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Nach brutalen Schafrissen: Klare Forderung von Politik und Tierschützern – „So kann es nicht weitergehen!“

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Von: Christian Fellner

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Die Politik im Landkreis Garmisch-Partenkirchen wird nach den Schafrissen aktiv: Landrat Anton Speer und Farchants Bürgermeister Christian Hornsteiner haben an die Ministerien geschrieben.

Garmisch-Partenkirchen – Die Schafrisse in Garmisch-Partenkirchen und Farchant haben die Debatte über den Umgang mit den sogenannten großen Beutegreifern wie Bär, Wolf, Luchs oder den Goldschakal neu angefacht. Die betroffenen Viehhalter sind entsetzt, frustriert und vor allem sauer auf die Politik. Die kann auf regionaler Ebene nicht viel tun. Das betont Landrat Anton Speer (FW) im Tagblatt-Gespräch explizit: „Da ist Deutschland am Zug, das sind EU- und Bundesgesetze, über die der Wolf geschützt ist.“

Zu sehen ist ein Europäischer Wolf (Canis lupus) im Wildgatter Oberrabenstein (Chemnitz)
Handelt es sich im Raum Garmisch-Partenkirchen um einen Wolf (Symbolbild)? Niemand weiß es bisher, da die Analysen des Landesamts viel zu lange dauern - das bemängeln alle Beteiligten. © Star-Media/Imago

Und doch: Auch den Mandatsträgern in der Region stinkt es gewaltig. Der Landrat und CSU-Bürgermeister Christian Hornsteiner aus Farchant haben in kürzester Zeit nun sogar parteiübergreifend einen offenen Brief an die Minister Michaela Kaniber (Landwirtschaft) und Thorsten Glauber (Umwelt) verfasst. Der Tenor: „Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern schon kurz nach zwölf. Wir fordern die Staatsregierung auf, sofort Maßnahmen zur Entnahmemöglichkeit von großen Beutegreifern zu erlassen.“

Nach Schafrissen: Landrat macht klar - „So kann es nicht weitergehen!“

Speer macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. „So kann es nicht weitergehen“, stellt der Unterammergauer klar, der selbst eine Landwirtschaft betreibt. „Es langt, wir können das so nicht mehr hinnehmen. Sollte es ein Wolf sein, das wissen wir ja noch nicht endgültig, muss er entnommen werden.“ Die möglichen Folgen für die Almwirtschaft seien zu groß. Man müsse massiv Druck auf die Staatsregierung aufbauen.

Auf deren Aussagen verweisen die beiden Politiker in ihrem Schreiben: „Das Zitat von Markus Söder, ,der Wolf gehört hier nicht her‘, haben alle Almbauern gehört.“ Vize Hubert Aiwanger (FW) habe bei der Almbegehung in Krün ähnlich klare Worte gefunden. Der Appell: „Bitte wirken Sie endlich daraufhin, dass die gesetzliche Möglichkeit der Entnahme geschaffen und auch verwirklicht wird.“

Garmisch-Partenkirchen: Almwirtschaft durch Risse von Nutztieren in Gefahr

Die Gemeinden im Landkreis bräuchten die Almbewirtschaftung, damit die über Jahre entstandene Kulturlandschaft in dieser Art erhalten werden könne. Sollte es weiterhin Risse von Nutztieren in diesem Umfang geben, „ist die Konsequenz, dass die Almbauern vermutlich nicht mehr auftreiben“, betonen der Landrat und der Bürgermeister. „Dies bedeutet das Aus für die Almwirtschaft, die den wichtigsten Beitrag für die Biodiversität leistet.“

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Unterstützung kommt in dieser Frage von Tessy Lödermann. Die Vorsitzende des heimischen Tierschutzvereins steht bekanntlich auch bayernweit an der Spitze der Bewegung, gehört zudem dem Netzwerk Große Beutegreifer auf Landesebene an. Eines macht Lödermann zu Beginn klar: „Ich finde Wölfe, Bären oder Luchse absolut faszinierend, hab’ sie auch live schon einige Male erlebt.“ Und doch: „Wir sind in einer Situation, in der man abwägen muss.“

Selbstverständlich gehöre der Wolf zur Biodiversität. „Aber er ist nur ein Teil“, sagt die Garmisch-Partenkirchnerin. „Stellen wir den Wolf über alles andere, laufen wir Gefahr, hunderte Pflanzen und Tierarten zu verlieren.“ Dann eben, wenn keine Almwiesen mehr bewirtschaftet werden, kein Vieh mehr auf die Freiweiden ausgetrieben wird.

Nach den Schafrissen ziehen Axel Doering (Kreisvorsitzender Bund Naturschutz, li.), Tessy Lödermann (Tierschutzverein) und Landrat Anton Speer (re.) an einem Strang.
Nach den Schafrissen ziehen Axel Doering (Kreisvorsitzender Bund Naturschutz, li.), Tessy Lödermann (Tierschutzverein) und Landrat Anton Speer (re.) an einem Strang. © Fotokombo/dpa/Sehr/Fellner

Den Stellenwert der Nutztierhaltung in der Region macht Lödermann an Zahlen fest: Im Landkreis gebe es rund 7000 Schafe, 500 Ziegen und rund 2000 Stück Jungrinder, die auf 47 Almen grasen können. Die Forderung von Naturschützern, das Vieh auf den Sommerweiden einfach einzuzäunen und so vor dem Beutegreifer zu schützen, entkräftet sie sehr schnell: „Das ist in unseren Höhenlagen technisch nicht machbar. Wir haben Gräben, Rinnen, Steinfelder, Felsen, da bringt man einen Zaun niemals wolfsicher dicht.“ Die Arbeit mit Herdenschutzhunden hält sie für kaum umsetzbar. „Das geht in touristischen Regionen nicht.“ Die Hirtenhunde bergen zum einen ein gewisses Gefahrenpotenzial, zum anderen sind Versuche in der Schweiz zuletzt krachend gescheitert. „Dort sind 30 Herdenhunde von Beutegreifern gerissen worden.“

Schafsrisse in Region Garmisch-Partenkirchen: Auch Tierschützerin fordert Entnahmemöglichkeit

Trotz aller Sympathie für diese faszinierenden Wildtiere steht für Lödermann fest: „Auch Schafe haben einen Wert. Sie sind für viele Menschen nichts anderes als Katzen, ihre Züchter bauen ein sehr inniges Verhältnis auf.“ Darum fordert auch die Tierschützerin: Gibt es auffällige Exemplare, muss eine Entnahmemöglichkeit geschaffen werden.

„Dazu muss die Politik aber auch den Mut aufbringen, sich mit Umweltschutzverbänden anzulegen.“ Tonnenweise sei in den vergangenen Jahren nur Papier mit Konzepten produziert worden, es brauche „Regularien, die rechtlich sauber sind und dem Tierschutz gerecht werden“. Ihr schwebt eine Art „Waschzettel“ vor, den man abarbeiten könne.

Großer Kritikpunkt: Labor-Untersuchungen nach Rissen dauern viel zu lange - „Ein Unding“

Ein Thema ist allen Beteiligten wichtig: Die Laboruntersuchungen am Landesamt für Umwelt müssten deutlich schneller gehen. Wochenlang auf Ergebnisse zu warten, „das ist ein Unding“, schimpft Speer. „Wir müssen zeitnah wissen, wir welchem Tier wir es zu tun haben.“ Lödermann fordert, dass es maximal 48 Stunden dauern dürfe, bis der Angreifer identifiziert ist.

BN-Vertreter Axel Doering: „Über Schadwölfe müssen wir reden“

In dieser Frage stimmt den Protagonisten auch Axel Doering zu. „Sechs Wochen zu warten, das geht nicht. Das schafft nur Unzufriedenheit und Wut“, betont der Kreis-chef des Bund Naturschutz. Auch er findet keinen Gefallen an gerissenen Schafen, das macht Doering deutlich. „Für die Halter ist das schlimm, es gibt eine emotionale Bindung.“

Das würde ihm bei seinen vier Hennen nicht anders ergehen. Aber: „Den Wolf werden wir nicht mehr los.“ Das steht für ihn fest. Und doch sieht er Vorfälle wie in den vergangenen Tagen und Wochen als nicht zielführend an. „Wenn es einen Schadwolf gibt, dann müssen wir darüber reden“, stellt er klar, „im Extremfall über Lösungen nachdenken, die uns nicht gefallen.“

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