1. Startseite
  2. Lokales
  3. Garmisch-Partenkirchen
  4. Garmisch-Partenkirchen

Obdachlosenheim in den Loisachauen: Die Situation entspannt sich, die Not bleibt

Erstellt:

Von: Barbara Falkenberg

Kommentare

(v.l.) Yara Elsayed,  Anthony Ritchie und Barbara Cunradi-Rutz.
Kümmern sich um die Bewohner: (v.l.) Yara Elsayed,  Anthony Ritchie und Barbara Cunradi-Rutz. © Falkenberg

Die Obdachlosenunterkunft in Garmisch-Partenkirchen sorgte oft für negative Schlagzeilen. Der Druck auf die Verantwortlichen wuchs. Jetzt scheint, eine gute Lösung gefunden worden zu sein.

Garmisch-Partenkirchen – Sie sitzen im Garten unter den Sonnenschirmen, tauschen sich rege aus und lassen sich die gegrillten Würstl und selbstgemachten Salate schmecken. Es ist ein Bild einer Idylle, die es so noch nie in der Einrichtung für soziale schwache und hilfsbedürftige Menschen in Garmisch-Partenkirchen gegeben hat. Immer wieder geriet die Unterkunft in den Loisachauen in den vergangenen Jahren in die Schlagzeilen.

Alkohol, Drogen und Gewalt der Bewohner sorgten oft für Kritik und Ärger, bei vielen auch für Angst. Vor einem Jahr hat die Marktgemeinde einen Securitydienst beauftragt, der täglich von 11 bis 16 Stunden vor Ort ist. „Wir sehen nach dem Rechten und schreiten ein, wenn es zu Exzessen kommt“, sagt Anthony Ritchie. Die 59-jährige Fachkraft für Schutz und Sicherheit hat keine Vorbehalte gegen das „doch recht schwierige Klientel“. Er und das Team setzen sich dafür ein, dass weitgehend Normalität einkehrt und die Gewalt abnimmt. Offensichtlich mit Erfolg.

Zwei Sozialpädagoginnen an Bord

Neben dem Sicherheitsdienst sind seit 15. März nun auch die beiden Sozialpädagoginnen Barbara Cunradi-Rutz und Yara Elsayed vom katholischen Männerfürsorgeverein München halbtags im Einsatz. Sie änderten das Bild in der Herberge grundlegend. Die beiden engagierten Frauen kümmern sich um die Anliegen der derzeit 20 Bewohner (davon drei Frauen), regeln nicht nur die Büro- und Amtsangelegenheiten, sondern fugieren auch als Ansprechpartnerinnen. „Wir waren uns von Anfang an darüber im Klaren, dass eine erfolgreiche Arbeit nur gelingen kann, wenn die Beratung dauerhaft vor Ort stattfindet“, sagt Cunradi-Rutz, die auch im Gemeinderat von Oberammergau sitzt. Mit Unterstützung der Marktgemeinde und des Männerfürsorgevereins wurden ein Büro direkt in der Unterkunft und feste Sprechzeiten für die Bewohner eingerichtet.

Die 57-Jährige fand ein marodes Haus mitten im Industriegebiet vor. Staub, Schmutz und Lärm sorgten für ein unangenehmes Wohnklima. „Ursprünglich sind wir davon ausgegangen, dass es einige Zeit braucht, um das zu ändern und vor allem auch, um das Vertrauen der Menschen vor Ort zu gewinnen“, erzählt Cunradi-Rutz. Doch sie und ihre 25-jährige Kollegin, eine Berufsanfängerin, waren überrascht, dass das Beratungsangebot von allen sehr schnell und dankbar angenommen wurde. Durch die Hilfe der Kommune konnten die beiden bereits in den ersten Wochen viele strukturelle Verbesserungen in der Unterkunft erreichen, berichtet Elsayed. Alle Zimmer sind nun mit einem eigenen Kühlschrank ausgestattet, Vorhänge wurden bestellt, und die Zimmertüren sind erstmals absperrbar, so dass die Intimsphäre gewährleistet ist. In den Sanitäranlagen und Gemeinschaftsküchen werden Papierhandtücher und Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt.

