Alexander Liebreich dirigiert beim Richard-Strauss-Festival in Garmisch-Partenkirchen.
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Hochkultur im Landkreis: Diese Archivaufnahme des Richard-Strauss-Festivals entstand vergangenes Jahr. Darauf ist der damalige Dirigent und Künstlerische Leiter Alexander Liebreich zu sehen, der inzwischen sein Amt niedergelegt hat.

Die Basis mit im Boot

Theatermann schlägt Strauss-Konzept vor - und will die Bevölkerung einbinden

Das Richard-Strauss-Festival Garmisch-Partenkirchen ist passé. Während sich die getreuen Besucher noch von dem Schock erholen, den diese Nachricht auslöst, setzt Tim Theo Tinn auf einen Neubeginn. Der Theatermann will Strauss buchstäblich unters Volk bringen. Sein Vorschlag an die Gemeinde: Strauss von Jedermann.

Garmisch-Partenkirchen – Das Coronavirus und finanzielle Überlegungen haben die Marktgemeinde als Träger des Richard-Strauss-Festivals dazu bewogen, im Jahr 2021 kürzer zu treten. Nach 30 Jahren mit einer hochkarätigen Musikwoche soll es im kommenden Sommer nur noch ein (vielleicht verlängertes) Strauss-Wochenende geben. Zumal sinkende Besucherzahlen und das Ausbleiben der Hiesigen die Lokalpolitiker nicht dazu motivieren, für das Festival weiterhin so viel Geld auszugeben. Für Tim Theo Tinn liegt das mangelnde Interesse aber einzig und allein am Konzept. „Es war ein Fehler, eine Form von Kultur zu zelebrieren, zu der Normalsterbliche keinen Zugang finden“, sagt der in Unterhaching lebende Theatermann und Publizist. „Man muss nicht mit dem Gipfel anfangen, sondern unten an der Basis.“

Sein Ziel wäre, sich erst um lokale Resonanz zu bemühen und darauf aufbauend überregional, national und international zu agieren. Kaum war die Nachricht vom Abgang des bisherigen künstlerischen Leiters Alexander Liebreich publik geworden, reichte Tinn seine Vorstellungen von einem publikumswirksamen Strauss-Festival im Garmisch-Partenkirchner Rathaus ein.

Auch Schulen und Vereine einbinden

Jeder, der mag, trägt an ausgewählten Plätzen im Ortskern von Garmisch-Partenkirchen etwas von, zu oder über Strauss vor. Man kann singen, rezitieren, musizieren, eine kleine Szene gestalten. Schauspieler lesen Auszüge aus den Operntexten von Hugo von Hofmannsthal. Eine Blaskapelle spielt, ein Musiker tritt auf, ein Ballett, ein Gesangsverein. Ohne Honorar. Tinn hat weitere Ideen in petto, die nicht viel kosten: zur Eröffnung ein umfassendes Stadtfest unter einem Strauss-Motto. „Dabei könnten Einwohner Verkaufsstände und Bewirtung betreiben.“

Tinn würde sie alle einbinden, auch Schulen und Vereine. Er stellt sich die Frage: Warum nicht ein Fußballturnier um einen Richard-Strauss-Pokal? Die Besucher könnten gratis unter freiem Himmel auf einer Großvideowand jeden Tag Oper erleben, historische Inszenierungen aus Salzburg zum Beispiel. Oder sie entspannen sich bei Strauss’ Musik in einem Zelt in meditativem Rahmen. Optische Begleitung, Lichteffekte, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Festival mit Präsident - vielleicht Edmund Stoiber

Etablierte Schauspieler könnten sich seinen Werken satirisch annähern, an diversen Plätzen wären Dokumentationen über den Komponisten und Ehrenbürger denkbar. Und Sänger liefern sich mit Arien einen Wettbewerb. Auch das kostenlos. Tinn würde Werkschauen bayerischer Theater mit deren Strauss-Inszenierungen organisieren, historische Schallplatten-Abende bei Rotwein und Käse veranstalten und Schüler draußen und drinnen Strauss-Anekdoten lesen lassen. „Natürlich sollen diese Punkte nicht das Festival ausmachen, sondern den Rahmen bieten“, sagt er. Überzeugt davon, dass „viele kleine schöne Dinge neugierig machen und Emotionen erzeugen“. Sinnvoll zur Außenwirkung der Festspiele wäre ein Präsident, „vielleicht würde eine solche Funktion Edmund Stoiber Freude machen“.

Anfang August meldete Tim Theo Tinn schriftlich sein Interesse an der Leitung des Festivals bei Garmisch-Partenkirchens Bürgermeisterin Elisabeth Koch (CSU) an. Er stellte sich vor als Theatermann; 15 Jahre Assistent, Dramaturg, Spielleiter und Regisseur an Häusern wie dem Stadttheater Essen, der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf, der Bayerischen Staatsoper München. Insgesamt habe er an 80 Musiktheater- und Schauspielinszenierungen, auch als Sänger und Schauspieler, mitgewirkt, rund 1500 Vorstellungen als Spielleiter geführt. Zusammenarbeit mit Persönlichkeiten wie Otto Schenk, August Everding, Giorgio Strehler und Wolfgang Sawallisch. Zusätzlich zur Theatererfahrung empfahl sich der 60-Jährige durch eine kaufmännisch/juristische Ausbildung und diverse Tätigkeiten in der Wirtschaft.

Herbe Enttäuschung für Tim Theo Tinn

Eine Antwort erhielt er von Dr. Dominik Sedivy, dem Leiter des Richard-Strauss-Instituts. Die Weichen seien noch nicht gestellt. Für das Festival sei seit 1. August die neugegründete GaPa Kultur gGmbH zuständig. Am 19. August erfuhr Tinn aus der Presse von der alles entscheidenden Gemeinderatssitzung am Tag darauf. Er bot dem Institutsleiter sofort an, seine Überlegungen auch den Teilnehmern der Sitzung zukommen zu lassen, „um breitere Diskussionsgrundlagen zu schaffen“. Ein paar Stunden später teilte ihm Sedivy nach eigener Aussage mit, „eine Diskussion der (in großer Zahl) eingegangenen Initiativbewerbungen für eine künstlerische Leitung des Festivals ist in der Tagesordnung der heutigen Sitzung nicht vorgesehen“. Abgestimmt werde über das Konzept eines Musiksommers, das die Kultur gGmbH entwickelt hat.

Für Tinn ist dieses Procedere eine herbe Enttäuschung: „Man hat mich abgewiesen und meine Ideen ignoriert.“

VON EVA STÖCKERL

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