Andreas Rödl, Bürgermeister von Oberammergau, ist verstimmt wegen des Alleingangs.
+
Andreas Rödl, Bürgermeister von Oberammergau, ist verstimmt wegen des Alleingangs.

„Vorgehen hat mich schon überrascht“

Rolle vorwärts: Bürgermeister erzürnt über Alleingang - gesamter Landkreis bald Modellregion für Öffnungsversuche?

  • Peter Reinbold
    vonPeter Reinbold
    schließen

Der Alleingang von Garmisch-Partenkirchen und der Blaue-Land-Kommunen verstimmt Oberammergaus Bürgermeister Andreas Rödl. Nun soll sich der gesamte Landkreis als Modellregion für die Öffnungsversuche trotz einer Corona-Inzidenz über 100. Los gehen soll‘s nach den Osterferien.

Landkreis – Bei der Lektüre des Aufmachers der lokalen Seite 1 der Freitag-ePaper-Ausgabe des Garmisch-Partenkirchner/Murnauer Tagblatts rieb sich Andreas Rödl am Donnerstagabend verwundert die Augen. Überrascht lesen musste der Bürgermeister von Oberammergau, dass sich der Markt Garmisch-Partenkirchen und acht Blaue-Land-Kommunen – Großweil, Riegsee, Uffing, Spatzenhausen, Seehausen, Schwaigen und Ohlstadt – mit Murnau an der Spitze als Modellkommunen für die Öffnungsversuche trotz einer Corona-Inzidenz von über 100 nach den Osterferien bewerben wollen. „Dieses Vorgehen hat mich schon überrascht“, sagt Rödl. Sauer auf seine Kollegen sei er nicht gewesen, „schade gefunden habe ich es allerdings schon, dass nicht Rücksprache gehalten wurde“.

Einen Alleingang hatten auch die drei Isartalgemeinden Mittenwald, Krün und Wallgau, die zur Alpenwelt Karwendel zusammengeschlossen sind, bereits zu Wochenbeginn unternommen – wie Krüns Bürgermeister Thomas Schwarzenberger per Facebook-Post wissen lässt. Er habe bereits am Dienstag in Abstimmung mit den Kollegen Enrico Corongiu (Mittenwald) und Bastian Eiter (Wallgau) stellvertretendend einen Antrag gestellt. „Ich sehe uns als absolut geeignete Region für den ländlichen Raum in Oberbayern und prädestiniert für einen Testlauf ,Tourismus unter Corona-Bedingungen‘.“

Weil doppelt genäht besser hält, schloss sich Schwarzenberger auch noch der Initiative von Rödl an, der am Freitagmorgen in die Offensive ging. Er propagiert die Rolle vorwärts und suchte den Kontakt zu den Rathaus-Chefs von Eschenlohe, Farchant, Grainau Krün, Oberau und Saulgrub – allesamt wie Rödl CSU-Mitglieder. Gemeinsam formulierten sie ein Schreiben an Landrat Anton Speer (Freie Wähler). Die zentrale Aussage: Die sechs Bürgermeister bitten Speer „unseren Landkreis als Pilotregion, angelehnt an das sogenannte Tübinger Modell, anzumelden und zu bewerben“. Auf Blatt zwei des dreiseitigen Papiers, das im Kopf das CSU-Logo trägt, wird deutlich, wie ungehalten und irritiert Rödl über das Vorpreschen von Garmisch-Partenkirchen und der acht Gemeinden aus dem nördlichen Landkreis ist. „Dieses Handeln stimmt uns sehr nachdenklich“, teilt er mit und fragt: „Hat uns die Krise bereits so weit auseinandergetrieben, dass jeder für sich selbst kämpft und es keine Gemeinschaft mehr gibt? Haben wir als Gemeinschaft nicht bessere Möglichkeiten und Chancen?“

Dem Eindruck der Kollegen, der Spaltpilz würde innerhalb der Landkreis-Gemeinden wüten, widerspricht Ohlstadts Bürgermeister Christian Scheuerer (parteifrei). „Unser Brief hat nichts mit Egoismus zu tun und war schon gar nicht parteipolitisch motiviert. Wir wollten einfach nur unseren Hut in den Ring werfen und das Beste für unsere Bürger erreichen.“ Ähnlich äußert sich Murnaus Rathaus-Chef Rolf Beuting (ÖDP). Er findet den Gedanken, dass sich der gesamte Landkreis bewirbt „super. Ich habe nichts dagegen. Ganz im Gegenteil“.

Speer hatte am Freitagvormittag alle Landkreis-Bürgermeister von einer Initiative seines Parteifreunds Florian Streibl (Oberammergau), Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler im Bayerischen Landtag, in Kenntnis gesetzt. Speer zufolge hat Streibl am Donnerstag CSU-Gesundheitsminister Klaus Holetschek und die Bayerische Staatskanzlei angeschrieben und als Modellregion auch den Landkreis Garmisch-Partenkirchen vorgeschlagen. „Ich stehe voll dahinter, dass sich der gesamte Landkreis bewirbt“, sagt Speer. Es wäre wichtig, auserkoren zu werden, da die Region aufgrund der Grenzsituation zu Tirol eine besonders schwierige Lage zu bewältigen habe.

Nicht ideal findet es Beuting, dass sich der Landkreis von einem Landespolitiker protegieren lässt. Der ÖDP-Mann, der Geschwindigkeit bevorzugt, erwartet, dass Speer „ratzfatz“ ein Schreiben an die zuständigen Ministerien formuliert. Die Chancen, dass der Landkreis zum Zuge kommt, schätzt er gar nicht so schlecht ein. Die Vorgabe, dass es in Oberbayern nur zwei Modellregionen geben soll, lässt sich seiner Meinung nach nicht halten. Die Staatsregierung müsse mehr zulassen. Nicht nur Großstädte über 100 000 Einwohner, sondern auch den ländlichen Raum, meint Beuting.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare