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Wo gerade noch Autos parkten, steht jetzt alles unter Wasser: Die Pizzeria Renzo, hier der Hinterhof, trifft es schwer.

Wie auf der Titanic

Pfingsthochwasser vor 20 Jahren: Garmisch-Partenkirchner erinnern sich

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Straßen werden zu Flüssen, Hinterhöfe und Keller zu Schwimmbädern: Gerade der Ortsteil Partenkirchen ist von der Flut 1999 betroffen. Klaus Straub und Heini Waldhör von der Feuerwehr erinnern sich an Momente der Angst und Unverschämtheiten.

Einem großen Schwimmbad gleicht der Kurpark Partenkirchen.

Garmisch-Partenkirchen – Ein Gang, kein Licht. 20 Türen links und rechts. Aus jedem Türschloss schießt eine Fontäne Wasser. Die Türen wehren sich gegen den Druck, langsam aber geben sie nach. Sie knarzen, quietschen, ächzen. „So muss es sich anhören, wenn die Titanic absäuft.“ Auf dem Weg vorbei an den Klassenzimmern denkt Klaus Straub an das gesunkene Schiff. Es ist vielleicht 2 Uhr morgens, Pfingstsamstag 1999. Mit einem Freund steht er im Keller der St.-Irmengard-Schulen. Sie müssen hier raus. Sofort.

Feuerwehr Partenkirchen kämpft stundenlang gegen die Flut

Seit Stunden kämpfen er und seine Kameraden der Feuerwehr Partenkirchen sowie Freiwillige gegen die Flut. Nach Rekordniederschlägen bahnt sich das Wasser, vor allem aus der Kanker, seinen Weg durch den Ort. Auf der Hauptstraße steht es einen Meter hoch, überschwemmt Erdgeschosse. Im Kurpark paddeln Menschen in Schlauchbooten.

Barriere aus Mist: Das Kankerwasser hat ein Landwirt an der Schornstraße auf diese Weise umgeleitet.

Hunderte Anrufe gehen in der Feuerwehr-Zentrale in Partenkirchen ein. Das Telefon steht nicht still. „Da säuft der ab, da der.“ So fasst Heini Waldhör (55), langjähriger Vize-Kommandant, die Meldungen von damals zusammen. Für die Einsatzkräfte stellt sich nur eine Frage: „Wo fahren wir als Erstes hin?“ Haus um Haus, Straßenzug um Straßenzug arbeiteten sie sich vor. Fast jeder Keller im Ortsteil ist überflutet. Ein Team schiebt einen Hänger samt Pumpe durch den Ort – es gibt keine Maschine mehr, die ihn hätte ziehen können. Waldhör sitzt drei Tage und drei Nächte auf dem Kanalwagen. Das Wasser schaffen die Pumpen, doch ohne das Gefährt bekämen die Einsatzkräfte den Schlamm nicht aus den Häusern. Zudem saugen Waldhör und seine Kameraden das mit Öl verseuchte Wasser ab, wo Tanks im Keller umgekippt und aufgeschwommen sind. „Sternvolldreck von oben bis unten“ – Dauerzustand der Helfer.

Werkstatt in Partenkirchen komplett überflutet

Alles raus: Tagelang liegen die zerstörten Möbel auf den Straßen, hier am Hagenrainweg.

Waldhör wohnt an der Farchanter Straße. Auch dort überflutet das Wasser Keller und Erdgeschosse. Nur sein Haus „steht da wie eine Insel“. Anders als bei Straub. Er wohnt im Lyzeum, wo die Flut einen Millionenschaden anrichtet. Turnhalle, Computerraum, Schulküche – alles zerstört. Seit dieser Nacht weiß er, welche Angst Wasser auslösen kann. Seine Familie lebt im Hochparterre, dort ist sie sicher. Dennoch schickt er Frau und die beiden Kinder in den oberen Stock. „Du hast einfach Panik wegen der Kinder.“ Das Wasser füllt den Keller der Schulen, die Feuerwehr rettet, was zu retten ist. Gegen 2 Uhr will Straub kurz nach seiner Schreinerwerkstatt im Untergeschoss des Lyzeums sehen. So weit kommt er nicht, er dreht um, verlässt die Titanic. Er weiß auch so: Da unten ist alles kaputt.

Wie bei so vielen anderen, auch bei seinem Bruder. Er ist mit der Familie in seinem Hof in Eschenlohe eingeschlossen. Samstagvormittag werden sie per Helikopter evakuiert. Straub hört das am Rande. Nach vier Tagen erreicht ihn ein Anruf: Nichts passiert, auch sein Haus in dem Dorf steht noch. Das hat er sich zwischen Auspumpen und Schlammschaufeln irgendwann einmal gefragt. So wie Anton Streicher nach drei Tagen einmal an sein Mietshaus an der Schulstraße denkt.

Nach drei Tagen Keller bei Feuerwehr-Kommandant ausgepumpt

Gerade machen die Kameraden Pause. Bei der Brotzeit sagt ihr Kommandant: „Ich hätte da eigentlich auch noch einen Keller unter Wasser.“ Nach drei Tagen. In denen er Stunde um Stunde, ohne Schlaf, anderen geholfen hat. Waldhör betont das immer wieder. Bis heute macht ihn fassungslos, was er vor 20 Jahren erlebte.

Sofort ziehen die Männer los. Ein Nachbar beobachtet sie beim Auspumpen – und beschwert sich. Wegen Vorteilsnahme im Amt. Waldhör schüttelt den Kopf. Schüttelt immer noch, als ihm der andere Nachbar einfällt. Der drückt Streicher damals einen Schlüssel in die Hand. In seinem Keller stehe auch noch Wasser, er fahre jetzt in den Urlaub.

„Ja“, sagt Straub (55) im Rückblick. „Da lernt man die Menschen kennen.“ Auch im positiven Sinn. Ehemalige Mitglieder der Feuerwehr, manche über 70 Jahre alt, standen in der Flut sofort bereit. Im Ort halfen sich Leute, „die sonst kein Wort miteinander reden“, sagt Waldhör. Nur komme die Realität bald zurück. Die Menschen, findet er, vergessen zu schnell. Unter anderem, dass das Zusammenhelfen auch ohne Katastrophe zählt. 

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