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Sorgen trotz oder gerade wegen Corona für Freude im Dorf: Die Oberauer Mädchen und Buben stecken Schokoladen-Osterhasen und Grußkarten in die Briefkästen.

Jugendliche zeigen sich kreativ

Ostern in Zeiten von Corona: Ministranten ratschen - anders, aber ohne Risiko

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Es ist Tradition. Eine, an der viele Ministranten trotz Corona-Krise festhalten wollen. Deshalb haben sie Wege gefunden, wie sie doch ratschen können. 

Garmisch-Partenkirchen/Oberau – Er wählte sich die Finger fast wund. Telefonat folgte auf Telefonat. Anton Neff wollte sich nicht damit abfinden, dass das Ratschen am Karfreitag und -samstag der Coronakrise und den damit verbundenen Beschränkungen zum Opfer fallen soll. Die Tradition gehört für den 18-Jährigen zu Ostern dazu. Das Ratschen, das als Ersatz für die ausgesetzten Kirchenglocken dient, „geb’ ich nicht so leicht auf“. Seine Mühen sollten sich am Ende lohnen, obwohl er auch Abfuhren kassierte. Es wird geratscht im Ortsteil Garmisch – nur anders als sonst.

Anfangs hatte Anton sich einen Notfall-Plan ausgedacht. Dieser sah vor, dass insgesamt nur sechs statt wie sonst 13 Buben und Mädchen es vom Glockenturm von St. Martin aus knattern lassen. Der Ministrant kontaktierte mehrfach das Gesundheitsamt und stellte einen Antrag. Die Behörde wäre einverstanden gewesen, hieß es mündlich. Die gewünschte schriftliche Zusage hat Neff nicht erhalten. Pfarrer und Mesner aber lehnten wegen des zu geringen Sicherheitsabstands ohnehin ab – und folgten den Vorgaben des Erzbistums.

Hält an der Tradition fest: Anton Neff hat eine „Ratsch“-Aktion für den Ortsteil Garmisch organisiert.

Die nächste Idee hielt der junge Werdenfelser schon parat. Man könnte ja von der Kriegergedächtniskapelle oder vom Hotel Garni Almenrausch und Edelweiß aus, an den Handkurbeln der Ratschen drehen. Der Betreiber stimmte zu. Nur diesmal gab’s kein grünes Licht vom Gesundheitsamt. „Wenn wir nicht verwandt sind und mehr als zwei dabei gewesen wären, dann hätte es als Versammlung gezählt“, erklärt Neff die Begründung. Noch dazu hätte der Organisator noch weitere Genehmigungen einholen müssen. „Das war mir dann irgendwann zu blöd“, sagt er. Zigmal war er telefonisch von Ansprechpartner zu Ansprechpartner weitergeleitet worden.

Ratschen um 12 Uhr und um 20 Uhr

Die Hoffnung aber begrub er nicht und wurde belohnt. Es gibt eine Lösung. Insgesamt zehn Leut’ hat Neff gefunden, die am Freitag und Samstag ratschen. Von daheim aus. Mit der Polizei und dem Ordnungsamt ist das Vorgehen abgeklärt, falls sich jemand über Ruhestörungen beklagt. Normalerweise kurbeln die Garmischer Ministranten über zehn Mal an den zwei Tagen. Und zwar zum ersten Mal schon um 6 Uhr. „Dass lassen wir lieber, damit bei der Polizei die Drähte nicht glühen“, sagt Neff. Stattdessen werden die Freiwilligen jeweils um 12 Uhr und um 20 Uhr für fünf Minuten aktiv.

Mitmachen kann jeder, der das Brauchtums-Gerät besitzt. Der Almenrausch-Betreiber ist dabei, sagt Neff. Auch Karl Ostler, dem eine der ältesten Ratschen in Garmisch-Partenkirchen gehört. Die Ostertradition in den eigenen vier Wänden zu zelebrieren, „das ist bis jetzt einzigartig“, betont Neff. Und jeder kann Teil davon werden.

Den Ministranten in Oberau geht’s nicht anders. Weil die Gottesdienste wegen Corona ausfallen, sind sie quasi in den Zwangsurlaub geschickt worden. Trotzdem haben die Mädchen und Buben nun Mittel und Wege gefunden, ihren Dienst an der Kirchengemeinschaft in risikofreier und kontaktloser Weise fortzusetzen. Sie ziehen das Ratschen durch. Ebenfalls in einer abgeänderten Variante. Normalerweise gehen die Jugendlichen am Karsamstag durchs Dorf und überbringen den Leuten an der Haustür ihre Osterwünsche. Heuer werden sie radelnd und „ratschend“ durchs Dorf fahren. Anstatt in Gruppen aller Altersklassen allerdings nur die älteren Ministranten – und das alleine.

Grußkarten und Schokoladenosterhasen

Auf diese Aktion, die es in Oberau schon seit Jahrzehnten gibt, warten jedes Jahr viele, vor allem ältere Menschen. „Sie erinnern sich dabei gerne an die Zeit, in der sie selbst mit den Ratschen durchs Dorf gezogen sind“, erklärt Kaplan Tobias Prinzhorn vom Pfarrverband Partenkirchen-Farchant-Oberau. „So war für die Ministranten klar, dass eine Ersatzaktion her musste.“ Und diese war nicht nur fürs „Ratschen“ schnell gefunden: Die Ministranten verteilen zudem Grußkarten und kleine Schokoladenosterhasen.

Auch für die eigene Altersklasse gibt es Alternativ-Angebote: Auf der Website der Oberauer Ministranten (www.ministranten-oberau.de) sind für die Kar- und Ostertage Vorlagen für die Feier von kurzen Kinder- und Jugendgottesdiensten zuhause zu finden. Diese wurden zusammen mit Kaplan Prinzhorn erarbeitet, lassen sich problemlos an das jeweilige Alter der Kinder anpassen und ohne zusätzliche Materialien feiern. „Auf diese Weise versuchen die Ministranten, die Feiertage im Homeoffice für alle zu einem freudigen Ereignis zu machen und ganz im Sinne von Ostern ein wenig Hoffnung während der Zeit der häuslichen Isolation zu verbreiten.“

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