Maximiliane Schaffrath
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Sie hat ihre Ausbildung gerade abgeschlossen – doch ein gesamtes Arbeitsleben mit den Bedingungen in der Pflege kann sich Maximiliane Schaffrath nicht vorstellen. Privat

Eine Pflegekraft berichtet schonungslos aus dem Alltag

Abschied vom Traumberuf: Pflegerin Maximiliane Schaffrath gibt wegen Arbeitsbedingungen auf

  • Katrin Woitsch
    vonKatrin Woitsch
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Maximiliane Schaffrath wollte Pflegerin werden. Die Ausbildung hat die 29-Jährige geschafft. Doch nun wechselt sie den Beruf - wegen den harten Arbeitsbedingungen.

Maximiliane Schaffrath hat gerade ihre Ausbildung zur Pflegekraft abgeschlossen. Der Beruf ist schön, sagt die 29-Jährige aus Garmisch-Partenkirchen. Trotzdem gibt sie ihn wieder auf. Wegen der harten Arbeitsbedingungen. Über die schönsten und schwersten Momente ihrer Ausbildung hat sie ein Buch geschrieben. Es heißt „Systemrelevant“ – und beschreibt den Alltag der Pflegekräfte schonungslos.

Sie schildern in Ihrem Buch sehr schonungslos den Arbeitsalltag von Pflegekräften. Wer war beim Schreiben Ihre Zielgruppe?

Zum einen die Menschen, die in diesem Beruf arbeiten. Ich wollte, dass sie durch das Buch den Mut finden, sich gegen Missstände zu wehren. Meine größere Zielgruppe waren aber diejenigen, die nichts mit der Pflege zu tun haben. Es gibt viele sachliche Berichte über diesen Beruf. Aber kaum Berichte, wie es sich anfühlt, als Pflegekraft zu arbeiten.

Warum haben Sie sich für den Beruf entschieden?

Ich wollte etwas machen, das mich mit Sinn erfüllt. Die Praktika haben mir viel Spaß gemacht. Obwohl mir damals andere Pflegekräfte sagten, ich solle mich bloß nicht für diesen Beruf entscheiden. Ich wollte es trotzdem. Denn abgesehen von den Arbeitsbedingungen ist es wirklich eine sehr schöne Arbeit.

Sie sind oft ins kalte Wasser geschmissen worden. Schon ganz zu Beginn auf der Palliativstation. Hatte das rückblickend auch etwas Gutes?

Nein. Auszubildende sind motiviert, etwas zu lernen. Aber es kann nicht der richtige Weg sein, sie ins kalte Wasser zu werfen und allein zu lassen. Ich hatte oft das Gefühl, dass ich den Personalmangel kompensieren soll. Ich musste mir sehr viel abschauen, selbst beibringen oder nachlesen.

Welchen Rat würden Sie Berufseinsteigern geben?

Sie sollten den Mut haben, für ihr Recht zu kämpfen, wenn etwas in ihrer Ausbildung nicht gut läuft. Man ist nicht machtlos. Ich hatte oft Angst, schlecht bewertet zu werden, wenn ich etwas kritisiere. Im Nachhinein denke ich, dass ich öfter mutiger hätte sein sollen.

Der Pflegeberuf hat kein gutes Image. Wie könnte man mehr junge Menschen dafür gewinnen?

Aktuell sind Pflegekräfte vom Ansehen her Assistenten der Ärzte, die wenig Geld verdienen und viel Stress haben. Sie müssten mehr Eigenverantwortung bekommen. Und es muss mehr Zeit für die praktische Ausbildung da sein. Die Praxisanleiter auf den Stationen müssten dafür freigestellt werden. Tatsächlich passiert aber genau das Gegenteil: Sie bekommen noch mehr Patienten, weil sie ja einen Helfer haben.

Sie schreiben, dass Sie sich oft über die fehlende Anerkennung geärgert haben. Von wem?

Selten von Patienten. Eher von Kollegen. Wenn ich aufeine neue Station kam, habe ich oft gehört, dass es sich nicht lohnt, sich meinen Namen zu merken, weil ich ja in acht Wochen wieder woanders arbeite. Oder Pflegekräfte haben sich vor mir gestritten, wer heute „den Helfer“ mitnimmt. Ich habe mich wie ein lästiges Anhängsel gefühlt. So geht man nicht mit motivierten Schülern um.

Wo arbeiten Sie heute?

Bis Ende des Monats arbeite ich noch in einem Krankenhaus. Aber ich habe bereits gekündigt. Ich werde den Beruf wechseln.

Obwohl Sie die Ausbildung geschafft haben? Warum?

Ich höre nicht wegen dem Beruf auf, sondern wegen den Arbeitsbedingungen. Ich kann mir kein komplettes Arbeitsleben mit dieser großen Dauerbelastung vorstellen. Und ich glaube nicht mehr daran, dass sich die Bedingungen in absehbarer Zeit ändern werden. Natürlich mache ich mir aber Sorgen, wie es in der Pflege weitergeht.

Könnte die Pandemie daran etwas ändern? Auf einmal gelten Pflegekräfte als systemrelevant und werden beklatscht...

Ich würde es mir wünschen. Im letzten Jahr ist außer einem einmaligen Bonus und großer Worte aber nichts passiert. Pflegekräfte müssen endlich besser bezahlt werden, viele bekommen für ihre Arbeit einen Mindestlohn. Wir brauchen endlich Personaluntergrenzen. Es darf keine Nachtschichten mehr geben, in denen man sich als Pflegekraft allein um 40 Patienten kümmern muss.

Hat die Ausbildung ihr Leben positiv verändert?

Ja, das hat sie. Ich gewichte Dinge heute anders. Viele schwerkranke Menschen haben mir gezeigt, dass ein Kaffee in der Sonne etwas sehr wertvolles sein kann.

Das Buch „Systemrelevant“

von Maximiliane Schaffrath ist im Hirzel Verlag erschienen, 240 Seiten,18 Euro, ISBN: 978-3-7776-2942-1

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