Düstere Gedanken: Durch die Corona-Pandemie sind viele Präventivprojekte und Hilfsangebote zum Stillstand gekommen.
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Düstere Gedanken: Durch die Corona-Pandemie sind viele Präventivprojekte und Hilfsangebote zum Stillstand gekommen.

Corona verschlimmert Situation zusätzlich

Nach Suizid von Mädchen (13): Schüler fordern mehr Aufklärung - Petition an Staatsregierung

  • Josef Hornsteiner
    vonJosef Hornsteiner
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Ein 13-jähriges Mädchen hat sich das Leben genommen. Suizid gilt als Tabuthema, ist aber, auch wegen Corona, aktueller denn je. Welche Präventivmaßnahmen gibt es?

Landkreis – Als Luca Zug, 18 Jahre jung, dem Bildungsausschuss des Landtags die Zahlen präsentiert, ist es still im Saal. Über 42 500 Unterschriften hat der Abiturient aus Taufkirchen mit 17 Mitschülern gesammelt. Die Gruppe fordert, dass die Aufklärung über Depressionen, Angststörungen und andere psychische Erkrankungen endlich in den Lehrplan der bayerischen Schulen aufgenommen werden soll - und damit auch das Tabuthema Suizid. Die Petition hat der Ausschuss einstimmig angenommen, sogar „mit Würdigung“ an die Staatsregierung überwiesen. Das ist selten und bedeutet, dass sich die große Politik nun eingehend mit dem Thema beschäftigen muss.

Suizid nicht totschweigen: Nach Tod von Schülerin - Jugendliche fordern Aufklärung

Das war 2019. Seitdem befasst sich die höchste Führungsebene mit dem heiklen Thema. Für Dr. Frank Beer, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Klinik Hochried bei Murnau, ein längst überfälliger Schritt. Er kann nicht verstehen, warum erst Schüler handeln mussten, damit die Ministerien reagieren. Denn so gut wie jedem Suizid gehen psychische Krankheiten voraus, weiß der Arzt. Selbstmord ist bei Minderjährigen nach Unfällen die häufigste Todesursache. Bereits in erschreckend jungem Alter gibt es Fälle. Das jüngste ihm bekannte Suizidopfer war gerade einmal zehn Jahre alt.

Suizidgedanken: 40 Prozent aller Kinder betroffen - Tabuthema nach wie vor

Aktuell macht erneut die Selbsttötung eines jungen Mädchens im Landkreis fassungslos. Eine 13-jährige Schülerin hat sich erhängt. Es gab Probleme, das war bekannt. Doch kam der Selbstmord dennoch völlig überraschend. An ihrer Bildungseinrichtung gab es eine Gedenkminute. Die Schulfamilie steht unter Schock.

Selbstmord ist in der Gesellschaft nach wie vor ein Tabuthema. Selbstmord von Kindern erst recht. Eltern fällt es schwer darüber zu sprechen oder sie erkennen nicht rechtzeitig die Anzeichen, weiß Beer. Die Aufklärung bei Erziehungsberechtigten sei bei Weitem noch nicht fortgeschritten genug, auch wenn es bereits Erfolge gibt. „Die Situation ist nicht mehr mit jener aus den 1980er Jahren zu vergleichen.“ Gab es damals noch über 20 000 Suizidfälle in Deutschland (Minderjährige und Erwachsene), hat sich diese Zahl mittlerweile fast halbiert. Zwischen 2014 und 2017 haben sich in Bayern 100 Kinder und Jugendliche das Leben genommen. 59 Buben, 41 Mädchen. 27 davon in Oberbayern. Eine Studie hat ergeben, dass fast 40 Prozent der Schüler bereits Suizidgedanken hatten. 9 Prozent haben mindestens einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Jedes Todesopfer ist eines zu viel, weiß der Mediziner.

Dr. Frank Beer ist Chefarzt in der Murnauer Klinik Hochried.

