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Der betroffene Komplex besteht zum größeren Teil aus dem FFH-Gebiet „Wettersteingebirge“ (rot), dessen Grenzen fast deckungsgleich mit denen des blau-markierten SPA-Gebiets „NSG Schachen und Reintal“ – dieses ist grün gekennzeichnet – verlaufen. 

Lebensräume und Arten werden nun erfasst und bewertet

Natura 2000: Skepsis vor weiterem Schutz

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Jetzt wird’s ernst: Im Zuge von Natura 2000 kommen Pflanzen- und Tierarten sowie deren Lebensräume im Wettersteingebirge bis 2019 unter die Lupe – mit dem Ziel, sie dauerhaft zu erhalten. Ein Vorhaben, das auch Bedenken hervorruft.

Landkreis – Anton Speer kämpft wie ein Löwe. Für einen Naturpark Ammergauer Alpen und den Titel Unesco-Welterbe. Die Krallen aber fährt Garmisch-Partenkirchens Landrat (Freie Wähler) nur aus, wenn es darum geht, einen Nationalpark Ammergebirge zu verhindern. Zahmer gibt er sich bei einem anderen Vorhaben, gegen das er ohnehin nichts ausrichten kann: den Aufbau des europäischen Biotopverbundnetzes. Der Name: Natura 2000. Ziel ist ein länderübergreifender Schutz gefährdeter wildlebender heimischer Pflanzen- und Tierarten und ihrer natürlichen Lebensräume. Das EU-Projekt startet nun in eine wichtige Phase. Bis 2019 werden die sogenannten Management-Pläne für das Fauna-Flora-Habitat-Gebiet (FFH) „Wettersteingebirge“ und das Vogelschutzgebiet „Schachen und Reintal“ erstellt.

Dass Speer vor Euphorie nicht gerade überschäumt, konnte er bei der Auftaktveranstaltung, zu der die Regierung von Oberbayern als Höhere Naturschutzbehörde mit der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamts lud, kaum verbergen. Er, der selbst als Nebenerwerbslandwirt tätig ist, genießt solche Projekte erst einmal mit Vorsicht. Aus Erfahrung. Denn zusätzlicher Schutz bedeutete in der Vergangenheit oft Einschränkungen. „Wir sind Jahrzehnte lang ohne FFH-Pläne ausgekommen“, sagte er in Richtung der Vertreter verschiedener Grundeigentümer, Verbände und Gemeinden. Aber, das schob er nach, „die Management-Pläne sind eine Pflichtaufgabe, die wir hinter uns bringen müssen“. Begeisterung klingt anders.

Die Absichten erklären und somit Vorurteile ausräumen, darum ging es in erster Linie bei dem Treffen. „Das ist kein neuer Naturschutz“, erläuterte Regierungsdirektor Thomas Eberherr, der als Teamleiter von Natura 2000 fungiert. Vielmehr handelt es sich um Flächen, die mit dem Status schon versehen sind. Aber man „schaut, wie man sie erhalten und verbessern kann“. Das gelte auch für die Kulturlandschaft. Großen Wert legt die Regierung deshalb auf ein Miteinander. „Das soll ein Gemeinschaftswerk werden“, betonte Eberherr explizit.

Weiderechte müssen berücksichtigt werden

In den kommenden zwei Jahren werden nun die Lebensräume und Arten in dem 11 300 Hektar großen und laut Eberherr „vielfältigsten Gebiet in Oberbayern“ erfasst, bewertet und Verbesserungsvorschläge formuliert. Die Zuständigen kartieren direkt vor Ort oder per Fernerkundung, also mit Hilfe von Satelitenbildern. Ein ehrgeiziges Ziel angesichts der Zeitspanne.

Die Grundstückseigentümer und Nutzer interessieren sich allerdings viel mehr dafür, wie sich Natura 2000 auf Beweidung und Bewirtschaftung ihrer Flächen auswirkt. Auf weitere Einschränkungen und Verbote reagieren sie in der Regel allergisch. Doch Ulrich Müller von der Oberen Naturschutzbehörde gab Entwarnung. Zum einen, weil der Management-Plan im Gegensatz zu den Behörden für sie nur Hinweischarakter hat und damit nicht rechtsverbindlich ist. Zum anderen sei bei der Nutzung allein das sogenannte Verschlechterungsgebot maßgeblich. Heißt konkret: Freiwilligkeit statt Zwang. „Man muss nichts, darf aber nicht alles“, erklärte der Experte.

So die Theorie. Doch Försterin Simone Herrmann, die das Revier in Grainau betreut, machte auf eine Besonderheit aufmerksam: die Weiderechte. Eine „komplizierte Rechtsmaterie, die oft nicht so leicht ist, wie sie sich anhört.“ Denn das Forstamt zum Beispiel „kann nichts machen, wenn die Weiderechtler das nicht zulassen“. Dem konnte Richard Baur, Stellvertretender Leiter des Forstbetriebs Oberammergau, nur beipflichten. Er appellierte an die Regierungsvertreter, diese Thematik entsprechend zu berücksichtigen.

Gesprächsbereitschaft und Transparenz wichtig

Ein anderes Anliegen brannte Walter Echter unter den Nägeln. Partenkirchens Revierleiter pocht auf Transparenz, will wissen, wie sich die Abläufe gestalten. Für ihn eine Selbstverständlichkeit. Ebenso sah das Josef Glatz. Um ein Miteinander zu gewährleisten, muss ihm zufolge die Kommunikation stimmen. Der Vorsitzende der Weidegenossenschaft Garmisch und Bezirksalmbauer fordert kurze Benachrichtigungen über aktuelle Zwischenstände ein, denn ein weiteres Treffen ist in den kommenden zwei Jahren nicht geplant, wie Eberherr verdeutlichte. Trotzdem sollen die direkt Betroffenen nicht außen vor gelassen werden. Für Glatz wäre das inakzeptabel. Der Nutzer dürfe nicht am Ende der Informationskette stehen. Ansonsten kann es passieren, dass er wie Landrat Speer seine Krallen ausfährt.

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