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Freunde mit einer Passion: (v. l.) die zwei Südakfrikaner Charan Moore und Wade Blauw, Christof Lischka sowie Graham McLachlan, zweimaliger Südafrika-Champion

In Lesotho warten drei Tage Quälerei

Christof Lischka startet bei einem der härtesten Enduro-Rennen der Welt

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Es wird schlimm. Das weiß Christof Lischka. Ab Donnerstag, 6. Dezember, startet der Garmisch-Partenkirchner in Lesotho bei einem der schwierigsten Enduro-Rennen der Welt. Stundenlang wird er mit sich und der Quälerei alleine sein. Fast alleine. Ein besonderer Passagier hilft ihm durchzuhalten.

Training: Christof Lischka in Südafrika – das Terrain im Rennen wird anspruchsvoller. Auf seiner Maschine hat er bereits die Startplakette mit den Initialen montiert.

Maseru– Wann hört das auf? Wann hört das endlich auf? Die Frage schreit Christof Lischka an. Fordert eine Antwort. Er kennt sie: Gar nicht. Es wird nicht aufhören. Drei Tage lang nicht. Die nächste Frage, die zu laut brüllt, um sie zu ignorieren: Warum um Gottes willen tust Du Dir das an? In diesem Moment hat Lischka keine Ahnung.

Zum dritten Mal nimmt der Garmisch-Partenkirchner an der „Roof of Africa“ teil, einem der härtesten Motorrad-Offroad-Rennen der Welt. Zudem ist sie die Mutter dieser Enduro-Wettbewerbe (siehe unten). Heute fällt der Startschuss. 2001 fuhr Lischka schon mit. Nie wieder. Das hat er sich damals nach der endlosen Quälerei geschworen.

Mental und körperlich am Ende

Tag drei. Noch fehlen etwa 50 Kilometer bis zum Ziel. Zu weit, um es in der vorgegebenen Zeit zu schaffen. Dann auch noch der Sturz. Da sitzt Lischka neben seiner Maschine in der Bilderbuch-Landschaft von Lesotho – und weint. Ein paar Schrammen hat er sich zugezogen, blaue Flecken. Am Unterarm blutet er, später wird der Riss mit ein paar Stichen genäht. Lischka spürt nichts davon. Die Tränen laufen ihm übers Gesicht, weil er „vollkommen fertig“ ist. Mental. Körperlich. Am Ende. Bei diesem Rennen, sagt Lischka, „gehst du an die Grenze des Ertragbaren“. Vielleicht, überlegt er, geht man sogar darüber hinaus.

Ein Video lässt erahnen, was der 47-Jährige meint. Männer schieben, tragen, ziehen und zerren ihre Geländemaschinen über Geröll und Felsen, balancieren sie über schmale Pfade. Zum Beispiel über den Pass Baboons. Zwei Stunden können da für 20 Kilometer schon vergehen. Und dann, sagt Lischka, beginnt der Kopf zu arbeiten. Der Athlet weiß, was noch vor ihm liegt. Weitere Pässe, wieder Geröll, möglicherweise Schlamm und Bäche, die zu reißenden Flüssen werden. Technisch extrem – das Wort nutzt Lischka oft, wenn er die Strecke beschreibt – anspruchsvolles Gelände. Volle Konzentration. Ohne Pause. Kaum eine Passage gibt es, in der man einfach nur so dahinfahren, die „wunderschöne Landschaft“ genießen kann. „Eine üble Schinderei.“

Nicht mal die Hälfte der Starter kommt durch

Gescheitert hin oder her: Die wollte er sich nicht mehr antun. Ein Freund aber überredete ihn: noch ein Versuch, eine Revanche. Er müsse sich die „Finisher Badge“ der Roof of Africa holen – „die ich seitdem mit stolz geschwellter Brust zeige“. Lischka lächelt. Ein Aufschneider? Kein bisschen. Aber er kam 2003 ins Ziel und hat damit etwas geschafft, was pro Rennen nur wenigen gelingt – im Schnitt kommen nur etwa 30 Prozent von rund 400 Startern durch, in einem Jahr waren es nur sechs. Damit war dieses Enduro-Rennen für ihn erledigt.

