Ein Bild des Schreckens: Der Blick aus Nominikats Wohnung auf die Unglücksstätte. Bevor sie aus der Wohnung flieht, macht sie noch dieses Foto.
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Ein Bild des Schreckens: Der Blick aus Nominikats Wohnung auf die Unglücksstätte. Bevor sie aus der Wohnung flieht, macht sie noch dieses Foto.

SERIE ZUM 20. JAHRESTAG DER TERRORANSCHLÄGE

9/11-Anschläge: Garmisch-Partenkirchnerin war im Nebengebäude, als die Türme fielen

  • Josef Hornsteiner
    VonJosef Hornsteiner
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Der 11. September 2001 veränderte die Welt. Islamistische Terroristen entführten vier Flugzeuge und steuerten drei davon in die Türme des World Trade Centers in New York sowie ins Pentagon in Washington. Menschen aus dem Landkreis erzählen 20 Jahre danach ihre Erlebnisse. Die Geschichte von Elke Nominikat ist die fünfte und letzte der 9/11-Tagblatt-Serie. Die Garmisch-Partenkirchnerin befand sich im Nebengebäude, als das World Trade Center vor aller Welt fiel.

Garmisch-Partenkirchen/New York – Oliver Bouchard steht am Fenster. Er staunt: „Da fliegt ein Flugzeug den Broadway entlang.“ Besorgt klingt er noch nicht. „Keine Ahnung, ob das normal ist, dass es so tief fliegt?“ Elke Nominikat steht ein paar Meter weiter in der Küche. Sie schnippelt gerade Tomaten für die Sandwiches, die ihr Mann ins Büro mitnehmen soll. „Ist der Pilot betrunken?“ Noch ehe sie ihren Mann erreicht, bebt der Boden. Dann ein Donner. Ein derart lautes und seltsames Geräusch hat Nominikat noch nie gehört. Das gesamte Hochhaus vibriert. Die Gläser klirren in den Schränken. Man hört Alarmanlagen von Autos. Sie rennt ans Fenster. Sieht das Loch im Nordturm des benachbarten World Trade Centers. „Das kann doch nicht wahr sein“, flüstert sie.

An jede einzelne Sekunde dieses 11. September 2001 erinnert sich Nominikat noch. Die Garmisch-Partenkirchnerin war im April des Jahres 2001 mit ihrem Mann Oliver nach New York ausgewandert. Mit lediglich zwei Koffern. Ohne Job, ohne Ersparnisse starteten die beiden in das Abenteuer. „Wir wollten uns verändern“, sagt sie heute. Ein schwieriges Unterfangen.

Elke Nominikat zog am 4. September in die neue Wohnung am World Trade Center ein

Am 4. September, eine Woche vor der Katastrophe, haben sie ihr neues Appartement in Downtown Manhattan bezogen. Nur zwei Blocks vom World Trade Center entfernt. Aus dem Fenster sah sie die Türme jeden Tag. Am 9. September besuchten sie den Komplex sogar noch, schossen jede Menge Erinnerungsfotos. Am 11. September sind schließlich die 20 Umzugskisten mit dem Schiff in New York angekommen.

Nominikat war tief beeindruckt vom World Trade Center. „Sie sahen so schön aus, die Türme, in der Nacht zuvor“, erinnert sie sich. „Wie die Lichter der Büros funkelten.“ Am Schicksalstag selbst half sie um kurz vor 8 Uhr morgens ihrem Mann, sich auf einen Berufstermin vorzubereiten. Bouchard arbeitete zu dieser Zeit an der Wall-Street, zehn Minuten von der Wohnung entfernt. Zuvor war ihr Weg in die City dreimal so weit gewesen.

Zwei Tage vor den Anschlägen sitzt Elke Nominikat noch vor dem World Trade Center. 

Gegen 8.45 Uhr verändert sich alles. Jetzt starren beide aus dem offenen Fenster. Die Sirenen heulen rundherum. „Ein Versehen ist das nicht“, habe ihr Mann sofort gesagt. Internet oder Fernsehen hatte das Paar damals noch nicht in der Wohnung. So ist ihnen das Ausmaß noch gar nicht klar. Bouchard fasst den Plan, am besten schon mal in Richtung Wall Street aufzubrechen. Seine Frau hat Angst. „Ich bleibe hier nicht allein, ich komme mit“, sagt sie ihm. Sie schnappt sich das Laptop und eilig ein paar kleine Dinge. Sie schließt das Fenster, wirft die Tür ins Schloss. Beide rennen den Gang entlang zum Aufzug. Geistesabwesend drücken sie den Fahrstuhlknopf. Sie sind im 18. Stock. Noch funktioniert der Lift. Erst später werden die Anlagen in allen Hochhäusern Downtowns abgeschaltet.

