht werden.

Zugspitzbahn: Neue Augstiegsroute allein löst Problem nicht - Platzfrage entscheidend

Keine konstruktiven Ideen – bei dem Vorwurf reißt Steinberg die Hutschnur. Auf zwei Karten hat er jeweils gelb eine Aufstiegsroute markiert. Zwei neue Wege, einmal vom Hausberg – zusätzlich zur bestehenden –, einmal vom Kreuzeckparkplatz aus. Genau hat er sich das überlegt. Die Routen hat er jeweils so gewählt, dass die Tourengeher enge, steile Stellen nicht auf der Piste marschieren, an breiteren Abschnitten schlägt er einen Streifen am Rand für Pistengeher vor. Zum Teil führen die Wege über Privatgrund, auch Investitionen wären nötig. Pritzl betont, man sei sich der Schwierigkeiten bewusst. Für Steinberg keine Hinderungsgründe. „Es geht, wenn man will.“ Doch die BZB wolle ja nicht.

Eine neue Aufstiegsroute allein löst das Problem nicht, stellt Schanda klar. Zentral ist für die BZB die Frage nach dem Platz. Sei es auf den Pisten oder den Parkplätzen. Und der reiche nicht aus, um immer mehr Angebote und Anreize zu schaffen. Hinzu kommt der Stau bei der Anreise. In diesen Punkten sieht das Unternehmen die größte Herausforderung. „Im Skigebiet Garmisch-Classic ist die Kapazitäts-Obergrenze erreicht“, sagt Schanda – und liefert Zahlen, die den viel zitierten Boom und Ansturm veranschaulichen.

2013 waren es noch 12.000 Pistengeher pro Saison,

2019/2020 zählte die BZB rund 25 000 Pistengeher – in der ganzen Saison. Im Winter 2020/21 sind es wieder rund 25 000 Pistengeher – pro Monat. Für 2013 nennt die BZB 12 000 Pistengeher pro Saison. Es war ein einschneidendes Jahr im Streit Skitourensportler gegen Liftbetreiber. Gerichte hatte er beschäftigt. Am Ende stand das Urteil: Pauschale Pistensperrungen sind unzulässig, es gilt das freie Betretungsrecht der Natur. Ausnahmen bilden Präparierungszeiten. Bis heute feiern die Skitourensportler den Erfolg. Zwischenzeitlich überlegten sie, ob sie den Verein nicht auflösen sollten. Sie entschieden sich dagegen. Pritzl, Steinberg und Co. ahnten: Es werden Diskussionen kommen, in denen Skitourensportler eine Stimme brauchen. Sie sehen sich bestätigt.

In dem BR-Beitrag „Skilifte zu, Berge in Ruh?“ wird die Problematik aufgegriffen. Die beiden Garmisch-Partenkirchner sparen darin nicht mit Kritik an der BZB. Tenor: Das Unternehmen will die Pistengeher nicht haben. Die 15 Euro Parkgebühren, die in diesem Winter eingeführt wurden, empfinden Pritzl und Steinberg als Versuch der „Abschreckung“, wie sie im Tagblatt-Gespräch erklären. Weniger als den Versuch der BZB, damit die Kosten für die Infrastruktur mit geräumten Parkflächen und geöffneten Toiletten zu decken.

Zugspitzbahn: „Unsere Kernzielgruppe bleibt der Alpin-Skifahrer“

Als „schade“ empfindet es Schanda, dass Pritzl und Steinberg übersehen, wie schnell die BZB in diesem Ausnahme-Winter gehandelt hat. Ein Beispiel: Die Parkplätze blieben geöffnet, anstatt sie wie anderswo abzusperren. Zudem hebt er die bestehenden Angebote für die Pistengeher hervor: die Aufstiegsspur vom Hausberg bis zum Kreuzeck, ein Sonder-Ticket für Pistengeher, die vom Bernadeinlift zum Stuiben wollen, zudem zwei Tourenabende pro Woche. Zugleich aber stellt Schanda klar: Nicht allen Bedürfnissen kann die BZB gerecht werden, nicht alle Einzelinteressen bedienen. Und: „Unsere Kernzielgruppe bleibt der Alpin-Skifahrer.“ Er wird grundsätzlich: Ein Ort wie Garmisch-Partenkirchen müsse sich überlegen, welche Ausrichtung er wünscht. Ein Ort, der sich aktuell mit einer Bewerbung für die alpine Ski-WM 2027 beschäftigt.

Steinberg versteht dennoch nicht, weshalb sich die BZB einem Gespräch verweigert. „Sie hat keine Lust, den Dialog zu suchen.“ Stimmt nicht, heißt es seitens der BZB. Wie die Gemeinde verweist sie zwar auf die richtigen Prioritäten. In Zeiten geschlossener Lifte und nicht absehbarer wirtschaftlicher Folgen für BZB und den Ort liegen diese aktuell woanders. Dennoch: „Wir stehen einem Gespräch mit konstruktiven Vorschlägen jederzeit offen gegenüber“, sagt Schanda ebenso wie Bürgermeisterin Elisabeth Koch. „Wir wollen konstruktive Vorschläge für den sicheren Aufstieg machen“, sagt Pritzl. Immerhin noch ein Punkt, in dem man sich einig ist.

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