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Reizvolle Kombination: Die Villa atmet den Geist von anno dazumal. Die Giebel der zeitgemäßen Lodges sind den Bergspitzen nachempfunden.

Neues Hotel an der St.-Martin-Straße für Architekturpreis nominiert 

Ein Rundgang durch das „Quartier Garmisch“

In der Schweiz, in Österreich und in Südtirol ist man, was zeitgemäße Architektur angeht, vielmutiger als hierzulande. Endlich haben sich auch Bauherren aus der Region getraut. Seither sorgt das „quartier“, Garmisch-Partenkirchens jüngstes Hotel, für Gesprächsstoff. Dabei braucht der Tourismusort genau solche Vorzeige-Objekte.

Ein Blickfang ist das Foyer. Eva und Theo Peter, Miteigentümer des Apart-Hotels, in ihrer neuen Rolle als Hoteliers. Hinter dem Tresen die fachliche Leiterin Anke Boehm .

Garmisch-Partenkirchen – Seit Jahrzehnten herrschte in Garmisch-Partenkirchen, was den Neubau von Hotels angeht, Stillstand. Endlich rührt sich was. Nach dem vielversprechenden Neubeginn im Forsthaus Graseck bereichern fünf Geschäftspartner die Hotellandschaft mit einem kleinen, aber feinen Haus, dem Appartementhotel „quartier“. Der Banker Theo Peter und seine Frau Eva, die Architekten Felix Bembe und Professorin Anne Beer sowie der Jurist Wolfgang Münst haben das Projekt nicht nur gemeinsam entworfen, gebaut und finanziert, sondern sie betreiben es auch selbst. Wieviel Herzblut in dem Vorhaben steckt, kann jeder Besucher bei einem Rundgang erspüren.

Traditionelle Elemente ins Moderne übersetzt

Mit der Neugestaltung eines ganzen Wohnquartiers fing es an. Als Projektentwickler hat Peter 27 Familien beim gemeinschaftlichen Bauen im alten Krankenhausviertel von Garmisch begleitet. Die Architekten Anne Beer, Felix Bembé und Sebastian Dellinger entwarfen dafür eigens die „GAP Häuser“, bei denen sie traditionelle lokale Elemente wie Giebelformen aufgreifen und in die Moderne umsetzen. Der Name der Architektengemeinschaft bürgt für Qualität. Zu ihren Referenzen gehören der Deutsche Städtebaupreis 2014 und der Deutsche Holzbaupreis 2017. Das Deutsche Architekturmuseum hat jetzt das Hotel-Projekt „Quartier Garmisch“ für den DAM-Preis für Architektur in Deutschland 2018 nominiert.

Als die Planer an die Bebauung des gemischt-gewerblichen Grundstücks gingen, mussten sie erst ein grundsätzliches Problem lösen: Denn das Areal grenzt an die viel befahrene St.-Martin-Straße. „Ohne einen Riegel an der Durchfahrtsstraße hätten wir die Schallschutzwerte für das Wohngebiet nicht einhalten können“, erklärt Peter. Eine übliche Gewerbeansiedlung war für ihn, der mit seinen Partnern das separate Teilgrundstück an der St.-Martin-Straße erworben hatte, keine Option: „Das wäre ästhetische Körperverletzung.“ Da kam ihm die Idee mit dem Hotel, von der er seine Mitgesellschafter überzeugen konnte. Und so wurde aus der Not eine Tugend: Der langgestreckte Bau hält den Verkehrslärm von den benachbarten Anwohnern weitgehend fern. Insgesamt wirkt das neue Viertel samt Hotel wie aus einem Guss.

Glücksfall Villa Friedheim - Abriss wäre erlaubt gewesen

Dass es da auch noch die Villa Friedheim gab, stellt sich im Nachhinein als Glücksfall heraus. Der Oberschleißheimer Gärtnermeister Bischoff hatte das Landhaus kurz nach der Jahrhundertwende 1900 erbaut. „Wir hätten es ohne Auflagen abreißen können“, sagt Peter. Die Hotelplaner entschieden sich dagegen für eine behutsame Sanierung und dafür, den Altbau in ihr Hotel-Projekt zu integrieren. Obwohl das viel Zeit und eine zusätzliche Million kostete, war dies die „klügste Entscheidung, denn die Villa ist die Seele des Projekts“.

Fühlt sich gut an und riecht gut: Die Lodges bestehen komplett aus unbehandeltem Holz.

Was dann geschah, nennt Peter eine „sensible Überarbeitung“. Das ist schon sehr tiefgestapelt. Um das alte Gebäude in seiner Form zu halten, musste es unterfangen werden. Diese Sicherung allein war schon aufwändig und „richtig teuer“. Das stattliche Haus mit der Holzverschalung und den Rundbögen sollte seinen Charakter nicht verlieren. Deshalb gingen die Betreiber mit großem Respekt vor dem Altbestand an die Arbeit. Man verzichtete auf die heute übliche Außendämmung mit Styropor und vertraute statt dessen auf die energetische Wirkung der handgebrannten Tonziegel. Doppelte Kastenfenster ergänzen die dicken Mauern. So blieb die Fassade im Original erhalten. Drinnen herrscht ein „ausgeglichenes Klima ohne Feuchteansatz“, betont Peter. Unverändert blieb das Holztreppenhaus samt der handgemachten blauen Fliesen. Ein Schmuckstück im Erdgeschoss mit dem öffentlichen Gastronomiebereich. Ein Durchbruch sorgt für mehr Raum und Licht in der Tagesbar. Dort werden dem Gast regionale Speisen aus frischen Biozutaten und hausgemachte Kuchen serviert. Im Obergeschoß können die Hotelgäste in der Bibliothek stöbern. Im Seminarraum wird fleißig getagt. Unterm Dach wurde eine Ferienwohnung eingerichtet.