Panik bricht aus - In der Stadt herrscht Chaos

Auf der Straße herrscht Chaos. Feuerwehr, Polizei, Krankenwagen – im Sekundentakt rasen Einsatzkräfte in Richtung World Trade Center. Menschen verrenken sich die Hälse, um einen Blick auf die Türme zu erhaschen. Zehn Minuten brauchen sie zu Bouchards Bürogebäude. Der Pförtner hält sie an. Er will die Ausweise sehen. Die Panik wächst. „Was ist nur los?“

Er lässt beide passieren. Erneut nehmen sie den Aufzug. Im Büro im sechsten Stock versucht das Paar fieberhaft, übers Laptop ins Internet zu gelangen. Doch es klappt nicht. Das Netz ist komplett überlastet. Nach unzähligen quälenden Minuten ploppt doch endlich die Homepage der deutschen Bild-Zeitung auf. Die gesamte Webseite hat nur ein Thema gezeigt: Terroranschlag in New York.

Blick aufs Trümmerfeld: So sieht es noch im Winter 2001 am Ground Zero aus. Aufräumarbeiten laufen.

Nominikat wollte es nicht wahrhaben. „Die übertreiben doch wieder“, beschwichtigte sie. Noch bevor sie den Satz beendet hatte, rumpelt es wieder. Das gesamte Gebäude wackelt. Sie glaubt an ein Erdbeben. Beide springen unter den schweren Schreibtisch. „Wir suchten Schutz“, betont Nominikat. Vor wem oder was, das wissen sie zu der Zeit immer noch nicht.

Als Südturm einstürzt, springen beide unter den Schreibtisch

Sie kauern unterm Schreibtisch. Ein banaler Gedanke kommt Nominikat. Eine Präsentation wird es heute nicht mehr geben. Sie wollen weg. Jetzt ist der Fahrstuhl außer Betrieb. Sie laufen mit vielen anderen das enge Treppenhaus hinab. Im Freien rennen hunderte Menschen in Richtung East River, weg von Downtown. Sie sind voller Staub, ihre Kleidung mit weißer Asche bedeckt. Viele halten Tücher vor den Mund. „Lass’ uns auch zum Fluss gehen“, habe ihr Mann gerufen. Sie laufen am Fischmarkt vorbei. Der Händler verkauft keine Ware mehr. Reicht stattdessen Wasserflaschen und feuchte Tücher. Auf der Brooklyn Bridge wimmelt es von fliehenden Menschen.

Nominikat dreht sich um. Sie erwartet, die brennenden Türme zu sehen. Doch sie sind weg. Nur noch eine dichte weiße Wolke verbirgt die Trümmer. Gegen Mittag gelangen sie in ihr kleines Studio an der Orchard Street nordöstlich.

Dort kann sie das Laptop wieder mit dem Internet verbinden. Erst jetzt bekommt sie Zugriff auf ihre E-Mails. Sofort werden die Eltern in Garmisch-Partenkirchen, München und Würzburg angerufen. Erst am Telefon erfahren die beiden, was sie soeben hautnah miterlebt haben. Die Folge: Sie konnten, ja wollten auch nicht mehr zurück in ihre neue Wohnung.

Die Behörden lassen Nominikat erst am 20. September wieder in ihre Wohnung

Bekannte nehmen die beiden auf. Erst am 20. September dürfen sie wieder ihr Apartment betreten. Der Blick aus dem Fenster ist nun ein anderer. Noch immer liegt Rauch über der Stadt. Die Türme gibt es nicht mehr. Schutt und Asche liegen auf ihrer Fensterbank. Nachts können sie schlecht schlafen. Die Bilder kommen immer wieder hoch. Die Flutlichter des Ground Zero leuchten in die Wohnung. Die Rufe der Feuerwehr-Einsatzkräfte und Soldaten, die noch immer nach Überlebenden in den Trümmern suchen, klingen bis in die Zimmer. Auch der Lärm der Maschinen, die aufräumen. „Über Monate ging das.“

Im April 2004 war es dem Paar endgültig zu viel. Nur sieben glückliche Tage hatten sie in ihrer eigentlichen Traumwohnung mit Blick auf das World Trade Center verbracht. Nach drei Jahren verließen sie den Stadtteil. Heute leben sie an anderer Stelle in New York City. Dort managt Elke Nominikat die Indie-Rockband „Girl Skin“, leitet den Musik-Blog „glamglare“ und ist gerade dabei, mit ihrem Mann einen zweiteiligen Roman zu veröffentlichen. „So konnten wir die Geschehnisse zumindest räumlich hinter uns lassen“, sagt sie heute. „Doch vergessen lässt sich das Erlebte nicht.“

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