Wieder kam ein Freund dazwischen, ein südafrikanischer Top-Fahrer. 2003 war er ausgeschieden. Bei einem von Lischkas vielen Besuchen, bei einem von ein paar Bieren am Abend entstand der Gedanke: Gemeinsam im Ziel zu stehen, das wär’s.

„Ich bin so fit wie seit 15 Jahren nicht mehr“

Lischka fing an zu trainieren. Fitnessstudio, Mountainbiken, Berglauf. Mindestens fünfmal die Woche. Im Juni buchte er seinen Flug. „Ich bin so fit wie seit 15 Jahren nicht mehr“, sagt er. Zwölf Kilo hat er abgenommen, kommt auf 88 Kilogramm bei einer Größe von 1,93 Metern. Außerdem ernährt er sich gesünder. Heißt: „Es hat nicht mehr alles vorher gelebt, was ich jetzt esse.“ Zum Fleisch verirrt sich tatsächlich mal ein bisschen Gemüse aufs Teller. Allein deshalb habe sich die Anmeldung gelohnt. Und wegen der Emotionen.

Immer wieder passieren die Fahrer ein Dorf. Vor den wenigen Hütten warten jubelnde Männer, Frauen, Kinder. Deren Begeisterung berührt Lischka. Sie ist aber auch eine Herausforderung.

Bislang war die Strecke beschildert – perfekt für die Buben und Mädchen. Sie drehten die Wegweiser um, damit die Athleten noch einmal bei ihnen vorbeifuhren. In diesem Jahr fehlen die Pfeile und Fähnchen: Jeder Starter sucht sich den Weg über GPS-Gerät selbst.

Der Plüsch-Elefant passt auf Lischka auf

Unterwegs ist Lischka auf sich gestellt. Hat er in der Pampa eine Panne oder stürzt er, wartet er, bis ein anderer Teilnehmer vorbeikommt und beim nächsten Kontrollposten Hilfe holt. Die kommt meist aus der Luft. Schwere Verletzungen aber seien selten. Auf kaum einer Passage kann man Gas geben. Für Notfälle hat Lischka Werkzeug und ein Erste-Hilfe-Set dabei. Alles in minimalistischer Ausführung. „Gepäck kann ich nicht gebrauchen.“ Zusätzliches Gewicht bleibt daheim. Ein Passagier aber fährt mit, ein Elefant.

35 Kuscheltiere hat Sohn Luis, den kleinen Begleiter mit den großen Ohren wählte der Elfjährige, auch Motocrossfahrer, aus. „Der ist Südafrikaner“, hat er seinem Papa erklärt. „Der bringt Glück.“

Das Rennen „Roof of Africa“ 

Seinen Ursprung hat die „Roof of Africa“ in Lesotho 1967. Damals wandte sich der Straßenbauingenieur Bob Phillips an den Sports Car Club Johannesburg. Er will ein Rennen organisieren – über eine der schlechtesten und gefährlichsten Straßen überhaupt. Er habe sie gerade gebaut. Sie wird zur Rennstrecke. Schnell spricht sich die „Roof of Africa“ herum. 1969 werden Motorräder zugelassen, sie starten in einer eigenen Kategorie. 2000 ziehen sich die Autorennställe zurück. Längst gilt das Rennen, die Wiege aller Wettbewerbe dieser Art, als eines der spektakulärsten und schwierigsten Motorrad-Offroadrennen der Welt. Jedes Jahr starten etwa 400 Athleten aus aller Welt, darunter die Besten der Besten. In drei Tagen bewältigen sie je nach Level bis zu 450 Kilometer. Der Startschuss fällt am Donnerstag, 6. Dezember, um 6 Uhr morgens, bis 18 Uhr müssen die Teilnehmer das Ziel erreichen. Tag eins beginnt mit einem Sprintrennen durch Lesothos Hauptstadt Maseru, danach geht es in die Berge – wie auch an den Tagen zwei und drei. Zwischen 1500 und 3000 Meter hoch liegt die Strecke im Königreich Lesotho, einer Enklave in der Republik Südafrika.
Weitere Infos gibt es unter www.roofofafrica.info

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