Doch sieht er eine positive Entwicklung: „Immer mehr Kinder und Jugendliche lassen sich rechtzeitig behandeln.“ Was aber nicht daran liegt, dass es mehr psychisch Erkrankte gibt. Die Gesellschaft öffne sich dem Thema langsam. „Minderjährige und ihre Eltern nehmen das Angebot von Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendpsychiatrien einfach mehr wahr, wenngleich die Wartezeiten immer noch viel zu lang sind.“

Suizidprävention bei Kindern: Petition hat Situation leicht verbessert - doch es gibt viel zu tun

Nach der Petition 2019 hat sich zumindest ein wenig getan. Die Politik hat ein zehn-Punkte-Programm ins Leben gerufen. Es beinhaltet eine alters- und entwicklungsgerechte Aufklärung, schulpsychologische Beratungsangebote wie auch die Vermittlung außerschulischer Ansprech- und Beratungsstellen. Eine besondere Rolle spielen die Lehrer. Sie sollten im Unterricht rechtzeitig erkennen, wenn sich Schüler an den Bildungseinrichtungen des Landkreises auffällig verhalten, um das dem Jugendsozialarbeiter oder Schulpsychologen weiterleiten zu können. Diese sind bekanntlich in den vergangenen Jahren aufgestockt worden, wie beispielsweise an der Grund- und Mittelschule Mittenwald. Doch nach wie vor sind viele Stellen offen, werden händeringend gesucht.

Depressionen bei Kindern und Jugendlichen: Auch Eltern müssen aktiv werden

Doch Lehrkräfte und Sozialarbeiter alleine vermögen auch nur bedingt einzugreifen. Letztlich liegt es an den Eltern. „Wenn das Kind sich verändert, sich zurückzieht, sich verschließt oder die Stimmung schlechter wird, sollte man sich Hilfe holen“, sagt Beer. Doch sind die Kinder- und Jugendpsychiatrien aktuell überlastet. Der Corona-Lockdown hat seine Spuren hinterlassen.

Schulen sprechen mittlerweile öfter über das Tabuthema Suizid. Beer hält am Staffelsee-Gymnasium ehrenamtlich Vorträge über psychische Krankheiten und Suizidprävention. Doch ist die Murnauer Bildungseinrichtung bislang eine der wenigen, die dieses kostenfreie und wichtige Angebot wahrnimmt. „Es ist Luft nach oben“, sagt der Mediziner.

Aufklärung ist nach wie vor bitter nötig. 20 Prozent aller 18-Jährigen gaben an, mindestens einmal in ihrem jungen Leben an Depressionen gelitten zu haben. Das ist jeder fünfte Schüler. Doch ist die Krankheit nicht automatisch der alleinige Auslöser für Selbstmord. Die Gründe sind mannigfaltig und hochkomplex. Meist ist es ein Zusammenspiel verschiedenster Einflüsse. Die Arbeit mit Heranwachsenden ist schwieriger, als bei Erwachsenen. Sie seien weniger berechenbar, meint Beer. Wie im Fall der 13-Jährigen.

Suizidgedanken und Depressionen: Kinder und Jugendliche schneller überfordert

Doch oft kommen die Kinder nicht selbst darauf, sich das Leben zu nehmen. Der Hang zur Selbsttötung ist nachweislich genetisch vererbbar. Wenn die Eltern bereits psychische Leiden haben, sind ihre Kinder oft selbst betroffen. Mobbing, Ausgrenzung oder sexueller Missbrauch verschärfen die Probleme massiv. Auch Drogen spielen eine Rolle. Alkohol nimmt die Hemmschwelle. „Kinder und Jugendliche sind oft mit der Gesamtsituation überfordert“, sagt Beer. Sie wollen sich vielleicht gar nicht umbringen. „Sie fügen sich selbst Schmerzen zu, ritzen sich die Haut auf, strangulieren sich aus teils diffusen Motiven, um sich selbst zu spüren oder als Hilfeschrei.“ Dann könne im schlimmsten Fall im Affekt eine Selbsttötung „sozusagen einfach passieren“.

Was auch immer letztlich junge Heranwachsende den Lebenswillen nimmt, es gibt Hilfe. Nicht zuletzt, weil die Politik sich dem heiklen Thema immer mehr annimmt. Doch muss noch viel mehr darüber gesprochen werden.

HILFE BEI SUIZIDGEFAHR

Wer Hilfe sucht, kann sich an die Telefonseelsorge wenden. Im Akutfall unter Telefon: 08 00/1 11 01 11 oder 08 00/1 11 02 22 oder 11 61 23. Im Chat oder per Mail unter online.telefonseelsorge.de. Zudem gibt es einen psychiatrischen Krisendienst in Bayern unter Telefon: 08 00/6 55 30 00. Die ARCHE ist ein Verein für Suizidprävention und Lebenshilfe für München und außerhalb. Der Verein ist telefonisch unter 089/33 40 41 zu erreichen. Wer akute Fälle von Suizidversuchen beobachtet, soll umgehend die Notrufnummer 112 wählen. Ein Ansprechpartner für innerfamiliäre Probleme ist auch jederzeit das Amt für Kinder, Jugend und Familie (08821/751-256) in Garmisch-Partenkirchen.

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