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Jürgen R. weist die Vorwürfe zurück.

Urteil für Ende März erwartet

Ettal-Prozess: Pater streitet alles ab

München - Die Staatsanwaltschaft hat einen Pater vom Kloster Ettal wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt. Zu Prozessbeginn wies der 44-Jährige alle Vorwürfe zurück. Er habe Kinder nur gestreichelt.

Aufrecht, den Kopf erhoben, betritt Pater Georg (44) gegen 9.15 Uhr den Saal B 166 des Landgerichts München II. Der große, blonde Mann trägt einen grauen Anzug, weißes Hemd und eine blau gestreifte Krawatte. Er stellt sich in die Anklagebank, steckt die linke Hand in die Hosentasche und schaut geradeaus in die Linsen der Kameras und Fotoapparate. Minutenlang. Gleich mit diesem ersten Auftritt bei Gericht versendet Pater Georg mindestens zwei Botschaften. Die erste: Er steht hier nicht als Mönch, sondern als Privatmann Jürgen R. Zudem signalisiert er: Ich bin unschuldig, ich habe nichts zu verbergen.

Doch die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft wiegen schwer. Jürgen R., so heißt er als Angeklagter, muss sich wegen 24-fachen sexuellen Missbrauchs von Kindern, die zugleich Schutzbefohlene waren, vor Gericht verantworten. Staatsanwältin Andrea Krombholz schildert, dass er in den Jahren 2001 bis 2005 zwei Buben im Intimbereich berührt haben und es bei zwei weiteren versucht haben soll. Die Kinder waren Siebt- und Achtklässler.

Auch während der Verlesung der Anklage spricht Pater Georg eine deutliche Körpersprache. Die gefalteten Hände legt er auf einen Stapel Papier. Einmal führt er sie zum Gesicht. Dabei hört er immer aufmerksam zu. Als die Staatsanwältin fertig ist, kündigen die beiden Verteidiger eine Erklärung an. Jürgen R. nimmt den dicken Stapel Papier und beginnt vorzulesen. Es ist eine Verteidigungsschrift. Eine sehr ausführliche, die er etwa drei Stunden lang vorträgt. Zwischendurch muss er immer wieder einen Schluck Wasser nehmen.

Zuerst schildert der gebürtige Frankfurter seinen Lebenslauf. Er war ein schlechter Schüler, musste das Gymnasium verlassen, machte einen Realschul-Abschluss und wurde Bankkaufmann. Dann holte er bei den Karmelitern das Abitur nach. Anschließend trat er jedoch in den Orden der Benediktiner ein, weil diese beständig in einem Kloster leben. Für Ettal im Kreis Garmisch-Partenkirchen entschied er sich, weil er naturverbunden und Bergsportler ist. „Deshalb habe ich ein Kloster in den Alpen gesucht.“ Bis 2001 studierte er Theologie in München, danach unterrichtete er Religion am Gymnasium und war als Präfekt, also Betreuer und Vertrauensmann, im Internat tätig.

Jürgen R. zeichnet das Bild eines oft überforderten Präfekten, vor allem angesichts zahlreicher Konflikte unter den Internatsschülern. Die Überforderung führt er auch darauf zurück, dass er keine pädagogische Ausbildung gehabt habe. Er sei sich sicher, dass er „auch in Ermangelung einer pädagogischen Ausbildung in vielerlei Hinsicht als Präfekt viel falsch gemacht habe“. So hätten die Schüler Konflikte, die sie von zu Hause mitbrachten, an ihn herangetragen. Er habe es zugelassen, sich davon einnehmen zu lassen, sich sogar geschmeichelt gefühlt. „Ich habe es in vielen Fällen an Distanz zu den Schülern ermangeln lassen“, sagt er, „wenn ich der Meinung war, sie bedürfen zum Trost körperlicher Nähe – so wie ich es wohltuend in meiner Familie erfahren habe.“ So habe er sie am Bauch oder am Rücken gestreichelt, wenn es ihnen schlecht ging. Er sei wie Mutter und Vater für die Kinder gewesen.

Die Distanzlosigkeit bedauere er heute sehr, sagt er. Doch die Vorwürfe der sexuellen Übergriffe weist er weit von sich. „Alle mir zur Last gelegten Vorwürfe sind unzutreffend“, fasst er zum Schluss zusammen. „Ich habe mich keinem der Schüler in sexuell motivierter Weise genähert.“

Unter den Zuschauern im Gerichtssaal befinden sich auch zwei Betroffene, bei denen der Prozess alte Wunden aufreißt. Ein älterer Herr will sich nicht äußern, sagt aber dann doch einen einzigen Satz: „Es war grauenhaft.“ Ein anderer spricht dagegen ausführlich – Thomas Roth (70) vom Verein der Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer. Roth ist nie Opfer sexuellen Missbrauchs geworden, aber von massiver körperlicher Gewalt. „Die hat mir glangt.“ Ettal habe ihn all die Jahre nicht mehr losgelassen, sagt er, „es war damals wie ein Gefängnis für mich“. Er denke aber nicht jeden Tag daran. Die Angstträume seien vorbei. Auch Rachegefühle hege er keine mehr.

Pater Georg sei „ein verhältnismäßig kleiner Fisch“, sagt Roth. Viele Fälle seien verjährt. Deshalb sei er auch für eine extensive Verlängerung der Verjährungsfrist. „Denn die Übergriffe, die damals am Kloster geschehen sind, waren so viel massiver als die Vorwürfe, die jetzt verhandelt werden.“ Bei der Aufarbeitung aber sei Ettal „sicher die vorbildlichste“ von allen betroffenen Einrichtungen.

Pater Georg ist derzeit beurlaubt und nimmt nicht am klösterlichen Leben teil. Er arbeitet als kaufmännischer Angestellter, sein Vertrag läuft noch bis 14. Februar. Nach dem Prozess will er sehen, wie es weitergeht, sagt der Sprecher des Klosters. Der Prozess geht erst in drei Wochen weiter und dauert voraussichtlich bis Ende März.

Nina Gut

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