Ein Betonwürfel verbindet Architektur aus zwei Jahrhunderten

Nun kommt der Teil, mit dem so mancher Betrachter seine Schwierigkeiten hat: ein zeitgenössischer Komplex aus Holz und Beton. Mit Dachformen, welche die Bergwelt widerspiegeln. Mit bodenständigen Ornamenten, die ein Drechsler nach dem Vorbild des Landhauses gefertigt hat. Das gesamte Hotel-Ensemble lebt von diesem Alt-Neu-Kontrast. Schon das Entree an der Gartenstraße ist für Garmisch-Partenkirchen ein Novum. Ein Würfel aus Beton, der Architektur aus zwei Jahrhunderten verbindet. Das Foyer wirkt licht und klar, geht hoch hinauf, ist pfiffig möbliert. Ein Blickfang. Es führt in den Laubengang, der auf drei Etagen den Zugang zu den Lodges und zum Forum erschließt. In kurzer Zeit werden wilder Wein und blaue Klematis den Neubau begrünen. Auf zwei Ebenen befinden sich je neun Lodges, im Obergeschoss bis über sechs Meter hoch. Die Appartements bestehen komplett aus unbehandeltem Holz. Holz ist der Stoff, aus dem Projektentwickler Peter seit 25 Jahren seine Häuser baut. Nicht nur weil das Material lebt und sich so gut anfühlt, sondern weil es die CO2-Belastung im Vergleich zu Massivhäusern enorm verringert. Peter rechnet gern vor, wie viel Kohlendioxid man schon bis zur Fertigstellung eines Gebäudes spart. Auch bei der Entsorgung kann der natürliche Baustoff in der Ökobilanz punkten. Ebenso bei der Heizung. Im „quartier“ kommen da weder Öl noch Gas, sondern ausschließlich Holzpellets zum Einsatz. Die Umweltbelastung soll so gering wie möglich sein. Sein Anspruch an Nachhaltigkeit beim Bauen hat Peter schon einige Umweltpreise eingebracht.

„Man liegt im Bett und schaut auf die Skipiste“

Wer in dem Hotel logiert, hat im Süden die Bergwelt und im Norden das neue Wohnviertel samt dem Garmischer Kirchturm vor Augen. Die dreifach verglasten Fenster dämmen den Schall. „Man liegt im Bett und schaut auf die Skipiste“, sagt Peter und grinst. In den Lodges gibt es, um den Elektrosmog zu reduzieren, weder Fernseher noch Internet. Wie der Gast auf den „Luxus von offline“ reagiert? „Eine vierköpfige Familie aus Saudi-Arabien hat beim Einchecken bekundet, dass sie die Herausforderung gespannt annehmen will“, erzählt Peter. Beim Auschecken sagten die Gäste, dass sie sich nicht hätten vorstellen können, gänzlich ohne Strom auszukommen. Diese Erfahrung würden sie allen Freunden empfehlen. Dabei, sagt Peter, „war nur eine Sicherung defekt“.

Nicht nur Internet-Abstinenz, natürliche Materialien und gesunde Kost gehören zum Konzept. Der Gast wird auch zur Bewegung angeregt. Um diesen Bereich kümmert sich der Sportwissenschaftler Philipp Peter. Er lässt sich wie seine Eltern ganz auf das Hotel-Projekt ein. Schneeschuhwandern oder Nordic Walking sind im Übernachtungspreis inclusive. Der Gast kann aus einer Palette von Angeboten dazubuchen, wenn er sonst noch im „Fitnessstudio Natur“ aktiv sein will.

„Kritiker sollten sich die Mühe machen, sich unser Haus anzuschauen“

Und dann möchte man ihm, ebenso wie den Hiesigen, noch etwas für die Seele und fürs Köpfchen bieten. Im „Forum“, einem großen Ausstellungs- und Veranstaltungsraum, zeigt bis zum 16. Juli der Holzbildhauer Hans Panschar seine Kunst. Lesungen zu Nachhaltigkeitsthemen sind in Vorbereitung. Im Herbst kommt ein Sportwäscheproduzent aus Neuseeland mit einer digitalen Modenschau. „Das Beleuchtungs- und Beschallungskonzept ist variabel“, erklärt Peter, „es wird spannend, das zu bespielen“. „Spannend“ ist überhaupt sein Lieblingswort. Die Begegnung mit den Menschen, die in das Haus kommen, ist spannend, ebenso, „welche positiven Resonanzen und Schwingungen es auslöst“.

Dass die Architektur des Hotels in der Bevölkerung nicht nur positiv gesehen wird, blieb den Betreibern nicht verborgen. Ob es gefällt, liegt ja auch im Auge des Betrachters. „Aber die Kritiker sollten sich wenigstens die Mühe machen, sich unser Haus anzuschauen und zu sehen, was dahintersteckt“, wünscht sich Peter. Und weil er – im Sinne von Nachhaltigkeit – irgendwie ein unverbesserlicher Optimist ist, erhofft er sich noch viel mehr. Dass die Leute das Projekt auch als Chance begreifen, „dass sie verstehen, warum wir das so gemacht haben, und dass sie das auch für sich machen können“.

Eva Stöckerl

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