Personal stellt Anträge - bis spät in die Nacht hinein

Als die beiden Frauen im Frühjahr mit ihrer Arbeit begannen, hatten 13 der damals 17 Bewohner keinen gültigen Status, also keine Krankenversicherung und keinerlei Einkommen – trotz eines Anspruchs auf Sozialleistungen. Um diesen noch rechtzeitig für den Monat April zu realisieren, wurden rasch, oft bis spät in die Nacht hinein, die nötigen Anträge gestellt. „Die Einsatzbereitschaft der beiden Damen ist herausragend“, lobt Manfred Baierlacher, Leiter der Einrichtung. „Die persönliche Betreuung ist enorm wichtig“, weiß der 66-Jährige, der erschrocken war, als er den Hilfsbedarf erkannte. „Es sammeln sich hier viele schlimme Schicksale, die ich in dieser Häufung noch nie erlebt habe und die mich selbst betroffen gemacht hat.“

Eines der Schicksale ist das eines ehemaligen Kochs, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Nach der Scheidung hatte es ihm den Boden unter den Füßen weggezogen, er stieg sozial immer weiter ab. „Ich bin hier so gut aufgenommen worden und hoffe nun auf eine bessere Zukunft“, sagt der 50-Jährige. Martin Harald Fritsche (57), gelernter Dachdeckermeister, verlor seine Job wegen einer Bandscheibenerkrankung. Er leidet unter starken Schmerzen. „Tabletten nehme ich aber keine mehr, die machen mich ballaballa“, sagt er. Er wohnt seit Dezember an den Loisachauen, besitzt einen Status und ist froh, dass man sich von so vielen Seiten nun um ihn und seine Mitbewohner kümmert. Um sie bemüht er sich wie ein Seelsorge, wird als „der Capo“ bezeichnet. „Alle sind sehr entgegenkommend, besonders die beiden Damen, und helfen uns sehr.“ Fritsche selbst übersetzt für seine Mitbewohner, spricht Türkisch, Polnisch, Französisch und Spanisch. Gerne würde er wieder arbeiten, „soweit es meine Verfassung zulässt“.

Impf-Team vor Ort

Heute verfügen fast alle der Bewohner über einen Status und sind nicht mehr auf Betteln oder Flaschensammeln angewiesen. „Wir werden sehr aktiv von der Marktgemeinde, insbesondere der Zweiten Bürgermeisterin Claudia Zolk, dem Ordnungsamt und dem Bauhof sowie vor allem auch vom Sicherheitsdienst unterstützt“, erklärt Cunradi-Rutz dankbar. Auf ihre Initiative hin war sogar das mobile Impf-Team vor Ort. „Wir konnten fast alle Bewohner zur Impfung motivieren.“ Zwei Männer wurden zudem mittlerweile erfolgreich in eine therapeutische Einrichtung vermittelt, zwei andere fanden in der Herberge des Sozialdiensts katholischer Frauen (SkF) ein neues Zuhause.

Trotz der vielen positiven Veränderungen ist die Not der Menschen weiterhin sehr groß. Viele Bewohner leiden unter psychischen Problemen oder einer Sucht. Cunradi-Rutz formuliert die noch bestehenden Defizite: Die großzügige finanzielle Unterstützung durch die Marktgemeinde sei weitgehend ausgeschöpft. Wohnungen stehen ihr zufolge nicht zur Verfügung. „Die Zimmer sind spartanisch, teilweise noch ohne Schränke ausgestattet“, schildert die Sozialpädagogin. Zudem fehle es an adäquaten Beschäftigungsmöglichkeiten, um dem Alltag wieder mehr Sinn zu geben.

Weitere Infos

Wer sich tatkräftig für das Obdachlosenheim in den Loisachauen einbringen möchte, kann sich jederzeit per E-Mail an yara.elsayed@kmfv.de und barbara.cunradi@kmfv.de oder telefonisch unter 0 88 21/184 04 10 melden. Finanzielle Hilfe ist ebenfalls möglich. Spendenkonto: Katholischer Männerfürsorgeverein; Hypo-Vereinsbank; BIC: HYVEDEMMXXX; IBAN: DE 32 70 02 02 70 00 42 93 33 17; Betreff: Loisachauen.

Auch interessant

Kommentare