Dr. Clemens Stockklausner leitet die Abteilung Kinder und Jugendmedizin am Klinikum Garmisch-Partenkirchen.
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Dr. Clemens Stockklausner leitet die Abteilung Kinder und Jugendmedizin am Klinikum Garmisch-Partenkirchen.

„Nebeneffekt der Corona-Pandemie“

Hochansteckendes RS-Virus grassiert unter Kindern: Chefarzt warnt - „Massive Häufung“

  • Andreas Seiler
    VonAndreas Seiler
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Die vierte Welle trifft Deutschland mit voller Wucht. Doch es ist nicht nur Corona, das Kliniken und Praxen fordert. Seit Wochen grassiert unter Kindern das hochansteckende RS-Virus. Garmisch-Partenkirchen meldet ungewöhnlich viele Fälle.

Landkreis – Das Phänomen ist bundesweit zu beobachten: Die Wartezimmer vieler Kinderarztpraxen sowie Kinderstationen der Kliniken sind voll. Die kleinen Patienten haben Husten, Schnupfen, Halsweh und Fieber – und in besonders schlimmen Fällen Atemnot. Aber nicht Corona ist der Auslöser, sondern ein anderer Erreger mit einem sperrigen Namen: Respiratorisches Synzytial Virus, kurz RS-Virus oder RSV.

RS-Virus Symptome: Kinder mit Husten, Schnupfen, Halsweh und Fieber - Mehr Komplikationen

Medizinern ist diese Erkältungserkrankung nicht neu. Sie kommt jeden Herbst und Winter vor. Die meisten dürften damit schon einmal Bekanntschaft gemacht haben. In der Regel ist das Ganze nichts weiter als ein Schnupfen. Doch heuer hat die Krankheitswelle deutlich früher eingesetzt, sie ist stärker als in der Vergangenheit und sie führt zu mehr Komplikationen wie etwa Lungenentzündungen.

Ungewöhnlich viele Säuglinge und Kleinkinder stecken sich an. Gefährlich kann das Virus vor allem für Mädchen und Buben mit einem geschwächten Immunschutz werden, etwa für Frühgeborene. Ins Krankenhaus kommen meist Kinder im Alter bis vier Jahre.

RS-Virus grassiert in Garmisch-Partenkirchen: „So wie dieses Jahr habe ich das noch nicht erlebt“

Diesen Trend stellt auch das Klinikum Garmisch-Partenkirchen fest. „So wie dieses Jahr habe ich das noch nicht erlebt“, berichtet Dr. Clemens Stockklausner, Chefarzt der Abteilung Kinder und Jugendmedizin. Der Experte spricht von einem spürbaren Anstieg an Fällen, die zum Teil schwer verlaufen.

Es müssen auch kleine Patienten aus anderen Landkreisen behandelt werden. Ein Blick in die Statistik verdeutlicht die Zunahme: In Stockklausners Sparte werden seit einigen Wochen im Schnitt um die zehn Kinder, die sich mit RSV infiziert haben, stationär behandelt, davon zwei auf der Intensivstation. Eine hohe Quote, denn in „normalen“ Jahren sind es deutlich weniger, meist nur vier bis fünf.

RS-Virus: Viele Kinder erkrankt - „Keine risikolose Erkrankung“

Die Betroffenen bekommen bei Bedarf Sauerstoff und Flüssigkeit zugeführt – und, wenn Entzündungen hinzukommen, Antibiotika. Für Risikogruppen ist auch eine passive Impfung möglich. „Das ist keine risikolose Erkrankung“, sagt Stockklausner. Denn wenn der Körper das Virus nicht effektiv bekämpft, kann es die Bronchien und die Lunge schädigen. Sehr selten kommt es zu Todesfällen.

Die spannende Frage lautet aber: Warum fällt die RS-Virus-Saison 2021 so heftig aus? Stockklausner hält die Steigerung für ein Sonderereignis – eine Meinung, die viele seiner Kollegen teilen. „Das ist ein Nebeneffekt der Corona-Pandemie“, sagt er.

Die Begründung dieser These: Im vergangenen Jahr waren Schulen und Kitas lange Zeit geschlossen. Private Treffen fanden nur auf Sparflamme statt. Und die meisten trugen eine Maske. Die Folge: RSV war kein Thema. Doch die Immunsysteme vieler Heranwachsender bildeten keine Antikörper. Es sind jetzt zwei Jahrgänge, die zum ersten Mal auf das Virus treffen. Viele holen quasi die Infektion aus dem Vorjahr nach. Dies summiert sich mit den aktuellen Fällen.

Atemwegserkrankung RS-Virus: Chefarzt weiß - „Nebeneffekt der Corona-Pandemie“

Die Murnauer Unfallklinik, neben dem Klinikum der zweite große Medizinstandort im Landkreis, hat diese Erfahrungen nicht gemacht – aus einem simplen Grund. Der Anteil an Patienten im Kindesalter sei zu niedrig, um daraus verlässlichen Schlüsse zu ziehen, berichtet Lisa Schwede, Leiterin des Bereichs Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation.

Bei den niedergelassenen Ärzten zeigt sich indessen ein ähnliches Bild wie im Klinikum: Der Garmisch-Partenkirchner Kinderarzt Dr. Johannes Büttner, der in einer Gemeinschaftspraxis an der St.-Martin-Straße arbeitet, spricht von einer „massiven Häufung“ an RSV-Infektionen. Die Anzahl der Kleinen, die man ins Krankenhaus einweisen müsse, schätzt er, habe sich verdoppelt bis verdreifacht. Generell, hat Büttner festgestellt, verbreiten sich heuer Atemwegsinfektionen in Windeseile. Dass dafür der genannte Corona-Effekt verantwortlich ist, hält er für logisch – auch wenn es dazu noch keine Studien gebe. Aber: „Dieser Zusammenhang ist naheliegend.“

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